Mountainbiken - ein Selbstversuch

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Auch richtiges Kurvenfahren will gelernt sein.
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Carsten Schymik gilt als eine Art Mountainbike-Guru der Ostalb. Seit Mai ist er lizenzierter MTB-Fahrtechniktrainer. Ein Schnupperkurs zeigt, dass Radfahren nicht gleich Mountainbiken ist.

Aalen

Mountainbiken? Na klar kann ich das. Dieser Meinung war ich zumindest bis Montagabend. Schließlich habe ich seit 20 Jahren beim Freizeitradeln so ein robustes Geländefahrzeug mit zwei breiten Reifen unterm Hintern. Und bin damit in den Bergen auch schon öfter auf holperigen Schotterwegen hoch und weiter über die Baumgrenze hinaus gestrampelt. Wenn auch seit zwei Jahren dosiert elektrounterstützt - dem Älterwerden geschuldet.

Doch seit Montag weiß ich: Ich kann Radfahren. Aber (noch) nicht Mountainbiken. Den Zahn hat mir Carsten Schymik bei einem zweistündigen Schnupperkurs gezogen. Der 47-Jährige Waldhäuser gilt hierzulande als eine Art Mountainbike-Guru. Neben Alpenüberquerungen und dem Schreiben von Mountainbike-Führern ist er ständig auf der Suche nach neuen und unentdeckten Pfaden und Trails.

Seit Mai dieses Jahres ist der Entwicklungsingenieur zudem lizenzierter Fahrtechniktrainer (Level II) der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB).

Seine Einladung zu einem Schnupperkurs nehme ich spontan an. Doch das Herz rutscht mir jäh in die Hose, als ich die zweite Kursteilnehmerin kennenlerne, die Sportökonomie studierende und Stoneman-erfahrene Melli (30). Dass sie in diesem Sommer den 127 Kilometer langen und über 4700 Höhenmeter führenden Alpen-Trail in der Schweiz mit ihrem unmotorisierten Bike bezwungen hat, erwähnt sie eher beiläufig.

Plötzlich fühle ich mich ganz fad, wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier. „Aber das ist viel besser als jemand, der sich schon falsche Techniken angeeignet hat“, macht mir Carsten Mut und schultert seinen Rucksack mit integriertem Protektor.

1 Den Sitz niedrig stellen: „Mountainbiken beginnt dort, wo der Kiesweg endet“, sagt er. Als wir in Waldhausen Richtung Übungsgelände, der Pumptrackanlage, strampeln, haben wir unsere Fahrradsitze bereits niedrig gestellt. Die erste Lektion: „Wir sitzen nur, wenn wir den Berg hochkurbeln.“ Andernfalls, weiß Carsten, verschenke man unnötig Bewegungsfreiheit und riskiere, dass der Hintern weht tut.

2 Sicher in die Pedale:„Kein Problem“, denke ich. Schließlich bin ich schon als Kind ohne Stützräder ausgekommen. Linkes Pedal nach unten, den linken Fuß drauf, beide Hände am Lenker. Das rechte Bein schwinge ich von hinten über den Sattel. Geht doch. Wie? Jetzt auch von der anderen Seite aus? Hab ich noch nie probiert. Rechtes Pedal unten, Fuß drauf ... ich kippe samt Rad. Beim dritten Anlauf klappt's endlich - wenn auch wenig elegant. Erster Aha-Effekt: Ich fühle mich wie ein Anfänger.

