So entsteht ein Brillenglas bei Zeiss: „Das ist absolute Hochtechnologie“

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Zeiss-Stammsitz in Oberkochen.
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Bis zu 15 000 Brillengläser werden am Zeiss-Standort in Aalen pro Tag gefertigt. Das Werk ist nicht nur Produktionsstandort, sondern die zentrale Innovationsschmiede der Brillenglas-Sparte.

Aalen.

Leise und nur scheinbar erratisch hin und her zuckend bewegt sich der Greifer durch das Regallager, macht sich dann auf den Weg zum anderen Ende, senkt sich und schon landet das nächste Halbfabrikat auf dem Fließband, aus dem dann die bekannten Brillengläser von Zeiss hergestellt. Hier, im neuen vollautomatischen Halbfabrikatlager, beginnt die physische Entstehung dieses Brillenglases im Aalener Werk. „Für die Qualität des Brillenglases ist die Qualität des Halbfabrikats ganz entscheidend“, erklärt Zeiss Vision Care-Sprecher Joachim Kuss. Zeiss setzt deshalb auf eine eigene Fertigung, auch der Halbfabrikate. Hier in Aalen werden individuelle Brillengläser für den deutschen und den europäischen Markt produziert, aber auch nach Asien werden die Produkte geliefert.

Das Halbfabrikat wird nach seiner Auswahl auf einem Förderband von rund 1,5 Kilometer Läge durch das Werk bewegt. Zunächst erhält es seine Form. Wie genau das sogenannte Freiform- Verfahren aus den Rohlingen das perfekte Brillenglas macht, ist eines der vielen Betriebsgeheimnisse von Zeiss. Mit Freiform wird jedes einzelne Brillenglas individuell gefertigt. Eine anspruchsvolle Aufgabe, schließlich sind die Sehfehler eines Menschen über dessen gesamtes Auge verteilt. Eine besondere Bedeutung kommt daher dem Rechenzentrum zu. Es übersetzt die Daten, die die Optiker an Zeiss übermitteln, in das fertige Brillenglas. „Das ist quasi unsere Coca-Cola-Formel“, erklärt Kuss und lächelt.

Zwischen 12.000 und 15.000 Brillengläser werden pro Tag in Aalen produziert. Jedes der Brillengläser ist ein maßgeschneidertes Unikat, Zeiss fertigt die sogenannte Losgröße 1 in großer Serie. Nachdem die Gläser in Form sind, geht es an die weiteren Bearbeitungsschritte: Die Gläser werden poliert, gereinigt, beschichtet und gegebenenfalls gefärbt. Letzteres ist trotz des Automatisierungsgrades im Werk noch immer Handarbeit – und Frauensache. Denn das Y-Chromosom bestimmt über die Qualität das Sehvermögen, heißt: Frauen haben genetisch bedingt ein feineres Farbempfinden als Männer.

Die Beschichtung der Brillengläser wiederum findet im Reinraum statt, die Gläser werden quasi gebacken: In Vakuumkammern werden die einzelnen, hauchdünnen Schichten aufgedampft. So bekommen die Gläser ihren Schutz gegen Kratzer, Spiegelungen und weitere äußere Einflüsse. Auch hier kommt es auf die Details an: Wäre das Brillenglas ein Wolkenkratzer mit einer Höhe von 443 Metern, würde eine Hartlackbeschichtung 40 Zentimeter, eine Entspiegelung sogar nur 8 Zentimeter messen. „Das ist absolute Hochtechnologie“, unterstreicht Kuss.

Während des Produktionsprozesses werden die Brillengläser immer wieder kontrolliert – passen Dicke, Stärke oder Mittelpunkt? – und gereinigt. Dann werden die fertigen Gläser mittels einer vollautomatischen Verpackungsanlage, in die das Unternehmen vor kurzem einige Millionen Euro investiert hat, für den Versand vorbereitet. In rund 50 Länder liefert das Aalener Werk, Schwerpunkte bilden der deutsche und der europäische Markt, doch auch nach Asien werden Gläser versendet.

Die Aalener Fabrik mit rund 1200 Mitarbeitenden ist das einzige Werk dieser Größe in Deutschland. Möglich ist das vor allem wegen des hohen Innovationstempos, das Zeiss vorlegt. Laut Kuss gab es seit über 100 Jahren wesentliche Innovationen, mit denen Zeiss die Branche prägte, die Entspiegelung wurde bereits in den 1930er-Jahren erfunden und 1959 von Zeiss zum ersten Mal für ein Brillenglas angewendet.

