Micha Lühmann: Nach dem schweren Bike-Unfall zurück auf die Harley

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Micha Lühmann
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2019 verliert der Aalener bei einem unverschuldeten Unfall mit seinem Gespann ein Bein. Wie er danach um sein Leben kämpfte und zurück auf sein Motorrad und in sein Tattoo-Studio fand.

Aalen

Den Tag muss man genießen, bei dem guten Wetter“, sagt Michael Lühmann und lächelt, als er aus dem Fenster von „Micha’s Tattoo- und Piercingstudio“ in die Spätsommersonne blickt. Er will noch aufs Motorrad, eine kleine Tour machen. Motorräder bleiben eine von Lühmanns Leidenschaften. Auch wenn ihm diese Liebe zum Zweirad fast das Leben gekostet hat. Denn es ist auch nur eine kleine Tour auf dem Bike, bei der ein Unfall passiert, der für ihn alles für immer verändert.

Es ist ein Freitag, der 21. Juni 2019. Wie an vielen Freitagen zuvor ist Michael Lühmann unterwegs zum Harley-Stammtisch nach Fachsenfeld. Mit seinem Gespann, er selbst am Lenker. Der Beiwagen leer. „Ich war nicht schnell unterwegs. Die Maschine hatte nur 23 PS, ein Modell aus dem Jahr 1942, und dann war da auch noch der Beiwagen“, erinnert sich Michael Lühmann an die gemütliche Fahrt. Es ist auf der Straße zwischen Fachsenfeld und Treppach, als ihn das hinter ihm fahrende Auto plötzlich vom Motorrad reißt. „Es war ein junger Kerl, der mir mit der Stoßstange seines Autos in die linke Kniekehle gefahren ist“, erzählt er ruhig weiter. Laut Polizeibericht von damals ein 20-jähriger Golffahrer. „Es war ein dumpfer Schlag, dann hatte ich furchtbare Schmerzen, ein Brennen und Ziehen“, beschreibt Lühmann die Minuten nach dem Unfall.

Lühmann bleibt bei Bewusstsein, kriecht von der Fahrbahn, wie er erzählt. Das sei sein Glück gewesen, denn die gebogene Lage, die er dort einnahm, habe ihm das Leben gerettet. Zusammen mit einem Ersthelfer, einem Bundeswehrsoldaten, der beherzt Lühmanns Bein am Oberschenkel abbindet. „Es war ein Teilabriss unterhalb des Knies, aber das habe ich gar nicht richtig realisiert“, erzählt Michael Lühmann mit einem fast unmerklichen Beben in der Stimme. Er habe sogar noch telefoniert – unter anderem mit seiner Lebensgefährtin, der er tags darauf einen Heiratsantrag machen wollte. Mit dem Eintreffen der Rettungskräfte und den Medikamenten, die er bekommt, verblassen dann aber die Erinnerungen an die nächsten Stunden.

Ein Bein muss amputiert werden

Dreimal wird Michael Lühmann nach dem Unfall operiert. Die dritte OP: Amputation des Beines. Dutzende von Blutkonserven hat er da schon bekommen – doch das Bein ist nicht zu retten. Zwischendurch versagen auch Lühmanns Organe – es steht auf Messers Schneide. Er liegt ein paar Tage im Koma. Eine Niere hat er schon ein paar Jahre zuvor wegen einer Krebserkrankung verloren. Die Narbe, die sich längst über die Mitte seiner Brust bis unter den Rippenbogen zieht, hat er seit Kindertagen. Pförtnerprobleme, Magenverschluss. „Ich ziehe es schon irgendwie an“, sagt er dazu.

Wenn man Michael Lühmann heute in seinem Studio in der Oberen Wöhrstraße in Aalen erlebt, ist von all dem nichts zu spüren. Mit einem breiten, offenen Lachen, Schalk in den Augen hinter den Brillengläsern und fest auf dem Boden stehend empfängt er dort seine Kunden und Besucher. Im Hintergrund läuft Country-Musik von Willie Nelson und überall an den Wänden: Bilder von Harleys, ein „Easy Rider“-Plakat bedeckt eine ganze Wand. „Das ist Freiheit“, sagt Lühmann und dreht seinen Kopf in Richtung Poster.

