Schräger Blick auf Kirchenfeste

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Dr. Harry Jungbauer

Wie die SchwäPo-Gastautoren Schuldekan Dr. Harry Jungbauer und der Wasseralfinger Pfarrer Harald Golla Allerheiligen und Reformation würdigen.

Aalen

Das Reformationsfest und Allerheiligen – zwei Gedenktage, die direkt aufeinander folgen. Der evangelische Ostalb-Schuldekan Dr. Harry Jungbauer und der katholische Wasseralfinger Pfarrer Harald Goll würdigen im besten Sinn der Ökumene das Fest der jeweiligen Schwesterkirche.

Allerheiligen für alle Glaubenden: Zum Allerheiligenfest grüße ich alle Heiligen im Ostalbkreis ganz herzlich! Ihnen allen wünsche ich weiterhin einen festen Glauben, ein Vertrauen zu Gott, das auch durch schwierige Zeiten trägt. Ihre Liebe zu den Mitmenschen und der ganzen belebten Mitwelt, soll Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung spüren lassen.

Wenn Sie sich jetzt fragen, wen ich da eigentlich so grüße, dann lässt sich das schnell klären: vermutlich Sie! Jedenfalls dann, wenn Sie zu den an Jesus Christus Glaubenden gehören, sei es in der evangelischen oder katholischen Kirche oder auch in einer "Freikirche". Womöglich hat Gott noch ganz andere Menschen zu sich gerufen und ihnen den Glauben geschenkt, dann sind auch sie gemeint. Denn heilig im evangelischen Sinn sind alle, die von Gott berufen sind und an ihn glauben. In der Bibel schreibt Paulus "an die Heiligen in Kolossä" und erklärt beifügend: "Die Geschwister, die an Christus glauben". In Korinth wird die Gemeinde Gottes mit den "berufenen Heiligen" gleichgesetzt. Ein weiterer Brief ist adressiert an "alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen". Gerade die kirchlich oft zurückgesetzten "Laien" sind also die Heiligen bei Gott! Wie jemand heilig sein kann, der doch auch als Mensch noch Fehler macht, erklärt Martin Luther im Blick auf die ganze Kirche: "Es gibt keine größere Sünderin als die christliche Kirche. Wie kann sie heilig (so unser Glaubensbekenntnis) und Sünderin sein? Sie glaubt an die Vergebung der Sünden und bittet: ‚Vergib uns unsere Schuld'. Das sagt niemand, wenn er nicht heilig ist." Weil wir wissen, dass wir auf Vergebung angewiesen sind und auf Gottes Verzeihung setzen, darum sind wir heilig, gehören wir zu ihm. Als evangelischer Christ feiere ich deshalb Allerheiligen gerne mit – ökumenisch als Fest aller Glaubenden zu allen Zeiten, die besonderen Heiligen unserer katholischen Schwesterkirche eingeschlossen.Pfarrer Dr. Harry Jungbauer

Reformation gibt Anstöße: Am 31. Oktober wird (seit dem 17. Jahrhundert) in den evangelischen Kirchen das Gedächtnis an die Reformation gefeiert. Martin Luther soll am Vorabend von Allerheiligen 1517 seine 95 Thesen am Portal der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen haben. Dieses Datum ist geschichtlich umstritten. Und auch evangelische Theologen betonen inzwischen, dass es "die eine" Reformation nicht gibt. Die Kirchen bedürfen der "ständigen Reformation". Wie dem auch sei: Die von Luther angeschlagenen Thesen haben selbst für ihn ein überraschend großes Echo gefunden und stellen den faktischen Beginn der Reformation dar.

Als katholischer Christ denke ich an die Reformation von vor 503 Jahren mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits bin ich traurig. Denn das Geschehen der Reformation hat in den folgenden Jahrhunderten zu schrecklichen Konfessionskriegen geführt und zu einer bis heute sehr schmerzvollen Spaltung der Kirche. Über Jahrhunderte hinweg standen die Kirchen in der Abgrenzung zueinander. Dies hat großes Leid verursacht und belastet immer noch viele Ehepaare und Familien.

Anderseits sehe ich dankbar die wertvollen Anstöße der Reformation zur Erneuerung des Glaubenslebens. Durch das Zweite Vatikanische Konzil sind wichtige Anliegen Luthers ins katholische Bewusstsein und kirchliche Leben zurückgekehrt. Dazu gehören etwa: die Sicht der Kirche als Volk Gottes, die tief greifende Überzeugung vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, der Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und die Ermöglichung des "Laienkelches".

Ich bin sehr froh, dass in den vergangenen fünf Jahrzehnten die Trennungs- und Entfremdungsgeschichte überwunden wurde. "Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt." Mit diesem Satz hat Papst Johannes XXIII einen "Paradigmenwechsel" vollzogen. Wenn wir heute des Reformationstages gedenken, dann ist es in meinen Augen sehr wichtig, das, was inzwischen am ökumenischen Miteinander möglich ist, zu pflege, zu leben und nicht als selbstverständlich zu erachten. Die katholische Theologin Margret Schäfer-Krebs schreibt: "Ökumene heute heißt: einander zeigen, was wir lieben; wertschätzen, was die anderen an Schätzen bewahrt haben; voneinander lernen – und gemeinsam tun, was immer gemeinsam getan werden kann." Pfarrer Harald Golla

Harald Golla

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