Senioren-Abzocke mit falschen Gewinnspielen

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Betrüger-Firmen drohen mit Kontopfändung und sogar Durchsuchung. Warum es für einen 93-Jährigen gut ausging und wie man sich vor solchen Gaunern schützen kann.

Aalen Zwei Briefe. Innerhalb von vier Wochen. Dem 93-jährigen Oberkochener sitzt der Schreck noch in den Knochen. Binnen eines Monats drohten ihm zwei Inkasso-Unternehmen mit Pfändung und Blockade seines Kontos, Zwangsvollstreckung, Durchsuchung seiner Wohnung.

Das ist passiert: Am 14. September das erste Schreiben. Die "Inkasso Hauptzentrale Köln" teilt mit, der alte Herr sei einer Zahlungsverpflichtung aus dem "Dienstleistungsvertrag Deutsche Gewinner Zentrale Lotto 6-49" nicht nachgekommen. Nur wenn er sofort 568,44 Euro "an die EU AG" zahle, könne er die Pfändung seines Kontos abwenden. Am 9. Oktober ein weiterer Brief: Diesmal fordert ihn das "Bundes Inkasso Management" auf, sofort 420,75 Euro zu überweisen. Der Empfänger: eine Firma namens Polinar. Beigelegt ein täuschend echt aussehendes Formular eines vermeintlichen Amtsgerichts, das dem Antrag einer Firma namens "Deutsche Jackpot 6-49 Lotto GmbH" stattgibt. "Zum Zweck der Zwangsvollstreckung" , so heißt es sinngemäß, dürfe "der zuständige Gerichtsvollzieher" eine "Durchsuchung der Privatwohnung in ... Oberkochen" durchführen.

Der Sohn schaltet sich ein: Der alte Herr zweifelt, ist misstrauisch. Statt zu zahlen, zieht er seinen in Aalen lebenden Sohn ins Vertrauen. Bei dem schrillen alle Alarmglocken. "Gottlob sind die Briefe so dilettantisch gestaltet, dass mein Vater erst mal bei mir nachfragte, was zu tun sei", sagt Klaus Dieter Rossow. Er begann zu recherchieren.

Bei seinen Nachforschungen stößt Rossow jun. auf den "Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen" in Berlin. Den schreibt er an. Schildert die Sache und beschwert sich "über eines Ihrer Mitgliedsunternehmen, die Inkasso Hauptzentrale Köln", die "unzutreffende Zahlungsbefehle" verschicke. In forschem, aber verbindlichem Ton bittet er: "Ergreifen Sie wirksame Maßnahmen, dass dies aufhört."

Wie der Verband reagiert: Der Bund Deutscher Inkasso Unternehmen (BDIU) antwortet postwendend: Die Inkasso Hauptzentrale Köln sei in Deutschland gar nicht registriert. Und nicht nur das: Es handele sich um "ein sogenanntes Fake-Inkassounternehmen“. Um die Behauptung zu untermauern, verweist der Bundesverband auf seine Internetseite "Vorsicht, Fake-Inkasso!". Fast 40 Namen hat er dort in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Alles Firmen oder Rechtsanwaltskanzleien, die dem Bundesverband zufolge einschlägig dafür bekannt sind, dass sie betrügerische Inkasso-Schreiben verschicken. Der Verband aktualisiert diese Liste eigenen Angaben zufolge laufend. Sowohl die "Inkasso Hauptzentrale Köln" als auch die "Bundes Inkasso Management" sind dort genannt.

"Fake-Inkasso-Forderungen zu angeblichen Gewinnspielen haben seit dem Somer deutlich zugenommen", berichtet Marco Weber, Pressesprecher des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen. Mehrfach am Tag erhalte der Verband dazu Anfragen. Die Masche sei meist ähnlich: Erfundene Firmennamen, Adressen und Telefonnummern existieren in der Form nicht, fehlerhaft formulierte Schreiben, Überweisungen sollen auf ein ausländisches Konto (keine „DE“-IBAN) erfolgen. Auf den Schreiben werde unter anderem durch Verwenden des BDIU-Logos Seriosität vorgegaukelt.

Was tun? Am besten "nicht auf das Schreiben des Unternehmens antworten und keine Zahlung vornehmen", rät Marco Weber. Eine Reaktion, zum Beispiel ein Widerspruch, provoziere häufig sogar noch mehr betrügerische Briefe. Im Zweifelsfall: sich beim Verband oder bei der Verbraucherzentrale erkundigen und bei der Polizei Strafanzeige erstatten.

Die Polizei rät: In den Briefen, die Familie Rossow erreicht haben, sieht die Polizei eindeutig eine "Vorbereitungshandlung zum Betrug", sagt Polizeisprecher Bernd Märkle. Die Dunkelziffer solcher Fälle sei hoch, oft seien Senioren betroffen, "sehr häufig werden die Fälle bei uns gar nicht erst angezeigt". Ob betrügerische Briefe oder Anrufe wie der "Enkel- oder falsche-Polizeibeamte-Trick", die Polizei rät: "nicht zahlen, nichts unternehmen, sich Rat holen bei Kindern, Enkeln oder Nachbarn."

Im Fall Rossow ist das Ganze nochmal gut gegangen. Der alte Herr hat keinen Cent überwiesen und von diesen beiden Firmen nichts mehr gehört. Und auch die offenbar betrügerische Sendung einer anderen Firma, für die er vor wenigen Tagen 250 Euro berappen sollte, hat er gar nicht erst angenommen. Klaus-Dieter Rossow: "Dafür kriegt mein Vater jetzt dauernd Anrufe, dass er irgendwas kaufen soll."

  • Ist das Inkasso-Unternehmen seriös? Ist die Geldforderung berechtigt?
  • Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen empfiehlt bei Zweifeln den P.E.S.-Check:
  • Plausibilität: Habe ich das in der Forderung genannte überhaupt bestellt? Registrierte Inkassounternehmen müssen genaue Angaben zur Forderung und deren Hintergrund machen, sodass Schuldner unmissverständlich nachvollziehen können, worum es bei einem Mahnschreiben geht.
  • Echtheit: Existiert das Inkassounternehmen überhaupt? Inkassounternehmen sind Rechtsdienstleister und müssen im Rechtsdienstleistungsregister registriert sein. Das lässt sich hier nachprüfen: www.rechtsdientsleistungsregister.de. Findet sich das Unternehmen hier nicht, kann man ziemlich sicher von einem Betrugsversuch ausgehen. Mehr Info beim Bundesverband: Tel. (030) 2060736-0 oder www.inkasso.de/bdiu
  • Seriosität: Mitgliedsunternehmen des Branchenverbandes haben einen Verhaltenskodex verabredet, der unter www.inkasso.de/code-of-conduct nachzulesen ist. Sollte sich ein Mitgliedsunternehmen nicht an die Regeln halten, kann man unter inkasso.de jederzeit eine Beschwerde einreichen.

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