Loslassen, nicht stillstehen

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Seit fast 18 Jahren sorgt Margarete Rödter gemeinsam mit ihrem Partner Thomas Thelen für einen Ruhepol im Trubel der Stadt im Haus am Regenbaum.
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Margarete Rödter geht nun den Weg vom "Ich zum Wir". Was das für das Haus am Regenbaum bedeutet.

Aalen

Loslassen und weitergehen. Vielleicht könnte man diese Worte als Überschrift über Margarete Rödters bisheriges Leben stellen. Seit fast 18 Jahren sorgen sie und ihr Partner Thomas Thelen im Haus am Regenbaum für einen Ruhepol im Trubel der Stadt. Dort arbeiten die beiden seit 2003 als Therapeuten in ihrer Praxis für Körper- und Psychotherapie für Einzelne, Paare und Familien. Seitdem konnten Jung und Alt dort auch Workshops und Kurse belegen. Kurse, mit denen die beiden nicht nur am Zeitgeist waren, sondern ihm häufig voraus. Rund 100 Seminarleiter haben die beiden Therapeuten nach Aalen geholt. Klangschalen, Reiki, Yoga, Zen-Mediation und Qigong konnte man dort mit Experten erfahren und erlernen. Unzählige Programme, mehrere im Jahr, sind so zusammengekommen. Doch das ist nun vorbei.

"Wir haben uns bereits im vergangenen Sommer gesagt: Die Arbeit im Seminarbereich ist jetzt abgeschlossen", erzählt Margarete Rödter, Und erklärt auch warum. "Zum einem hat es sich erfüllt, zum anderem ist Freiraum nötig für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen." Die Klimakatastrophe werde uns einholen, ist die 64-Jährige überzeugt und deshalb aktiv bei Utopiaa. "Wir sind an einem Punkt, wo wir uns anderen Inhalten widmen müssen."

Sich den Dingen und den Menschen engagiert widmen, das war Margarete Rödter immer wichtig. Ihr Abitur macht sie am THG, dann geht es nach Bielefeld. Sie beginnt ein Jurastudium: "Ich wollte die Welt verändern", auch, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. "Ich merkte aber, dass das zu konventionell ist", sagt sie. Also sattelt sie um und studiert Sozialarbeit.

Ihr Anerkennungsjahr macht Margarete Rödter im Oberkochener Jugendhaus. Mit ihrem Bruder reist sie, auch aufgrund der "Lust auf Abenteuer" mit dem Fahrrad durch Europa – freilich noch mit drei Gängen. Frankreich, Spanien, Portugal, England und Irland – das erste Mal und prägend. Risikobereitschaft und Offenheit gepaart mit Engagement. Als Sozialarbeiterin kümmert sie sich in der Aalener Kanalstraße um die ersten Asylanten. Menschen, die sie heute noch kennen und stets freudig begrüßen. Als es mindestens 200 werden, die sie als einzige Sozialarbeiterin betreut, ist das für sie nicht mehr zumutbar. Nicht für ihren Arbeitsethos, nicht für die Menschen – die diplomierte Sozialpädagogin lässt los. Sie macht eine Heilpraktikerin-Ausbildung, lernt Thomas Thelen bei einem Seminar kennen, die beiden werden Eltern. Von 1992 bis 2002 leben sie in ihrem Traumland Irland, arbeiten in der eigenen Praxis für Körper- und Psychotherapie in Cork.

Ein Platz der Verbundenheit

Wir sind an einem Punkt, wo wir uns anderen Inhalten widmen müssen.

Margarete Rödter Seminarleiterin und Therapeutin

2002 kehrt die Familie nach Aalen zurück. Eigentlich sind die beiden Therapeuten nun auf Suche nach einem Angestelltenverhältnis. Doch die Voraussetzungen sind schlecht. "Manche hatten kein Verständnis dafür angesichts der damaligen wirtschaftlichen Lage, dass wir hierbleiben", erzählt Margarete Rödter. "Aber wir dachten, wenn wir was in die Stadt geben, dann bekommen wir auch einen Platz." Also beschließt das Paar, sich in der Zeit der "Ich-AG" doch wieder selbstständig zu machen. Die beiden finden das Haus in der Innenstadt. Dort betrieb die Telekom einen Laden, nun seht es leer. Nur für eine Praxis ist es allerdings zu groß. Doch die Idee, dass man vielleicht in die Stadt kommt, nicht nur um zu konsumieren, die Idee, die therapeutische Arbeit zu ergänzen, ist da. Und wird umgesetzt. Duftraum, Qigong und Tiefenentspannung in der Mittagspause, Kultur bei Gedichtabenden und indischen Konzerten, Kurse zur Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung, sanfter Medizin und Meditation. Das Haus am Regenbaum lädt zu Vorträgen mit namhaften Denkern wie etwa Ama Sami Roshi. Die Macher engagieren sich bei der Sommeraktion mit einem Zen-Garten, bei den Gesundheitstagen, bieten Pilgertage auf dem Jakobsweg, kooperieren mit dem Kino am Kocher und laden zehn Mal zum Sommermeditationscamp. Das Haus wird zu einem Ort der "Innerlichkeit, Verbundenheit und Freundschaft", wie Margarete Rödter es umschreibt.

Rund 15 Jahre lang funktioniert alles gut. "In den letzten Jahren hat sich aber viel verändert", sagt die 64-Jährige. "Die Menschen wollen sich nicht mehr festlegen, sondern spontan entscheiden und offenbleiben für eine vielleicht noch bessere Möglichkeit.." Eine zunehmende Ich-Bezogenheit, Unverbindlichkeit, vielleicht auch durch die sozialen Medien, Veränderungen in der Arbeitswelt, in der die Arbeitgeber selbst mittlerweile Kurse anbieten würden – das alles spiele hier wohl rein, so das Paar. Vieles von dem, was man im Haus am Regenbaum angeboten habe, einst als esoterisch in eine Ecke gestellt, ist heute etabliert. Doch Seminarplanung braucht Vorlauf und Verbindlichkeit. Deshalb habe man in den letzten Jahren viele Kurse selbst abgedeckt oder nur noch mit den schon bekannten Lehrer zusammengearbeitet. Das ohnehin letzte Programm zeigt das Bild einer Frau, die in die Ferne schaut. Ende März fielen dann die letzten beiden Seminare wegen Corona aus. Ein stilles Loslassen.

Weitergehen soll es aber trotzdem. Margarete Rödter leitet seit 15 Jahren die Qigong-Gruppe bei der jetzigen Aalener Sportallianz, vormals TSV Wasseralfingen, und wird sie nicht aufgeben. Weiter geben wird es die ZEN-Meditationsgruppe, die "ja alleine läuft" und die Angebote anderer fest etablierter Kursleiter. Weiter geht es auch mit dem therapeutischen Angebot, also der Paarpraxis.

Doch sonst tritt 64-Jährige im Haus am Regenbaum von der Kursleiterin aus der ersten Reihe in die zweite, wird sich aber anderem widmen. "Wenn ich sage, es muss sich etwas verändern, dann kann ich mich nicht in den Garten setzen", sagt sie. Fortgeführt wird auch deshalb der Philosophische Dialog nach Bohm, der eine neue Gesprächskultur pflegt. "Ein Aufbruch, der vom Ich zum Wir geht", sagt Margarete Rödter dazu. Das passt zum loslassen und weitergehen. Nicht stillstehen.

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