Schlagfertig auf Sexismus reagieren

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Carmen Venus.
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Abwertende Aussagen vor allem gegenüber Frauen werden wieder salonfähig, weiß Carmen Venus. Sie erklärt im Interview, wie Betroffene speziell auch im Beruf damit umgehen können.

Aalen

Sexismus im Beruf erkennen und souverän darauf reagieren. Zu diesem Thema hat Carmen Venus, Beauftragte für Chancengleichheit des Ostalbkreises, ein Seminar für Frauen angeboten. Denn sie ist überzeugt davon, dass sexistische Sprüche von Führungskräften und Kollegen keine Seltenheit sind und abwertende Aussagen wieder salonfähig werden. Im Interview erklärt die 48-Jährige, wie Betroffene damit umgehen können.

Woran machen Sie fest, dass Sexismus zugenommen hat?

Carmen Venus: Ich habe den Eindruck, dass die Höflichkeit in der Sprache nachlässt und sich Respektlosigkeit breitmacht. Vor 30 Jahren wäre ein Song wie Layla niemals im Radio gelaufen. Auch in der Werbung nimmt Sexismus zu. Was hat zum Beispiel eine anzüglich dargestellte Frau auf einer Motorhaube verloren? Ist das Produkt so schlecht, dass man davon ablenken muss? Die Frau so darzustellen, das macht sie zum Objekt.

Wie definieren Sie Sexismus?

Sexismus heißt, Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu beurteilen, wenn ihr Geschlecht keine Rolle spielt. So hat es die amerikanische Autorin Caroline Bird definiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die Aussage: Fräulein Maier, kochen Sie bitte Kaffee. Denn die Aufgabe des Kaffeekochens ist so simpel, dass dafür die Frau bereitzustehen hat.

In Ihrem Seminar haben Sie speziell Sexismus im Beruf thematisiert.

Ja, im Gegensatz zu sexueller Belästigung als Straftatbestand, geht es hier um Sprüche oder auch darum, wenn jemand eine Frau von oben bis unten scannt oder nicht mit ihr, sondern mit ihren Brüsten spricht. Jede der acht Teilnehmerinnen berichtete, dass sie auch schon mit Sexismus konfrontiert war. Etwa mit der Aussage: Die Besprechung wird jetzt schön, wenn Sie da sind. Die betroffene Frau hatte eigentlich gedacht, sie wäre wegen ihrer Fachkompetenz eingeladen worden.

Wie können Betroffene mit sexistischen Sprüchen umgehen?

Wenn einem Sexismus begegnet, ist man oft schockiert, hilflos, verletzt und sprachlos. Betroffene fragen sich, ob mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist. Es folgt oft eine schlaflose Nacht, in der ihnen dann einfällt, wie sie hätten reagieren können. Wir haben geübt, diese Schockstarre zu beenden, indem sich Betroffene klar machen: Ich bin okay, ich habe nichts falsch gemacht. Oder um im Beispiel zu bleiben, dass man wegen der eigenen Fachkompetenz zu der Besprechung eingeladen worden ist. Danach haben wir uns eine Notfallantwort für diese Situationen erarbeitet. Mit der Frage „Wie bitte“ kann ich den Ball zurückspielen. Das Gegenüber muss sich daraufhin rechtfertigen, wie die Aussage gemeint war und welche Konsequenzen sie hat. Die Erwiderung auf eine sexistische Aussage kann man auch sehr höflich formulieren, zum Beispiel: „Können Sie das bitte präzisieren?“ Oder: „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinaus wollen.“

Sind auch Männer Opfer von Sexismus?

Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, ja, aber nicht im selben Verhältnis wie Frauen. Demnach sind zwischen Zweidrittel und dreiviertel aller Frauen betroffen.

Doch das Seminar war nur an Frauen gerichtet.

Ja. Denn ein Seminar über Sexismus im Beruf für Männer würde nicht voll werden. Aus Erfahrung lehnen Männer solche Selbstoffenbarungsseminare ab. Auch Männer sind von Stereotypen geprägt und wählen selten Gruppenformate, um ein anderes Verhalten einzuüben.

Können Sie sich vorstellen, ein Seminar zum Thema Sexismus für Führungskräfte anzubieten?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Bei der Führungskultur geht es um die Frage, welche Haltung Führungskräfte praktizieren, was sie in der Belegschaft zulassen und was nicht. Entsprechend gilt es, ein Verhaltensprotokoll zu erstellen, um Sexismus im Unternehmen zu unterbinden.

Carmen Venus : zuständig für Chancengleichheit

Carmen Venus (48) aus Aalen ist seit 2019 Beauftragte für Chancengleichheit im Ostalbkreis. Nach ihrer Schulzeit hat sie eine Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin absolviert. Es folgte ein Studium an der Fernuni Hagen im Fach Bildungswissenschaften, das sie mit dem Bachellor abgeschlossen hat. Carmen Venus hat bei der Aktion Jugendberufshilfe in Ostwürttemberg (AJO) gearbeitet, bevor sie zum Landratsamt des Ostalbkreises gewechselt ist.

Carmen Venus.

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