So denkt die Ostalb über den Heidenheimer Amazon-Coup

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In Heidenheim ist es schon beschlossen: Dort soll auf einer Fläche von knapp 19 Fußballfeldern ein großes Amazon-Logistikzentrum entstehen. In Schwäbisch Gmünd wird über ein – deutlich kleineres – Amazon-Verteilzentrum diskutiert. SDZ-Grafik: Bettina Opferkuch
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In Heidenheim soll ein großes Logistikzentrum für den Onlinehandelsgiganten Amazon gebaut werden – in der Region wird dies überwiegend kritisch gesehen.

Aalen/Heidenheim

Es soll das ganz große Ding werden: Ein rund 13 Hektar großes Grundstück im neuen Gewerbegebiet Rinderberg hat die Stadt Heidenheim verkauft. 13 Hektar: Das entspricht in etwa der Fläche von knapp 19 Fußballfeldern. Gebaut werden soll dort, zwischen Heidenheim und Nattheim, ein großes Logistikzentrum des Onlinehandelsgiganten Amazon. Der Onlinehändler will von diesem Logistikzentrum aus Kunden in ganz Süddeutschland beliefern und auch in der Schweiz und in Österreich. Durch das Logistikzentrum sollen hunderte Arbeitsplätze in Heidenheim entstehen, heißt es dazu von Seiten der Stadt. "Natürlich geht es auch um die Finanzen der Stadt in schwierigen Zeiten", sagt der Heidenheimer Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Im Haushaltsplan des Jahres 2020 seien 11,5 Millionen Euro Grundstückserlöse eingeplant. Nur so könnten die Aufgaben dieses Jahres finanziert werden.

Zudem ist in Schwäbisch Gmünd weiter die Rede von einem Amazon-Verteilzentrum. Das ist eine Nummer kleiner – und gedacht für die Auslieferung von Paketen in die Region. Entschieden ist das in Schwäbisch Gmünd noch nicht. Der Gemeinderat will nach der Sommerpause in der Sache eine Entscheidung treffen. Kritische Stimmen gab es in Schwäbisch Gmünd vor allem von Seiten der Einzelhändler in der Stadt.

Die Aalener Stadtspitze: Auch in Aalen ist man in Sorge, vor allem wegen der Pläne in Heidenheim, wenngleich sich der Aalener Oberbürgermeister noch etwas zurückhaltend äußert: Da das Thema der Ansiedelung von Amazon "komplex und facettenreich" sei, möchte er "aus seinem Jahresurlaub heraus" keine "abschließende Kommentierung" geben, zumal es um "weitreichende Folgen nicht nur für den Einzelhandel" gehen könne. Rentschler kündigte aber an, sich zu dem Thema ausführlich zu positionieren, "wenn alle Fakten zur geplanten Ansiedlung bekannt sind".

Der Aalener Citymanager: Reinhard Skusa ist zwar grundsätzlich für Wettbewerb im Handel, allerdings ist er auch für Chancengleichheit. Diese sieht er ernsthaft in Gefahr, wenn in Heidenheim ein großes Logistikzentrum entsteht, von wo aus Waren binnen kurzer Zeit beim Kunden sind. Für diese Chancengleichheit soll seiner Ansicht nach die Bundesregierung sorgen. Und zwar mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Abgabe auf Lieferungen – und dem Verbot von kostenfreier Lieferung und Rücksendung – aus ökonomischer und ökologischer Sicht. "Wenn ich etwas bestelle, dann kostet das etwas, und wenn ich es wieder zurückschicke, dann kostet das auch etwas", so muss das laufen nach Ansicht von Skusa. Fünf Euro für jede Sendung: Dann werde nicht einfach wild drauf los bestellt. Das Geld könne denjenigen zugute kommen, "die jetzt für vier Euro Stundenlohn als Selbstständige Pakete hin und her fahren, unsere Infrastruktur nutzen und die Straßen verstopfen", sagt er, leicht angesäuert. Amazon versuche zunehmend, flächendeckend Verteil- und Logistikzentren aufzubauen, um noch schneller als marktbestimmendes Unternehmen im Online-Handel agieren zu können. Bislang seien Metropolregionen im Fokus gewesen, nun sei die Fläche im Visier des Branchenriesen. Sehr kritisch sieht er, dass das Unternehmen, das in der Region so gut wie keine Steuern bezahle, steuerfinanzierte Infrastruktur wie ein Gewerbegebiet, aber auch Straßen nutzen könne, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen.