3 Schon bei der Kurvenaction bin ich völlig im „Flow“. So nennen die Mountainbiker den Zustand höchster Konzentration. Meine Aufgabe: eine Kurve nach links in den Feldweg, mit ordentlich Bewegungsablauf und ohne Sturz. Klappt. Ich bin zufrieden. Und Carsten? „Der klassische Flamingo“, kommentiert er meine Beinstellung auf den Pedalen. „Ein Bein oben, das andere unten - so wie man es beim Mountainbiken NICHT macht.“ Er nimmt einen dürren Ast, legt ihn vor mir auf den Boden. „Und jetzt balancier mal drauf mit beiden Füßen.“ Ich stelle mich jeweils mit der Fußmitte drauf, gehe dabei leicht in die Knie, wie beim Skifahren. Und merke: So kann ich mich ausbalancieren. „Das musst Du aufs Fahrrad übertragen“, weist mich Carsten an und macht's vor. Er fährt in die Kurve, die Pedale waagerecht, der Oberkörper gebeugt, die Hüfte leicht nach oben, winkelt die Ellenbogen wie Engelsflügel vom Körper weg und gibt mit den Armen Druck auf den Lenker. Ganz schön viel Input für den Moment. Und ich merke: Ohne üben, ohne ständiges Wiederholen, klappt hier gar nichts. Bis ich so flüssig wie Carsten über die Hügel des Pumptracks schaukeln kann, ist es noch ein weiter Weg.

4 Eine Vollbremsung mit blockierten Rädern ist verpönt: „Erstens, weil wir beim Mountainbiken grundsätzlich Wege schonend unterwegs sind“, erläutert Carsten. „Zweitens, weil sich ein durch Vollbremsung blockiertes Rad nicht mehr lenken lässt.“ Eine heikle Sache. Denn um die Kontrolle über mein Bike zu haben, muss ich mit den Zeigefingern an den beiden Bremshebeln ein Gespür entwickeln für den Schleifweg meines Fahrrads und wissen, wo der Druckpunkt sitzt.

5 Der sichere Notabstieg am Berg: „Nie nach vorn, sondern immer nach hinten, übers Hinterrad. Das Rad halte ich dann am Sattel fest“, trichtert uns Carsten wiederholt ein. Bei einem Abstieg nach vorne, mit dem Rahmen zwischen beiden Beinen, bewege man sich in der absoluten Todeszone. „Am Berg haben wir da keine Chance mehr. Das Rad geht mit uns durch und wir riskieren einen Handgelenks-, Nasenbeinbruch oder Schlimmeres.“

6 Den „Trackstand“, Mountainbiker nennen ihn die Killer-Kombi aus Balance und Bike-Ästhetik, probiere ich dann nicht mehr. Auf dem stehenden Rad zu balancieren, ohne einen Fuß auf dem Boden stehen zu haben - nein, das ist dann fürs Erste doch zu viel für mich. Auch, weil mir langsam die Puste ausgeht. Ich lasse Carsten machen. Er rollt in Schrittgeschwindigkeit auf eine Sitzbank zu, die Pedale waagerecht, bremst leicht ab und fährt mit dem Vorderrad gegen die Bank, schlägt den Lenker ein und hält nur mit dem Pedaldruck das Gleichgewicht. Wozu das gut ist? „Zum Beispiel, um in einer kniffligen Passage im Gelände einfach mal stehen bleiben zu können und die Lage zu sondieren“, sagt Carsten. „Aha“, sage ich und denke, dass ich ohnehin wohl noch eine ganze Weile mit Kies- und Schotterwegen vorlieb nehmen muss. Zumindest solange, bis mir die Basic-Skills in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Trockenübungen für die Kurventechnik. Foto: Peter Hageneder
"Trockenübung" für die richtige Haltung auf dem MTB.
Melli legt sich mit waagerechter Pedalstellung in die Kurve.
Carsten Schymik zeigt, wie man es nie machen sollte: Absteigen nach vorne. "Das ist die Todeszone."
MTB-Fahrtechniktrainer Carsten Schymik.
Immer am MTB: Fahrtechniktrainer Carsten Schymik.
Grenzt an Akrobatik: der Trackstand, ein geschickter Move, der einem auf dem Trail die Möglichkeit gibt, für einen Moment durchzuschnaufen - auf zwei Rädern im Stehen, wohlgemerkt!
Mit Tempo auf die Kuppe und dann - nein, keine Vollbremsung - sondern die Bremsen beim Abwärtsfahren dosiert schleifen lassen. Fotos: Peter Hageneder
Volle Konzentration auf der Kuppe, die beiden Zeigefinger liegen permanent auf dem Bremshebel.
Der Übungstrail ist mit gelben und roten Hütchen abgesteckt.

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