Schlange stehen für Brot von gestern

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Die Zahl der Bedürftigen, die im Aalener "Kocherladen" einkaufen, ist im Laufe der Covid-19-Pandemie enorm gestiegen. Was an einem Vormittag vor dem und im Laden passiert.

Aalen

Montag, 11 Uhr: Der "Kocherladen" in der Bahnhofstraße öffnet erst in zwei Stunden. Doch die ersten Kunden stehen bereits Schlange. Zwar ist es auf dem Gehsteig vor dem Laden zugig und schattig. Aber wer zuerst Einlass bekommt, hat die größte Auswahl in diesem besonderen Lebensmittelgeschäft.

Die "Aalener Tafel – Kocherladen" ist eine soziale Einrichtung, in der Menschen mit geringem Einkommen einkaufen können. Einige sind an diesem Vormittag bereit, der SchwäPo-Redakteurin aus ihrem Leben zu erzählen.

Inka Gaidasic steht heute ziemlich weit vorne in der Warteschlange. "Ich hoffe auf Milch, Gemüse, Obst und Nudeln", sagt die 61-Jährige. Seit zwei Jahren sei sie sehr krank, deshalb könne sie nur für niedrigen Lohn arbeiten. "Erst in diesem Jahr habe ich von einer Nachbarin erfahren, dass es den Tafelladen gibt." Seither komme sie mindestens einmal pro Woche her.

Seit diesem Jahr zählt auch Inna Musorina zu den regelmäßigen Kundinnen der "Tafel". "Ich hatte Arbeit", betont sie. "Ich war Lagerarbeiterin in einem Schuhgeschäft." Aber "durch Corona" habe sich das Arbeitsleben so sehr verändert. Die Stimme der 54-Jährigen wird leiser, als sie weitererzählt: "Ich habe den Job verloren. Jetzt sitze ich meist Zuhause rum oder gehe mit meinen Eltern spazieren." Heute sei die Mutter dabei, erklärt sie und zeigt auf eine ältere Dame, die neben der Warteschlange im Windschatten des Hauses auf einem Campinghocker wartet.

Inzwischen sind zwei Männer hinzugekommen, die an diesem Morgen bereits im "Kocherladen" tätig waren, um alles für den Kundenansturm vorzubereiten: Pfarrer Bernhard Richter, der mit Leib und Seele hier mitarbeitet, und Projektleiter Gerhard Vietz. "Bitte schön Abstand halten", appelliert Vietz, während er die Warteschlange passiert.

Sichtlich erfreut begrüßt Gerhard Vietz einen Mann, der weiter hinten Schlange steht: Cängiz Celiksoy, 58. Er erläutert: "Ich lebe alleine. Ich habe ein Jahr lang hier gearbeitet. Mit Herrn Vietz und Herrn Richter war das fast wie in einer Familie." Jetzt komme er jeden Tag zum Einkaufen: Salat, Gemüse und gerne Käse. "Wenn wir Käse im Angebot haben", räumt Gerhard Vietz ein.

Die Lebensmittelspenden sind rückläufig.

Gerhard Vietz Projektleiter "Aalener Tafel"

Später, im Gespräch ohne Kunden, erklärt Vietz: "Durch Covid-19 sind leider die Lebensmittelspenden rückläufig." Aber genau auf diese Spenden von Großhändlern, Supermärkten und auch Privatleuten sei der "Kocherladen" angewiesen. Um diese Waren gegen geringes Entgelt anzubieten: Brot von gestern, nicht verkauftes Gemüse oder Milchprodukte nahe des Verfallsdatums.

Durch Covid-19 sei gleichzeitig der "Kundenstamm" enorm gewachsen. "269 haben wir jetzt registriert, 100 mehr als zuvor", sagt Vietz. Rund 220 Kunden kämen jeden Vormittag, bei schönem Wetter mehr. "Die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt." Viele Rentner, die seit dem Frühjahr ihre 450-Euro-Jobs verloren hätten, durch Corona. "Die meisten waren in der Gastronomie tätig und haben mit dem Minijob ihre Miete finanziert." Bernhard Richter fügt hinzu: "Altersarmut und versteckte Armut nehmen zu."

Dabei sind beide froh, dass sie zusammen mit Ehrenamtlichen den "Kocherladen" nach einer Pause im Frühjahr überhaupt wieder öffnen durften. "Coronabedingt" gelte jetzt die Regel, dass sich maximal vier Kunden gleichzeitig im Laden aufhalten können. "Dadurch gibt es schon keine Gedränge am Einlass", kommentiert Viez pragmatisch.

"Nach wie vor unterstützt uns ein harter Kern von 15 Ehrenamtlichen", sagt Richter. Die Älteste sei 82 Jahre alt.

Heute ist zum Beispiel Almut Braasch dabei. Sie hilft seit 21 Jahren mit, seit es das Projekt gibt. "In diesem Krisenmodus sind wir über Lebensmittelspenden von Privatleuten besonders dankbar", sagt sie.

Ganz toll seien etwa Aktionen von Rewe und Edeka mit 5-Euro-Einkaufstüten, ergänzt Gerhard Vietz. Für Kunden des Tafelladen sei es eine Freude, wenn ihnen Einkäufer in den Supermärkten Markenartikel für diese 5-Euro-Tüten spenden. "Auch Kinder von armen Familien mögen besonders gerne Nutella."

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