Psychisch kranker Aalener terrorisiert ein Wohnhaus

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Großes Polizeiaufgebot Mitte August dieses Jahres in einer Aalener Hauseinfahrt: Zum Zeitpunkt des Fotos hatten Spezialeinsatzkräfte gerade einen 40-jährigen Mann festgenommen, der mit einem Messer in der Hand seine Hausbewohnter mit dem Leben bedroht ha
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Ein 40-jähriger Mann versetzt seit zwei Jahren eine Hausgemeinschaft in Angst und Schrecken. Warum man ihn nicht so einfach wegsperren kann.

Aalen

Manchmal sind es schwere Schläge gegen Decken und Wände, die die Bewohner eines Aalener Mehrfamilienhauses nachts aufschrecken lassen. Ein anderes Mal sind es laute Schreie, wüste Beschimpfungen und persönliche Bedrohungen, die sie in helle Angst versetzen. Wie oft die Hausgemeinschaft wegen des randalierenden und sie terrorisierenden Mitbewohners schon die Polizei rufen musste, vermag sie nicht zu sagen. Nur eins: Die Intervalle werden immer kürzer. Sein Aggressionspotenzial wächst. Die Hausbewohner sind nervlich am Ende. Denn: Aufgrund der Rechtslage kann man den offenbar schwer psychisch kranken Mitbewohner nicht so einfach zwingen, sich längerfristig in einer speziellen Einrichtung ärztlich behandeln zu lassen. Nur, wenn er zur akuten Gefahr für sich selbst wird oder andere Personen „konkret tätlich“ bedroht, kann eine Einweisung geprüft werden. So ist es im Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG) geregelt. Zum Verständnis: Dieses Psychiatrie-Gesetz dient dazu, die Rechte von psychisch kranken Menschen zu stärken und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

„Wir fühlen uns wie Kanonenfutter“, beschreibt ein Hausbewohner sein Unverständnis, seine Wut. „Die Behörden werden anscheinend erst tätig, wenn einer von uns körperlich zu Schaden kommt.“

Wir fühlen uns wie Kanonenfutter.“

Eine Hausbewohnerin

Unter Verfolgungswahn

Doch von Anfang an: Sechs Partien zählt das Mehrfamilienhaus in einem gut-bürgerlichen Aalener Viertel. Über einen offenen Kellergang ist es verbunden mit dem gleichgroßen Nachbarhaus. Vor fünf Jahren ist der heute 40-jährige Mann, nennen wir ihn Herr L. (Name geändert), in eine Eigentumswohnung ins Obergeschoss gezogen. „Damals war er ganz unauffällig. Ein hilfsbereiter netter Nachbar“, berichtet eine Hausbewohnerin.

Ende 2019 dann die Wende: Er sei „total komisch“ geworden, leide unter Verfolgungswahn. „Einmal“, berichtet eine Hausbewohnerin, „ist er übers Dach gelaufen, um zu schauen, ob da jemand ist“. Dann beginnt er, Unmengen von Steinen zu sammeln, die er lautstark durch seine Wohnung kegelt.

Irgendwann geht Herr L. mit einer Eisenstange in den Keller, wo er den Stromkasten runter schlägt und auch die Internetleitungen durchschneidet. „Da haben wir zum ersten Mal die Polizei gerufen. Ich dachte, die Beamten nehmen ihn mit. Das war aber nicht so. Sie haben ihn wieder in seine Wohnung zurückgeschickt“, sagt einer der Hausbewohner, der wie die anderen namentlich nicht genannt sein möchte.

