Pflegende Angehörige suchen Halt

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Plötzlich ein Pflegefall in der Familie: Das kann ein betagtes Elternteil sein, die Partnerin, der Ehemann oder auch von Geburt an das eigene Kind. In jedem Fall benötigen pflegende Angehörige schnell sachkundige und seelische Unterstützung. Archivfoto: pixabay
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Auftakt einer Veranstaltungsreihe in Aalen von Christine Class mit Menschen, die Familienmitglieder pflegen oder Beratung für Pflegende anbieten. Ein Wunsch: Pflegelotsen als Helfer in Not.

Aalen

Der Anfang ist gemacht, freut sich Christine Class. "Wir geben Halt – wer hält uns? Pflegende Angehörige im Gespräch": Zu dem Thema hat die vielfach engagierte Aalenerin am Donnerstagabend eine Videokonferenz angeboten. "Wir zählen 43 Teilnehmende", berichtet sie im Laufe des Abends. Nach zwei Stunden digitaler Podiumsdiskussion steht fest: Dem Gesprächsabend soll eine Veranstaltungsreihe folgen. Denn pflegende Angehörige brauchen mehr Halt, als sie aktuell meist erfahren. Dafür gelte es, eine Lobby zu schaffen.

Zwei weitere Gesichtspunkte für diese Themenreihe formuliert Supervisorin Christine Class auch gleich: Die Bedürfnisse von pflegenden Frauen und Männern können sehr unterschiedlich sein. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob plötzlich ein alter Mensch pflegebedürftig wird oder ein Kind von Geburt an.

Maria Sinz, Regionalsekretärin der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) moderiert am Donnerstagabend. Zur Einstimmung in die Situation pflegender Angehöriger kündigt sie "eine von vielen" an: Anne Klöcker, Theater der Stadt Aalen, erscheint auf dem Bildschirm. Zuerst nennt die Schauspielerin nur Zahlen: "4,13 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. 3,31 Millionen Menschen werden zu Hause versorgt. 2,33 Millionen Menschen überwiegend durch Angehörige."

Dschungel der Anforderungen

Anne Klöcker wird persönlich und berichtet aus "dem Dschungel der Anforderungen": "Die Pflege frisst mich förmlich auf, das Sorgen, das Umsorgen, das Sorgen, das Umsorgen. Der eigene Körper, der Körper des anderen, all die Dinge, die erledigt werden müssen, den ganzen Tag, immer und immer wieder."

Zwei Pflegende, ihre Wünsche

Zwei Frauen, die tatsächlich als Pflegende gefordert sind, kommen im Laufe des Abends zu Wort. Annegret Schatz (68), pflegt ihren Mann, der seit 14 Jahren an Parkinson erkrankt ist. Sie wünscht sich mehr individuelle Beratung, zum Beispiel bei finanziellen Fragen, und "Hilfe im Sprachdschungel der Angebote". Sie fragt: "Was ist eine Verhinderungspflege? Was eine Pflegesachleistung?" Barbara Schönherr pflegt, seit zweieinhalb Jahren ihren Mann, der zwei Schlaganfälle hatte. Sie wünscht sich, dass Pflegeleistungen nicht gedeckelt sind. "Ich fühle mich ständig am Rande der seelischen und körperlichen Belastung", sagt sie. Deshalb brauche sie für sich selber auch mal eine Entlastung. "Und wenn es nur mal eine Massage wäre."

Fünf Fachleute, ihre Angebote

An diesem Abend stehen den pflegenden Angehörigen fünf Menschen "vom Fach" zur Seite:

Alexandra Rausch, Stiftung Haus Lindenhof, leitet den Bereich "Wohnen und Pflege im Alter, Zuhause leben". Ihr Mann sei schwerstpflegebedürftig, erzählt sie. Sie rät, den persönlichen Pflegedienst in die Pflicht zu nehmen. "Ein guter Pflegedienst erkennt, wenn Pflegende überfordert sind und nimmt sie dann an die Hand."

Hans-Joachim Seuferlein, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg, informiert, dass AOK-Versicherte, die plötzlich mit Pflege konfrontiert werden, sowohl eine Pflegeberatung zuhause bekommen können als auch eine Orientierungsberatung am Telefon.

Rebecca Waldenmeier, Leiterin des Pflegestützpunkts Landratsamt Ostalbkreis, betont: "Wir sind für alle da, Angehörige und Pflegebedürftige, präventiv und aktuell, unabhängig von ihrer Versicherung."

Bernhard Richter, SPD-Sprecher im Sozialausschuss des Kreistags, gesteht: "Wir haben ganz viel für die Pflege getan, aber ein bisschen die pflegenden Angehörigen vergessen."

Ursula Schulte ist als SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Münsterland zu Gast, in Berlin zählen Familie und Senioren zu ihrem Aufgabengebiet. Sie ermuntert: "Pflegende Angehörige müssen lauter werden." Und berichtet: "Ich träume von einem Pflegelotsen, der pflegende Angehörige daheim aufsucht und durch den Pflegedschungel führt."

Offene Angebote für alle pflegenden Angehörigen

Der Pflegestützpunkt Ostalbkreis bietet eine kostenlose und neutrale Beratung zu Fragen im Vor- und Umfeld einer Pflegesituation an. Kontakt: Telefon (07361) 503-1820.

Gesprächskreise für pflegende Angehörige: Mittwoch, 7. April, 10 bis 12 Uhr, Katholische Sozialstation St. Martin, Mohlstraße 25, Aalen. Dienstag, 13. April, 14.30 16.30 Uhr, Katholische Sozialstation St. Martin, Philipp-Jeningen-Platz 2, Jeningenheim, Ellwangen. Aufgrund der Corona-Pademie kann die Form des Gesprächskreises abweichen. Daher bitte vorab anmelden bei Supervisorin Christine Class am Telefon (07361) 32183 oder per E-Mail an info@christine-class.de

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