Montagsspaziergang und Gegendemo in Aalen

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Mehr Teilnehmer denn je, nahmen am jüngsten Montagsspaziergang durch die Innenstadt teil. Fotos opo
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Erstmals treffen Impfgegner und Impfbefürworter öffentlich aufeinander. Dialog gibt's keinen, Ausschreitungen aber zum Glück auch nicht. Die Polizei zeigt verstärkte Präsenz.

Aalen

Es werden mehr, die Polizei spricht von 700 Impfgegnern und Skeptikern der Corona-Politik, es waren aber wohl 800+, die sich am Montag, gegen 17.30 Uhr, zum „Spaziergang“ durch die Innenstadt vorm MercaturAA trafen. Die geimpfte Mehrheit im Ostalbkreis vertraten rund 60 Menschen, die sich zur Kundgebung vorm Rathaus versammelt hatten. Organisiert worden war diese von der Linken und deren Jugendorganisation Solid. Weil Grüne Jugend und Jusos kurzfristig abgesagt hatten, gab es dort weniger Redebeiträge.

Solid-Kreissprecher Andreas Stephan betonte eingangs, es sei wichtig, all jenen, „die zweifeln nicht mit Hass zu begegnen, sondern den Dialog zu suchen, egal wie schwer das manchmal fällt“.

Wie schwer das tatsächlich ist, zeigt die Reaktion auf der anderen Seite der Metallzaun-Absperrung, die die Polizei mit Einsatzwagen verstärkt und so den Zugang zum Rathausplatz quasi verbarrikadiert hatte. Dort wird mit Trillerpfeifen und Tröten reagiert. Lautsprecher-Ermahnungen der Polizei, Abstände und Maskenpflicht einzuhalten, schreien die Impfgegner kontinuierlich mit „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“ nieder.

Eine Diktatur mag Linken-Vorstand Thomas Jensen in Deutschland nirgends zu erkennen. Er fragt sich, was das Motiv der „Spaziergänger“ ist. Diese lieferten „Krach und keine Argumente“, ließen sich „von Rechts instrumentalisieren“, deklarierten Demonstrationen als Spaziergänge, um diese nicht anmelden zu müssen und sich so der Verantwortung zu entziehen.

Zuvor spricht Herma Geiß für Attac Aalen und das Aalener Bündnis „Entwicklung braucht Entschuldung“. Sie rückt den Begriff der Solidarität in den Fokus. Alle litten unter der Pandemie, besonders Berufstätige in Pflege, Einzelhandel oder Gastronomie. „Sie alle haben unsere Solidarität verdient, sie alle verdienen es, dass wir alles dafür tun, uns gegenseitig zu schützen, und dazu gehört auch, uns impfen zu lassen“. Geiß weitet den Blick hinaus in die Welt, spricht von fehlender globaler Impfgerechtigkeit, erinnert an erschreckend niedrige Impfquoten in Afrika oder Südamerika, und warnt davor, dass dies über kurz oder lang immer neue Corona-Mutationen bringen werde.

Die Polizei hat am Montagabend personell aufgerüstet, um für das erste öffentliche Aufeinandertreffen von Impfgegnern und Impfbefürwortern gewappnet zu sein, wie Polizeisprecher Holger Bienert auf Anfrage sagt. Es sei alles friedlich geblieben, zieht er am Ende Bilanz.

Maskenpflicht und Abstände haben die meisten „Spaziergänger“ ignoriert, eingeschritten ist die Polizei nicht. „Hier geht es um Verhältnismäßigkeit und Durchsetzbarkeit“ erklärt Bienert, sagt aber auch, dass das Bildmaterial, das die Polizei fleißig gesammelt hat, nun ausgewertet wird und jene, die bei Verstößen identifiziert werden können, mit Anzeige und Bußgeld rechnen müssten.

Um 18.15 Uhr ist der erste Spaziergänger-Stopp vorm Rathaus vorbei, und als Pfarrer Bernhard Richter sich mit 15 Christen gerade vor der Stadtkirche zum Friedensgebet versammelt hat, „spazieren“ die meisten der Impfgegner lautstark zurück zum Ausgangspunkt MercaturAA, um danach die zweite Runde über Mittelbachstraße zum Rathaus, mit einem weiteren Protest-Stopp dort, anzutreten. Auch hier bleibt alles friedlich, die Gegendemonstration ist da schon beendet worden.

Mit Schlagermusik, Lichterketten und einigen Transparenten ist die sehr heterogene Gruppe der „Spaziergänger“ unterwegs. Einige geben offen zu, dass sie die Montage auch nutzen, um in der für sie aktuell sehr kontaktarmen Zeit Gleichgesinnte zu treffen. Ihren Namen in der Zeitung lesen, wollen sie aber nicht.

Dass einige unter den „Spaziergängern“ ganz existenzielle Sorgen umtreiben, das macht der Umstand deutlich, dass zwei Beschäftigte der Ostalbkliniken am MercaturAA Unterschriften gegen eine Impfpflicht für Pflegeberufe sammeln, aber unbedingt anonym bleiben wollen.

Innenstadtverein ACA, Stadt und die „Spaziergänger“

In der vergangenen Woche kamen immer wieder Fragen auf, ob im Handel Maßnahmen gegen die Corona-Spaziergänge unternommen werden. „Der ACA-Vorstand hat sich hierzu mit OB Fredrick Brütting abgestimmt und klar entschieden, dass man sich zu diesem Thema neutral verhalten und keine Maßnahmen ergreifen werde“, sagt Myriam Henninger, die sich bei der Stadtverwaltung auch um das Thema ACA kümmert. Dieses politische Thema solle nicht in den Geschäften ausgetragen werden, so die Absprache. Aus Angst oder wegen geringer Erwartungen auf Umsatz haben am Montagabend aber viele Geschäfte auf dem Marktplatz bereits um 17 Uhr ihre Pforten für Kundschaft geschlossen. Der Kubus beispielsweise war komplett zu, bis auf die Gastronomie dort.

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„Solid Ostalb“ und der Ortsverein Aalen-Ellwangen „Die Linke“ baten zur Kundgebung auf dem Rathausvorplatz, um ein Zeichen gegen die „Spaziergänge“ zu setzten. Links im Bild Thomas Jensen.

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