1. Startseite
  2. Ostalb
  3. Aalen
  4. Stadt Aalen

Rundfunkverbrechen bringt den Tod

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Karl Schiele: Der Arbeiter und Kommunist und seine Frau blieben trotz der Folter durchs Nazi-Regime standhaft. Er starb an den Folgen der "Moorhaft".

Aalen

Es ist richtig toll, dass man jetzt an meinen Großvater erinnert. Früher wäre aber besser gewesen, dann hätte es meine Oma noch erleben können", sagt Gerlinde Holl, Enkelin von Karl Schiele, für den am 3. Juli in der Hofherrnstraße 28 ein Stolperstein gesetzt worden ist. Ihr Großvater starb am 3. April 1944 an den Folgen der Lagerhaft, zu der er wegen "Rundfunkverbrechen" von den Nationalsozialisten verurteilt worden war. Die Setzung des Steins hat die Aalener Stolpersteininitiative initiiert, deren Mitglieder Bruno Steimle und Gerold Wenzel das Schicksal Schieles recherchiert haben.

Wie bei allen Opfern der Nationalsozialisten war es zunächst schwer, Akten über Karl Schiele zu finden. "Es war wie ein Puzzle aus verschiedenen Quellen", sagt Bruno Steimle. Fündig wurden er und Wenzel unter anderem im Staatsarchiv Ludwigsburg, in den Archiven in Rheinland-Pfalz und im Niedersächsischen Landesarchiv. "Mithilfe der Stadt haben wir mit Frau Holl eine direkte Nachfahrin und ihre Familie ausmachen können, eine Riesenhilfe", sagt Wenzel. Vor Ort dabei war auch Schieles Urenkelin, Jutta Albrecht. "Das Suchen nach alten Akten des Urgroßvaters war unglaublich interessant", sagt sie.

Karl Schiele wurde am 8. Januar 1898 in Hofherrnweiler geboren, als Kind des Gipsers Johann Christian und Johanna Barbara Schiele. Seine Gipserlehre musste er wegen des Ersten Weltkrieges abbrechen. Nach dem Krieg machte er eine Ausbildung zum Heizer bei den Schwäbischen Hüttenwerken in Wasseralfingen.

Am 23. Dezember 1923 heiratete er in Unterrombach Maria Ortinghorn, ebenfalls aus Hofherrnweiler. Sie bekamen eine Tochter namens Maria. Karl Schiele war engagiert im damaligen Arbeiterturnverein Hofherrnweiler, im Metallarbeiterverband und in der "Roten Hilfe", eine Hilfsorganisation für linke politische Aktivisten. Und: Er war Mitglied der KPD. Mit Verein und Partei war er auch an vielen Protesten und Aktionen gegen die Nationalsozialisten beteiligt.

Bereits kurz nach der Machtübernahme der NSDAP wurde Schiele am 20. März 1933 mit einer Reihe von Mitgliedern von SPD und KPD aus Hofherrnweiler und Aalen verhaftet und in eines der ersten Konzentrationslager, das Lager "Heuberg", verschleppt, wo sie "auf Linie" gebracht werden sollten. Dort wurde er bis zum 11. April festgehalten.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs informierte sich Schiele immer wieder bei Auslandssendern über das wahre Geschehen, abseits der Propaganda der NSDAP. Durch die wohl unter Folter erzwungene Aussage eines Sportkameraden und Freundes, erfuhr die Gestapo davon. Am 6. März 1940 wurde Schiele am Arbeitsplatz verhaftet. Am 27. April wurde er vom Sondergericht Stuttgart zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Seine Frau Maria, die sich weigerte, gegen ihn auszusagen, wurde für zehn Monate in Gotteszell inhaftiert.

Karl Schiele wurde im November 1940 vom Zuchthaus Ludwigsburg in eins der berüchtigten Moorlager nach Aschendorfermoor im Emsland verlegt. Nach seiner Entlassung im Juni 1942 – sieben Monate mehr als im Urteil vorgesehen – war er todkrank. Seine Frau sagte später: "Durch die unmenschlichen Strapazen und die schlechte Ernährung und Behandlung war Karl abgemagert zum Skelett und hatte Tuberkulose. Von der Lagerleitung wurde er als ,unbrauchbares Subjekt‘ bezeichnet."

Damit er seine Arbeitsstelle bei SHW wieder antreten konnte, machten seine Kollegen seine Arbeit mit. Tatsächlich war Schiele arbeitsunfähig. Trotz aller Bemühungen erholte er sich nicht mehr und starb am 3. April 1944 in der Heilstätte Isny.

Seine Witwe erwirkte nach dem Krieg die Aufhebung des Urteils und die amtliche Anerkennung Karl Schieles als Verfolgter des NS-Regimes. Sie kam zunächst mit geringer Rente und Entschädigung nur schwer wieder auf die Füße und lebte dann in Dewangen. Sie starb 1991.

Viel erzählt aus dieser Zeit hat Maria Schiele ihrer Familie zunächst nicht. "Erst nach einigen Jahren sprach sie über die Geschehnisse, und erzählte von meinem Großvater", erinnert sich Gerlinde Holl. "Sie war eine sehr liebevolle Oma und Uroma", sagen beide Frauen abschließend.

Jürgen Eschenhorn

Auch interessant

Kommentare