"Meine Verwandten sitzen noch in Kabul fest": Ehsan Farsi über das Dilemma in Afghanistan

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Ein Mitarbeiter eines Krisenunterstützungsteams weist die Evakuierten nach der Landung mit dem A400M in Taschkent in Usbekistan ein. Mittlerweile konnte die Bundeswehr über 2000 Menschen außer Landes bringen.
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Verwandte des Aaleners sitzen noch immer in Kabul fest. Er erzählt, weshalb es so schwierig ist, diesem Land zu helfen – und weshalb man es dennoch tun sollte.

Aalen. Es ist 1997, als Ehsan Farsi geboren wird, während seine Familie aus Afghanistan flüchtet. Kurz zuvor sind die Taliban in Kabul einmarschiert und haben das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen. 24 Jahre später lebt Ehsan in Aalen – und in Afghanistan wiederholt sich die Geschichte. Er selbst sorgt sich um seine Verwandten, die noch immer in dem Land sind. Und erläutert, weshalb Afghanistan nicht so einfach zu retten ist, wie man es im Westen gerne hätte.

Während Bilder der dramatischen Szenen am Kabuler Flughafen um die Welt gehen, häufen sich in Deutschland Vorwürfe, die Afghanen selbst hätten nicht gekämpft. Selbst US-Präsident Joe Biden erhebt vor wenigen Tagen Anschuldigungen dieser Art in einer Fernsehansprache. "Das ist nicht so einfach", sagt Ehsan, "das Land ist schon seit vielen Jahren korrupt." Und dementsprechend schwach sei die afghanische Armee. Außerdem sei es nicht leicht, in einem solchen Land gegen eine bestimmte Bewegung die Stimme zu erheben. "Das Schlimmste, was hier in Deutschland bei Demonstrationen passieren kann, ist, dass Wasserwerfer kommen oder man eine Anzeige bekommt."

Widerstand kann tödlich sein

Anders in Afghanistan: Da gehe es um Leben und Tod. "Wenn man in Afghanistan gegen die Taliban demonstriert wird man umgebracht, misshandelt, vergewaltigt, die Kinder oder die Frau werden weggenommen." Die Menschen aus dem Westen, die versuchen, über das System in Afghanistan zu urteilen, vergleichen Äpfel mit Birnen, so Ehsan. "Wir wären nicht geflüchtet, wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, dagegen anzukämpfen", sagt der 24-Jährige, der sich in Aalen schon seit seiner Jugend politisch engagiert.

Ehsans Eltern selbst stammen aus den Regionen Farah und Herat und zählen sich zu den Schiiten. "Die Taliban hassen alle, die keine Taliban sind und ihre Ideologie nicht leben, aber Schiiten haben es besonders schwer." Denn die Taliban sind mehrheitlich sunnitisch geprägt. Seine Verwandten, die noch im Land leben, fürchten sich aktuell sehr. "Sie kennen die Gräueltaten der Taliban und wissen, wozu sie imstande sind."

Ehsans Eltern stammen aus den Regionen um Herat und Farah.

Außerdem befinden sich Ehsans Schwester sowie seine Nichte und sein Neffe, vier und sieben Jahre alt, noch im Land. Wie viele andere wurden sie von dem schnellen Vormarsch der Taliban überrascht. "Aktuell sind sie sicher", versuchen aber dennoch, schnell wieder nach Aalen zu gelangen. "Mein Neffe und meine Nichte sind deutsch, meine Schwägerin befindet sich noch in der Anerkennungsphase des deutschen Passes", erläutert Ehsan. Vom Auswärtigen Amt fühlt sich die Familie alleingelassen.

Was Ehsan auch von seinen Verwandten hört: Die Waffen, mit denen die militant-islamistische Gruppe kämpft, stammen zum Großteil aus dem Westen, etwa aus den USA oder Deutschland. "Der Waffen- und Munitionsexport in solche Gebiete muss auf jeden Fall sofort gestoppt werden", betont Ehsan, "je stärker die Streitmächte werden, desto mehr Tote und verletzte wird es geben."

Langfristige Perspektive macht ratlos

Aber wie soll diesem Land langfristig geholfen werden? "Ganz ehrlich, an diesem Punkt, an dem wir gerade sind, weiß ich es nicht", sagt Ehsan. Man höre von der Politik Dinge, von den Einheimischen und von den Taliban. Allerdings solle man ernsthaft damit beginnen, das Hauptproblem in diesem Land zu erforschen und sich darum zu kümmern. "Und damit spreche ich die ganze Welt an", sagt Ehsan. "Denn alles, was wir dort drüben nicht verhindern, egal wie weit dieses Land weg zu sein scheint, es wird uns irgendwann einholen."

Afghanistan und seine Geschichte im Überblick

Die Einwohnerzahl Afghanistans schätzen die Vereinten Nationen auf etwa 38 Millionen. Davon sind etwa 80 Prozent sunnitische und 19 Prozent schiitische Muslime. Innerhalb der Gemeinschaften gibt es allerdings eine hohe Zahl weiterer ethnischer Gruppen. Doch insbesondere die Schiiten wurden in der Vergangenheit Opfer von relgiös motivierten Anschlägen.

Seit 1933 herrscht in Afghanistan eine Monarchie, unter der das Leben im Land verhältnismäßig frei war.


1973 wird der amtierende König Mohammed Sahir Shah von seinem eigenen Cousin, Mohammed Daoud Khan, entmachtet. Dessen Regierung ist jedoch sehr umstritten.


1979 marschieren Soldaten der ehemaligen Sowjetunion in Afghanistan ein.


1989, nach einem fast zehn Jahre andauernden Krieg, ziehen die Sowjets wieder ab. In der Folge kämpfen hauptsächlich die sogenannte Nordallianz, ein loses militärisches Zweckbündnis, und die Taliban gegeneinander.


1996 übernehmen die Taliban die Macht in Afghanistan.


2001 werden in Folge der Anschläge des 11. Septembers US-Soldaten nach Afghanistan geschickt. Sie sollen gegen die Taliban kämpfen, da diese Osama bin Laden unterstützt haben sollen. Gemeinsam mit der Nordallianz schaffen es die USA, die Taliban zu vertreiben.


2002 unterstützt eine internationale Soldatengruppe das Land beim Bilden einer neuen Regierung. Deutschland ist ein Mitgliedsland davon.


2018 führen die USA Friedensverhandlungen mit den Taliban, um ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen zu können.


2021 ziehen die Truppen schließlich ab. Seitdem sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch, bis sie im August das Islamische Emirat Afghanistan in Kabul ausrufen.

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