Mit dem Roller bis ans Nordkap

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Es war eine Grenzerfahrung – und was für eine. Nur mit ihrem kleinen Motorroller ist Antje Freudenthal von Aalen bis ans Nordkap gefahren. Ihre Beweggründe und ihre Eindrücke schildert sie exklusiv für die Schwäbische Post.

An einem Montag, kurz vor 16 Uhr: Von Weitem erkenne ich das Nordkap, Tränen schießen mir in die Augen. Ich kann mein Glück kaum fassen, heule Rotz und Wasser vor Freude. Ich habe es tatsächlich geschafft. Mit meinem Motorroller Reina erreiche ich nach 14 Tagen und 3992,7 Kilometer das Nordkap. Zu diesem Zeitpunkt bin ich 33 Jahre alt und gerade mit einer Abfindung aus einer Managerposition ausgeschieden. Der stressige Alltag hatte mich niedergestreckt. Es musste eine Entscheidung für mein weiteres Leben her. Ich sollte dazusagen, dass ich gerne reise und für wichtige Entscheidungen einen klaren Kopf benötige. Diesen bekomme ich nur, wenn ich mich in Extremsituationen bringe. Ich muss mich komplett aus dem Alltag herausnehmen und etwas Besonderes erleben. Ich brauche die absolute Ablenkung von meinem normalen Leben. Vor einigen Jahren hatte ich bereits eine Reise mit meinem Motorroller unternommen. Während dieser Reise taufte ich ihn Reina, spanisch für Königin. Mit 110 Kubikzentimeter fuhr er maximal 80 Stundenkilometer, eine Tankfüllung brachte mich bei einem Verbrauch von 2,5 Liter pro 100 Kilometer ungefähr 200 Kilometer weit. Die Idee für die Nordkapreise wurde von meinem Umfeld für verrückt gehalten. Sie war zum Zeitpunkt der Ausführung keine vier Wochen alt, gerade mal zwei Wochen hatte ich daran geplant. Die Inspiration erhielt ich von meinen Großeltern. Sie hatten vor allem Norwegen jahrelang mit dem Reisemobil erkundet und schwärmten von der Ruhe und der Natur. Bei der Planung habe ich natürlich überlegt, was ich brauche und was nicht. Zelt und solche Dinge waren gleich ausgeschieden, zu wenig Platz. Aber zumindest mein Kameraequipment, das Smartphone für Kommunikation und Tagebuch sowie ein Notfallset für Unfall oder Panne mussten mit. Wo ich all das Gepäck unterbekommen habe? Ein Motorroller bietet nicht viel Staufläche. Im kleinen Stauraum unter dem Sitz befindet sich ein kleines Fach, ungefähr zwei Motorradhelme groß. Hinter der Sitzfläche auf einer Halterung sitzt noch ein Hartschalenkoffer, etwas größer als ein 5-Liter-Ersatzkanister. Noch ein Rucksack dazu, fertig. Das Schöne an diesem Platzmangel ist, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Das hilft auch im alltäglichen Leben. Man fragt sich nämlich bald immer häufiger: Brauche ich das wirklich? Aber keine Angst, natürlich konnte ich unterwegs in einigen Unterkünften waschen. Daher hatte ich nur Gepäck für zehn Tage dabei. Sechs Wochen dauerte die Reise. Aus geplanten 6000 Kilometern wurden 10 500. Ich werde oft nach Bedenken und Angst gefragt. Klar, mit dem Auto oder Wohnmobil wäre der Trip einfacher und sicherer gewesen. Aber mit dem Roller ist man näher an der Natur. Ich wollte ja auch anhalten und fotografieren. Den Roller stellt man einfach an den Straßenrand. Dann war da noch der Faktor Geld. Skandinavien ist teuer für Autos und Wohnmobile. Es gibt eine Maut und hohe Spritpreise (etwa 1,70 Euro pro Liter Super). Noch wichtiger: Ich wollte mit mir alleine sein, nachdenken können, meine Grenzen ausloten. Das ging nur mit Reina. Zudem hatte ich meinen Automobilclub. Tatsächlich brauchte ich nur einmal dessen Hilfe und zwar in Oslo. Der zweite Werkstatt-Stopp war geplant. Bei den Vorbereitungen für die Reise wurde mir schnell klar, dass die Reifen die vielen Kilometer nicht durchstehen würden. Daher kontaktierte ich im Vorfeld eine Werkstatt in Sundsvall (Schweden) und vereinbarte einen Termin zum Reifenwechsel. Das ging auch superschnell. Hat keine 45 Minuten gedauert, inklusive Fototermin, weil mein Besuch auf der Facebookseite der Werkstatt verewigt wurde. Ich bin stolz auf meine Leistung, tue sie dennoch als normal ab, wenn ich darauf angesprochen werde. Jeder hat so seine Macken und Besonderheiten. Ich wollte abschalten, mich von meinem Managerjob erholen und mich finden. Natürlich braucht man Zeit und Geld für solche Eskapaden. Im normalen Alltag hat man dazu kaum eine Chance. 5 000 Euro hat mich die Reise gekostet. Aber jeder Cent hat sich gelohnt. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, beeindruckende Landschaften gesehen und magische Momente am Nordkap oder auf der Felsplattform Preikestolen erlebt. Manchmal kamen mir vor Freude oder Ehrfurcht die Tränen. Diese Eindrücke nimmt mir niemand mehr. Heute steht Reina in meiner Garage. Bei schönem Wetter düse ich damit durch die Stadt zum Einkaufen oder zu meinem geliebten Bouletraining. Natürlich sitzt im Hinterkopf schon wieder der Gedanke an eine neue Reise. Ich kann mir einiges vorstellen: eine Europarundreise oder die Traumstraße Route 66 quer durch die USA. Es gibt so viele schöne Ziele auf der Welt. Aber im Moment ist das finanziell nicht drin. Als selbstständige Reisebloggerin bin ich viel auf Achse, ob in der Realität oder im Kopfkino. Diese Tätigkeit ist übrigens eine Konsequenz aus der Nordkapreise. Damals wollten meine Familie und Freunde wissen, wo ich bin und wie es mir geht. Ich wollte nicht jedem einzeln schreiben, also legte ich meinen ersten Reiseblog an. So konnten alle mitfiebern. Als ich wieder zu Hause war, schwärmten alle von meinen Bildern. Eine Fotoausstellung ergab sich daraus. Mittlerweile habe ich die dritte Ausstellung abgeschlossen und plane schon die nächsten beiden. Außerdem ist ein Buch aus meinen Aufzeichnungen entstanden. Wenn ich Ihnen noch einen Tipp aus dem Reiseblogger-Nähkästchen geben darf: Planen Sie jede Reise so, als sei es Ihre einzige für dieses Reiseziel. Wenn Sie doch noch einmal zurückkehren, können sie immer noch ins Detail gehen oder auch mal einen Tag am Strand liegen. Aber lassen Sie genügend Freiraum für Überraschungen und Änderungen. Lassen Sie zudem Ihr Smartphone zumindest für die Arbeitswelt ausgeschaltet. Die Welt geht nicht unter, wenn Sie 14 Tage nicht erreichbar sind.

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