Roger und das Orgelgeheimnis der Death-Metal-Band "Apophis"

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Orgelbauer Roger Kirchner in der Aalener Stadtkirche
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Wie Orgelbauer Roger Kirchner aus Dewangen nach London kommt, warum ein solcher Schritt mutig ist und wie der 46-Jährige Orgelpfeifen baut.

Aalen

Viele kennen Roger Kirchner als Gitarrist der Death-Metal-Band „Apophis“. Doch dass der 46-jährige Orgelbauer ist und in England lebt, ist weit weniger bekannt. Sein Beruf, der Orgelbau, zählt seit 2017 zum immateriellen Unesco-Welt-Kulturerbe. Dass Kirchner Orgelbauer ist, verdankt er einem Zufall.

„Mir war klar, ich will ein Handwerk lernen, das mit Musik zu tun hat“, erzählt er, der während seiner Schulzeit schon Gitarre in seiner Band „Apophis“ gespielt hat. Da habe es nahegelegen, dass der Dewanger Gitarrenbauer werden wollte. „Dazu hätte ich fürs erste Lehrjahr nach Mittenwald ziehen müssen“, sagt er. Das kam für ihn aber nicht in Frage. „Denn meine Band „Apophis“ war mir einfach wichtiger.“ Kurze Zeit später habe die Band bereits an einem Nachwuchsfestival erfolgreich gespielt.

Beruflich hat ihm das Arbeitsamt weitergeholfen. In Giengen war ein Ausbildungsplatz als Orgelbauer und Pfeifenmacher frei. Roger fährt hin und ist beeindruckt – vom Metall, vom Löten und vom Handwerk selbst. „Welch tollen Beruf ich dort gesehen habe, habe ich erst viel später erkannt“, sagt er heute. Dass er für den Beruf des Pfeifenmachers brennt, erkennt man schnell. Der Fachmann für die Pfeifen aus Metall erzählt von einer Zinn-Blei-Legierung, von einem Gießtisch und von einem Gießschlitten, einem Gestell aus Holz, in das die flüssige Metalllegierung eingefüllt wird. „Den Schlitten schiebe ich vor mir her“, beschreibt er den Arbeitsschritt, an dessen Ende eine rechteckige – 2,80 Meter auf 1 Meter große – Metallplatte entstanden ist. Deren Dicke reguliert Roger über das Tempo, mit dem er sich mit dem Gießschlitten vorwärtsbewegt.

Aus dieser Platte werden in mehreren Arbeitsschritten der Pfeifenkörper und der Pfeifenfuß. Dabei spricht der Experte unter anderem davon, dass nachdem die Platten ausgekühlt sind, sie auf eine bestimmte Stärke gehobelt werden.

Was alles Handarbeit ist

„Das geschieht mit einer Maschine, alles andere ist Handwerk und jede Menge Erfahrung“, sagt der Pfeifenmacher. Und schon geht es weiter mit den Erklärungen. Dabei geht es darum, wie er die Metallplatten zu Pfeifen zuschneidet, wie der sie über Zylinder – für Pfeifenkörper –  und Kegel – für Pfeifenfüße – biegt, wie er sie lötet und sie am Ende mit einem sogenannten Klopfholz aus Rosenholz in Form bringt und rundet. „Das ist schweißtreibend und filigran zugleich“, beschreibt er sein Tun. Zu dem gehört es auch, Pfeifenfuß und Pfeifenkörper zu verbinden. Per Lötkolben vereint er die Teile zu Orgelpfeifen. „Die zu schaffen, ist, wie ein Instrument zu spielen“, sagt Roger, der neben seinem Faible für Death-Metal-Musik auch sehr gerne Klassik hört und spielt.

Wenn Augen leuchten

Die Augen Roger Kirchners leuchten. Er nennt das Leidenschaft und Berufung, was er mittlerweile seit 2009 in England macht. Sein Weg dorthin war mutig. „Ich konnte kaum Englisch“, gibt er offen zu. Doch es hat sich gelohnt. Beim traditionellen Londoner Orgelbauer „Mander Organs“ hat der Sohn des Welland-Galeristen Robert A. Kirchner viel gelernt und viel erlebt. Roger erinnert an Geschäftsreisen nach Japan, in die USA und in den Oman.

Beim Sultan von Oman

„Beim Sultan haben wir die Orgel in einem seiner sieben Paläste abgebaut, weil das Auditorium des Opernhauses renoviert werden sollte“, erzählt der Pfeifenmacher. Ein halbes Jahr später sei er erneut für acht Wochen auf die arabische Halbinsel geflogen, um das überholte Instrument wieder an Ort und Stelle zusammenzubauen. „Das alles auf höchstem Sicherheitsniveau“, sagt der 46-Jährige und schwärmt in dem Zusammenhang aber auch vom vielen Luxus, den er dort erlebt und gesehen hat. Ein Beispiel gefällig? „Jeden Tag kam ein Chauffeur des Sultans und brachte uns vom Hotel zum Palast“, sagt Roger.

Inzwischen hat Roger den Wohn- und Arbeitsplatz im Herzen von London eingetauscht gegen den Nordosten Englands. In Durham arbeitet er heute bei Harrison & Harrison, der wohl größten Orgelbaufirma in England. Aktuell arbeitet er an Pfeifen für eine Kathedrale. London als weltoffene und multikulturelle Metropole habe ihm wesentlich besser gefallen als die bekannte Universitätsstadt im Nordosten. „Die Menschen sind dort offen und haben einen guten Humor“, beschreibt er sein neues Zuhause. Roger macht dabei keinen Hehl daraus, dass London für ihn weiter „Heimat“ sei und dass er ab und an über Veränderungen nachdenkt. „Mein Beruf ist gefragt, nicht nur in England“, sagt er vieldeutig.

Orgelbauer Roger Kirchner in der Aalener Stadtkirche, wo er sich für die herrliche Rieger-Orgel interessiert.
Orgelbauer Roger Kirchner arbeitet in England. Das Bild zeigt den Dewanger Instrumentenbauer in der Aalener Stadtkirche vor der Rieger-Orgel.
Roger Kirchner ist Orgelbauer aus Leidenschaft. Hier begeistert ihn die Stadtkirchenorgel.

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