Oh Schreck, sie ist hochbegabt

  • Weitere
    schließen
  • schließen

Ja, sie war geschockt, als sie das Testergebnis ihrer zehnjährigen Tochter in der Hand hielt: "Verdacht auf intellektuelle Hochbegabung". Wie eine schlimme Krankheit klang das in den Ohren der Mutter. Mittlerweile hat Marianne M. (Name geändert) die Aalener Elterngruppe des Landesverbands für Hochbegabte wieder aktiviert. In geschütztem Rahmen können sich Eltern und Kinder hier begegnen.

"Bitte kein Foto und auf keinen Fall den Namen nennen." Noch immer hat die Mutter ihre Angst nicht abgeschüttelt, dass die Hochbegabung ihrer Tochter ans Licht der Öffentlichkeit dringt. Dass Mitschüler davon Wind bekommen könnten, ist für sie eine Horrorvorstellung. "Tina (Name geändert) würde dann schnell als Angeberin und Streberin abgestempelt, würde den Neid ihrer Mitschüler auf sich ziehen. Die Gefahr, dass sie gehänselt und gemobbt würde, ist einfach zu groß", befürchtet Marianne M. Ohnehin hat es ihre zehnjährige Tochter nicht leicht in der Schule. Nicht, weil sie nicht das große Einmaleins beherrscht. Und auch nicht, weil sie Spatz mit "i" schreibt. Ganz im Gegenteil: "Weil sie Dinge viel schneller auffasst und abspeichert, wird es ihr schnell langweilig im Unterricht. Hausaufgaben sind aus ihrer Sicht verschenkte Zeit. Daher braucht es immer wieder unsere ganze Überredungskunst, bis sie sich nachmittags endlich an ihren Schreibtisch setzt", seufzt Marianne M. "Manchmal träumt sie zwei Stunden über einer Aufgabe, die sie eigentlich in fünf Minuten erledigen könnte." Mittlerweile weiß die Mutter, dass es auch mit der Hochbegabung zusammenhängt, wenn Tina Erlebnisse nicht so unbekümmert hinnimmt wie andere Kinder in ihrem Alter. "Es kann sein, dass sie das noch wochenlang ganz intensiv beschäftigt", erzählt Marianne M. Wie vor zwei Jahren, als eine Nachbarin der Familie gestorben ist. "Noch lange Zeit danach war Tina weinerlich und stand oft plötzlich in Tränen aufgelöst vor mir, scheinbar ohne ersichtlichen Grund", erinnert sich die Mutter. Weil sie sich irgendwann keinen Rat mehr wusste, nahm sie Tina mit zur Schulpsychologin. "Bereits nach einem kurzen Gespräch hat sie uns empfohlen, sie auf Hochbegabung testen zu lassen." Hawik IV (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder) heißt der IQ-Test, der vor allem Sprachverständnis, wahrnehmungsgebundenes logisches Denken, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit auslotet. Ein dreistündiger Test, danach stand fest: Tina hat einen Intelligenzquotienten von 136. Zum Vergleich: Von einer durchschnittlichen Intelligenz spricht man bei einem IQ-Wert von 100, ein Quotient ab 115 gilt als außergewöhnlich hoch. Als hochbegabt wird ein Kind bezeichnet, wenn es einen IQ-Wert von 130 und mehr erreicht – laut Fachliteratur betrifft das zwei Prozent der Kinder eines Jahrgangs. "Wenn man das hört, denkt man leicht: wow, ein Wunderkind. Dem fällt alles zu, es kann Klavierspielen, es weiß einfach alles und fortan ist alles Friede, Freude, Eierkuchen."

Marianne M. allerdings hat das Testergebnis, wie sie selbst sagt, anfangs hart getroffen. "Wir hatten es zwar vermutet. Aber es war dennoch erst einmal ein Schock für mich." Wieder und wieder beruhigten sich die Eltern gegenseitig: Es ist keine Krankheit. Aber sie wissen: Tina hätte mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, und mit Neid, wenn sich ihre Hochbegabung herumsprechen würde. Ständig ist Marianne M. in Sorge, dass die anderen merken, dass Tina nicht viel für gute Noten tun muss und anfangen könnten, sie zu hänseln. "Denn es gibt ganz bitterböse Geschichten von anderen hochbegabten Kindern, die ständig über Bauchweh klagen und nicht in die Schule wollen. Oder in ihren Leistungen bewusst nachlassen, bis sie die Klasse wiederholen müssen." Tina hat Glück: Bislang gilt sie unter ihren Klassenkameraden als normale Mitläuferin. Tina ist vor allem in Naturwissenschaften und Sprachen begabt. Momentan bringt sich die Zehnjährige am Computer Latein selbst bei – auf das schulergänzende Bildungsangebot sind die Eltern durch explorhino – die Werkstatt junger Forscher an der Hochschule Aalen gestoßen. Schon als sie fünf war, hat sich Tina für das Wahlsystem interessiert. Während Gleichaltrige Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, denkt sie für sich und den Papa Rollenspiele aus. Bei anderen Kindern kommt das nicht so gut an. "Denn Tina beansprucht die höchste Position stets für sich. Sie ist dann entweder Bundestagspräsidentin oder Polizeichefin", berichtet die Mutter. Sie selbst sei anfangs wie mit Scheuklappen herumgelaufen, habe sich niemandem anvertrauen wollen, sich immerzu eingeredet "das betrifft nur uns". Mittlerweile haben sich die Eltern vernetzt im Landesverband Hochbegabung, wo sie gelernt haben, wie sie Tina unterstützen und fördern können. Tina wurde in die Hector-Kinderakademie an der Kappelbergschule Hofen aufgenommen. Die von der Hector-Stiftung II finanzierte Akademie fördert begabte und besonders interessierte und motivierte Kinder im Grundschulalter. Weil das Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd Schülerinnen und Schüler erst ab Klasse 7 aufnimmt, wird Tina zum nächsten Schuljahr in ein ganz normales Gymnasium wechseln. "Solange meine Tochter gefordert wird und immer eine Aufgabe hat, in die sie sich reinknien kann, ist alles gut", weiß Marianne M.

Aalener Elterngruppe des Landesverbandes Hochbegabung

In der Aalener Elterngruppe

des Landesverbandes Hochbegabung (LVH) erfahren Eltern hochbegabter Kinder Unterstützung und können sich gegenseitig austauschen. Mittlerweile treffen sich hier regelmäßig zehn Elternpaare. "Das Gesprochene bleibt im geschützten Rahmen", versichert die Mutter eines hochbegabten Sohnes.

Zu den Angeboten

gehören gemeinsame Unternehmungen wie ein monatlicher Spielenachmittag für die Kinder, gemeinsame Wandertage und Familienwochenenden. "Das Tolle ist", berichtet eine Mutter, "dass die Kinder im Alter von 8 bis 18 Jahren miteinander spielen, ohne zu murren und zu maulen."

Kontakt

über Telefon (07367) 9234739 oder E-mail an:

. Die Elterngruppe wird geleitet von geschulten und ehrenamtlichen Ansprechpartnern des LVH.

Zu den Zielen

der Elterngruppe gehört, das Selbstwertgefühl zu stärken, die Eltern zu informieren und zu ermutigen. Eine gesellschaftliche Akzeptanz für die Hochbegabung zu erreichen und die Lehrer für eine entsprechende Förderung zu sensibilisieren.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL