Pflege zu Hause – ein Knochenjob

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Angehörige daheim zu pflegen bedeutet: „ständig Sorgen, ständig Umsorgen“, hieß es in der Diskussion. Symbolfoto: shutterstock
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Sorgen und Nöte pflegender Angehöriger: Online-Diskussion mit Bundestagsabgeordneten zeigt einiges an Verbesserungsbedarf und mögliche Hilfen auch im Ostalbkreis.

Aalen

Zukunft der Hilfen für häusliche Pflege im Ostalbkreis – Titel einer Online-Diskussion, zu der der Kreisfrauenrat und Supervisorin Christine Class am Mittwochabend eingeladen hatten. Unter der Moderation von Martin Weweler, Geschäftsführer der katholischen Sozialstation St. Martin, ging es um Sorgen, Nöte und Bedürfnisse pflegender Angehöriger. Konkret formuliert waren die in Statements, die jeweils in Fragen mündeten an die drei Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter (CDU), Leni Breymaier (SPD) und Margit Stumpp (Grüne).

Anne Klöcker umriss in einem Eingangsimpuls als „Eine von Vielen“, wie Pflege eine feste Größe in Deutschland ist: 4,13 Millionen Menschen sind pflegebedürftig, 3,31 Millionen von ihnen werden zuhause versorgt – davon 2,33 Millionen durch Angehörige. Für letztere sei diese oft über Jahre andauernde Tätigkeit „ein Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und Abgrenzung“, ein zeit- und nervenaufreibender Job im Dschungel von Anforderungen und bürokratischen Hürden der Behörden, Pflege- und Krankenkassen. Alle drei Bundestagsabgeordneten lobten die kompakte Darstellung und berichteten von Pflege aus eigenem Erleben in der Familie, teilweise waren sie selbst in der Rolle der Pflegenden.

In kurzen Vorträgen schilderten pflegende Angehörige dann, wo der Schuh drückt. „Wir sind die Finanziers der Pflege“, aber sie fühle sich nicht anerkannt, sagt Annegret Schatz, die einen Parkinson-Kranken daheim versorgt. Ihr Forderungskatalog reicht von finanziellem Ausgleich über bundesweit einheitliche Standards der Pflegeberatung bis hin zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe. Eine andere Forderung einer Angehörigen, stellvertretend von Christine Class vorgetragen: weniger Bürokratie und mehr Selbstbestimmung, damit auch mehr Würde für Pflegende, indem ihnen ermöglicht wird, eigenständig über das Unterstützungsbudget und damit die Art der Versorgung ihres Patienten zu verfügen.

Egon Behr, Sprecher der Selbsthilfegruppe pflegender Angehöriger aus Schwäbisch Gmünd, ist „zunehmend frustriert über die Gesetzeslage“. Kindererziehung werde bei der Altersvorsorge „stark gewürdigt“, Pflegeleistung aber unzureichend angerechnet. „Es gibt Beispiele in Europa, wie ein besseres Modell aussehen könnte.“ Uwe Engelmann, Vater einer behinderten Siebenjährigen, vermisst vor allem Angebote zur stundenweisen Entlastung bei der Betreuung, so dass zumindest Teilzeit-Berufstätigkeit wieder möglich werde.

Die drei Bundestagsabgeordneten hatten sich auf die Statements der Pflegenden gut vorbereitet. Unisono plädierten sie für den Ausbau von Tages- und Kurzzeitpflegeangeboten, für mehr Unterstützung von Pflegenden und sehen Handlungsbedarf bei der Anerkennung von Pflegezeiten bei der Rente.

Leni Breymaier: Das ganze Thema Pflege dürfe man nicht losgelöst von der Finanzierung besprechen, so die SPD-Abgeordnete. Ihr Konzept: Einführung einer Bürgerversicherung, „auch die Vermögenssteuer ist eine Möglichkeit, mehr Geld ins System zu kriegen“, Zuzahlungen deckeln „und nicht die Leistungen“, Pflegelotsen einführen.

Roderich Kiesewetter: Der CDU-Abgeordnete will den Pflegestützpunkt im Ostalbkreis weiterentwickeln und schlägt vor, eine neue Art von Pflegebetreuungsdienst auf der Ostalb, in Kombination mit FSJ oder Bufdi zu organisieren, als Entlastung für Eltern. Mit der jüngsten Pflegereform sei unter anderem erreicht, dass die finanzielle Beteiligung an Pflegeheimkosten nach und nach gedeckelt werde. Die Pflegekassen seien verpflichtet worden, alle drei Jahre einen Evaluierungsbericht vorzulegen. Auf Einwände in der Diskussion, das sei zu langwierig, sagt er: „Das Gesetz ist neu, man kann nicht sofort nachsteuern“.

Margit Stumpp: Sie musste Veranstaltung wegen einer Veranstaltung im Wahlkreis vorzeitig verlassen, sieht aber einen ganzen „Strauß von Herausforderungen“. Ihre Vorschläge: eine zentrale Anlaufstelle für pflegende Angehörige einrichten, unterstützende Dienste ausbauen, zum Beispiel durch Kräfte wie die früheren Gemeindeschwestern, Rahmenbedingungen schaffen, um Pflege im Quartier zu etablieren.

Alle drei Abgeordneten appellieren an Betroffene, sich und ihren Forderungen mehr Gehör zu verschaffen, lauter zu werden. Breymaier: „Notfalls müssen Sie das Lautsein delegieren!“ Insbesondere in den Koalitionsverhandlungen im Herbst komme es darauf an, sich Gehör zu verschaffen. Denn die Lobby der stationären Pflege sei immens.

Wir sind die Finanziers der Pflege.“

Annegret Schatz, pflegende Angehörige

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