Eine Freiheit, die er sich selbst auch durch den Unfall nicht hat nehmen lassen. Zwei Rehas und eine Prothese bringen Michael Lühmann zurück in ein Leben, das er nicht aufgibt. Seine Harley lässt er umbauen auf Handschaltung – als er aus der zweiten Reha kommt, holt er sie noch am gleichen Tag aus der Werkstatt. „Ich bin dann auch gleich damit von Gmünd nach Aalen gefahren“, sagt er. „Angst hatte ich keine. Man muss sich eben kurz reinfinden.“ Sein Haus wird umgebaut, bekommt größere Bäder und einen Fahrstuhl – denn trotz Prothese kann Lühmann nicht die ganze Zeit auf einen Rollstuhl verzichten, etwa wenn er sich umzieht. Die Tatöwiernadel hat er trotzdem längst wieder in der Hand – zurückgeschraubt hat er nur die Öffnungszeiten des Studios um etwa dreissig Prozent. Auch, weil er wegen des Unfalls jede Woche immer noch Termine hat und regelmäßig trainiert. Aufhören war keine Option. „Das ist mein Job, den mag ich sehr gerne. Gar nichts zu tun, das bin ich nicht“, sagt der 55-Jährige, der sein Tattoo-Studio mittlerweile seit 29 Jahren hat.

Mit Umbau zurück aufs Bike

„Natürlich hat das auch alles seine Schattenseiten“, gesteht Lühmann. Wenn etwas wegen seines fehlenden Beines nicht so gut laufe, dann rege ihn das schon auf. Auch, wenn ihn Schmerzen, vor allem Phantomschmerzen quälen. „Aber man lernt, damit zu leben.“ Dem Unfallverursacher macht er keine Vorwürfe – nicht wegen des Unfalls. „So etwas passiert, das ist Schicksal“, sagt Lühmann bestimmt. Das können jedem passieren. Aber auf eine persönliche Entschuldigung, nicht nur per Anwaltsbrief, darauf warte er bis heute.

Nicht aber auf das Leben mit seinen Abenteuern. Einen Fallschirmsprung hat er noch auf der Liste, wieder Schlagzeug spielen mit einer Band wie früher oder mit den Söhnen Musik machen, eine Motorradtour durch die USA. Dort hat er Verwandtschaft in Florida, seine „zweite Heimat.“ Daher komme auch die Liebe zur Countrymusik und Willie Nelson.

Seit seinem Unfall war Michael Lühmann schon mit seiner umgebauten Harley mehrmals in Italien – nächstes Jahr soll es bis Sardinien gehen - ab Genua mit der Fähre. „Das ist der Plan“, sagt er-. Er geht wieder angeln, steigt auch mal auf ein Gerüst, wenn was am Haus zu machen ist. „Das alles lass ich mir nicht nehmen. Das Leben ist zu schön, um sich irgendwo einzuschließen“. Und wenn es ihn „wickle“, dann sage er sich schon „Scheiße“. Aber dann stehe er auf. „Und dann ist gut“. Ohnehin sehe er viele Dinge gelassener, denke sich oft, wie banal mancher Ärger seiner Mitmenschen doch sei. „Das hat mich alles verändert“, sagt Michael Lühmann. Und fügt nach einer kurzen Pause an: „Auch positiv.“ Ganz unverändert aber zieht es ihn auf seine Harley. „Wenn ich auf dem Ding sitze, dann ist alles wie weggeblasen.“

Damit Micha Lühmann nach seinem schweren Unfall wieder auf Motorrad steigen kann, hat er sich eine Harley Davidson modifizieren lassen. Nun kann er statt mit dem linken Fuß mit der linken Hand die Gänge schalten .
Micha Lühmann.
Micha Lühmann.
Micha Lühmann.
Micha Lühmann.
Damit Micha Lühmann nach seinem schweren Unfall wieder auf Motorrad steigen kann, hat er sich eine Harley Davidson modifizieren lassen. Nun kann er statt mit dem linken Fuß mit der linken Hand die Gänge schalten . Foto: Oliver Giers
Damit Micha Lühmann nach seinem schweren Unfall wieder auf Motorrad steigen kann, hat er sich eine Harley Davidson modifizieren lassen. Nun kann er statt mit dem linken Fuß mit der linken Hand die Gänge schalten . Foto: Oliver Giers

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