Der Landrat: Klaus Pavel erklärt, die großen Logistikzentren seien immer wieder Diskussionspunkt. Sie bedeuteten einen großen Flächenverbrauch bei "relativ wenig Arbeitsplätzen". Pavel: "Ich persönlich denke nicht, dass das eine gute Entwicklung ist." Der Verteilerverkehr nehme immer mehr zu – wie der Onlinehandel. Dies bedeute auch, dass der "wichtige örtliche Einzelhandel" Schaden nehme. Pavel hofft, "dass sich unser Kaufverhalten wieder zugunsten des örtlichen Angebots verändert" und appelliert: "Wir müssen auch wieder regionale Produkte wertschätzen." Das alles habe einen Zusammenhang. "Über den Einkaufskorb können wir sehr viel beeinflussen – wir sind alle verantwortlich", sagt der Landrat.

Auch zwei Bürgermeister haben sich schon der Sache geäußert, Frederick Brütting aus Heubach und Jürgen Stempfle aus Böbingen – mit unterschiedlicher Sicht auf die Dinge.

Frederick Brütting hat das Vorhaben mit deutlichen Worten kritisiert – die Entscheidungen über die Ansiedlungen würden isoliert von Städten getroffen, "haben aber massive Auswirkungen auf die ganze Region", sagte Brütting in einem Interview und weiter: "Jeder Supermarkt wird vom Regionalverband geprüft, aber zur einschneidendsten Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte im Handel verliert man kein Wort." Zudem seien Gewerbeflächen durch Gemeinden subventionierte Infrastruktur; Subventionen, die nun ein globales Unternehmen, das 2018 keine Steuern bezahlt habe, abschöpfe.

Anders argumentiert Jürgen Stempfle: "Wenn ein Arbeitgeber wie Amazon in Zeiten, in denen Arbeitsplätze wegfallen und die Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigt, bei uns investieren will, dann sollte man dies nicht aus moralischen Gründen ablehnen." Gemeinden und Städte siedelten ja auch Discounter an, "die Konkurrenz sind für Metzgereien oder Bäckereien". Und: Die Verbraucher änderten "doch ihr Verhalten nicht, wenn das Verteilzentrum in Gmünd steht oder sonstwo". Online-Einkäufe würden nicht weniger, wenn sich Gemeinden Unternehmen wie Amazon verschließen.

Der Regionalverband: Der Vorsitzende des Regionalverbandes, Gerhard Kieninger, reagiert auf den Hinweis von Frederick Brütting, der sich mehr Mitsprache etwa über den Regionalverband wünscht. Beim Regionalverband gehe man davon aus, "dass die jeweiligen Städte und Gemeinden im Rahmen ihrer Selbstverwaltung sorgfältig und nachhaltig bei der Umsetzung regionalplanerisch abgestimmter Gewerbegebietsflächen vorgehen" und insoweit sei das Heidenheimer Gewerbegebiet Rinderberg "regionalplanerisch abgestimmt". Auch setzt Kieninger darauf, dass man sich das in Heidenheim gut überlegt hat: Es sei bislang "Sitte und Usus im Regionalverband, den Verantwortlichen der rein kommunalen Ebene ein hohes Maß an Vertrauen bei deren Abwägungsprozessen" entgegen zu bringen.

Ähnlich sieht das im Übrigen auch Landrat Pavel: Heidenheim werde einen rechtskräftigen Bebauungsplan für dieses Gebiet haben, der eine solche Ansiedlung ermöglicht. "Dann hat der Regionalverband keine Mitsprache." Man spreche von der sogenannten "Allzuständigkeit der Kommunen", sofern die planungsrechtlichen Voraussetzungen gegeben sind. "Ich unterstelle, dass dies der Fall ist", sagt Pavel, und das bedeute: Der Regionalverband ist außen vor.

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