Mit dem Leben bedroht

2020 spitzt sich das auffällige Verhalten des 40-Jährigen weiter zu. Eines Tages zertrümmert er mit brachialer Gewalt seine Wohnungseinrichtung und schlägt die Scheiben seiner Dachterrasse raus. Mitte August 2021 bedroht er zum ersten Mal eine Wohnungsnachbarin mit dem Leben. „Wenn ihr noch einmal wegen mir die Polizei holt, dann töte ich euch alle und skalpiere euch“, soll er geschrien haben. Danach sei er im Hof mit einem Wurfmesser in der Hand provozierend hin- und hergelaufen. Verschanzte sich dann, immer noch bewaffnet mit dem Messer, auf seiner Dachterrasse und hielt die Polizei so mehrere Stunden lang in Atem. Erst Kräften des Spezialeinsatzkommandos der Polizei (SEK) gelingt es am Abend, ihn festzunehmen.
Einen Monat später, Mitte September, löst der 40-Jährige erneut einen SEK-Einsatz aus, als er mit nacktem Oberkörper und einem Messer in der Hand in ein Aalener Einkaufscenter marschiert und dort die Angestellten bedroht. Und wie zuvor im August, kommt er danach wieder in eine psychiatrische Klinik, aus der er wiederum nach kurzer Zeit entlassen wird.

Widerspruch eingelegt

„Die Psychiatrie ist doch wie ein Kurort für ihn“, schimpft ein Hausbewohner. „Und dann sagen die Ärzte, dass er gut anspricht auf die Medikamente. Aber sobald er zuhause ist, setzt er sie wieder ab und der ganze Wahnsinn geht weiter.“

Die Hausbewohner haben beim Ordnungsamt der Stadt Aalen Widerspruch eingelegt gegen das ärztliche Gutachten der psychiatrischen Klinik. „Wir erwarten von den Behörden, dass jetzt endlich gehandelt wird!“

Die polizeilichen Berichte und Einsatzprotokolle liegen laut Polizeisprecher Bernd Märkle der Stadt Aalen vor. Aber: Nur ein Gericht kann die längerfristige Unterbringung einer psychisch kranken Person gegen ihren Willen in einer Klinik anordnen.

„Die Stadt Aalen hat bereits beim Amtsgericht einen Antrag auf eine solche Unterbringung gestellt“, sagt Stadtsprecherin Karin Haisch. Beigefügt sei eine Stellungnahme des Gesundheitsamtes. Aber letztlich entscheide das Amtsgericht auf Basis des Psychisch-Kranken-Hilfegesetzes. Das Verfahren droht langwierig zu werden. Hohe Anforderungen sind zu erfüllen, weil durch eine Zwangsunterbringung das im Grundgesetz festgeschriebene Grundrecht auf die Freiheit einer Person eingeschränkt würde.

Das zumindest deutet der Aalener Amtsgerichtsdirektor Martin Reuff an, der jetzt weitere Verfahrensschritte einleiten will. Zunächst müsse er ein Gutachten eines Psychiatrie-Sachverständigen einholen, der den Betroffenen untersuchen, mit ihm persönlich sprechen muss; etwa drei bis vier Wochen werde das dauern. Reuff selbst müsse zudem auch noch mit dem Betroffenen sprechen, so sehe es das Gesetz vor. „Wenn er sich weigert, müssen wir unter Umständen mehrere Termine dafür ansetzen.“

Weil sich dieses Verfahren über viele Wochen und Monate hinziehen kann, und um die Sache zu beschleunigen, strebt der Amtsgerichtsdirektor parallel ein zweites Verfahren für eine kurzfristige Unterbringung von bis zu sechs Wochen an. „Dafür braucht es kein ausführliches Gutachten.“ Klares Ziel müsse sein, dass die Therapie in der Klinik kontinuierlich weitergeht und nicht unterbrochen wird. „Ich werde die Sache auf jeden Fall nicht noch vier Wochen liegenlassen“, verspricht Reuff.

Derweil lebt die Hausgemeinschaft weiter in Furcht und Hilflosigkeit. „Man weiß nicht, was passieren wird“, sagt ein Bewohner. „Unsere größte Angst ist: Wird er irgendwann ans Gas gehen?“

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