In den vergangenen Jahren hat Zeiss die Gläser, die Blendungsempfinden im nächtlichen Autoverkehr reduzieren, in den Markt eingeführt, dann welche mit Blaulichtschutz, Gläser, mit denen der ständige Wechsel zwischen digitalen Geräten und unserer physischen Umgebung besser gelingen soll und schlussendlich Brillengläser mit antimikrobieller Beschichtung, die bis zu 99,9 Prozent der Viren und Bakterien auf ihnen deaktivieren sollen, entwickelt. „Die Wirkung dieser speziellen Beschichtung beruht auf Silberionen“, erklärt Kuss.

Mit diesen Innovationen gibt Zeiss im Markt den Takt vor. „Dank der Freiform-Fertigungstechnologie übersetzen wir diese Neuheiten darüber hinaus viel schneller in den Markt als noch vor einigen Jahren“, erläutert Kuss. Zudem profitiere man von der Nähe zu den Zeiss-Bereichen in Oberkochen. Zeiss hat in den vergangenen Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag in das Aalener Werk investiert. Neben dem vollautomatischen Halbfabrikatlager und der neuen Verpackungs- und Versandanlage hat der Konzern etwa ein neues Fertiglager sowie neue Büroräume in Betrieb genommen. „Zudem investiert Zeiss permanent in neue Fertigungstechnologien wie etwa Industrie-4.0-Verfahren“, so Kuss. Ein großes Thema ist die Nachhaltigkeit und der Umweltschutz. Bis 2025 soll die gesamte Zeiss Gruppe CO2-neutral arbeiten. Die Fertigung von Brillengläsern ist wiederum ein Massengeschäft und ist relativ ressourcenintensiv. „Wir sind hier auf einem guten Weg“, sagt Kuss. „Es wird kräftig investiert.“

Der Standort in Aalen ist zudem nicht nur ein Produktionsstandort, sondern eines von weltweit drei Leitwerken sowie zentrales Distributionszentrum besonders für Europa. Zudem werden am Standort neue „Vision Technology Solutions“ entwickelt, etwa der neue Online-Sehtest oder die virtuelle Brillenanprobe für Zuhause. Auch globale Funktionen von Marketing bis IT und natürlich große Teile der Forschung und Entwicklung sind hier angesiedelt.

Die Covid-Krise hatte 2020 zu einem Novum geführt: Erstmals seit der Gründung des Werks in Aalen ruhte die Produktion über Wochen, die Optiker hatten weltweit geschlossen, die Nachfrage nach Brillengläsern sank nahezu überall gegen Null. „Wir mussten schnell reagieren“, erklärt Kuss. Dank der Ende Mai schnell wieder anziehenden Nachfrage sank der Umsatz im Geschäftsjahr nur um drei Prozent, heuer ist das Werk in Aalen wieder auf den Wachstumskurs zurückgekehrt – so wie Zeiss Vision Care insgesamt.

Heute arbeiten mehr als 13 000 Menschen weltweit bei Zeiss Vision Care – Leitwerke wie in Aalen gibt es auch in China und Mexiko. Und selbst in der Covid- Krise hat Zeiss in neue Kapazitäten investiert, so wurde im April 2020 ein neues Werk in China eröffnet, in den USA wurde die Fabrik in Hebron erweitert und in Indien nahm eine weitere Fabrik für Halbfabrikate den Betrieb auf. Denn dort beginnt, wenn man genau sein will, die eigentliche Reise des Brillenglases.

  • „Aalen ist eines der globalen Leitwerke“
  • Dr. Matthias Metz, Mitglied des Zeiss-Vorstands erläutert im Interview die Bedeutung des Aalener Standorts.
  • Aalen ist eines der globalen Leitwerke von Zeiss Vision Care – innovative Brillengläser und Fertigungstechnologien für den Weltmarkt werden hier entwickelt, täglich werden Tausende individuelle Zeiss Präzisionsbrillengläser an Kunden in über 50 Märkten von hier aus versandt. Der Standort vereint Forschung, Technologie, Entwicklung und moderne Rezeptfertigung unter einem Dach. Und er profitiert von der Nähe zu anderen Zeiss Sparten wie der Medizintechnik und der Mikroskopie sowie der Konzernforschung und den Digital Partners. Die Zusammenarbeit mit Experten aus anderen Bereichen stärkt unsere Innovationskraft. So ist eines der Zukunftsthemen in unserer Branche die Integration von Augenmedizin und Augenoptik für umfassende Services für gesundes, gutes Sehen. Hier haben wir eine einzigartige Expertise durch die Kombination der Medizintechnik und der Augenoptik von Zeiss. Die Konzentration von Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auf der Ostalb ist auch für Zeiss Vision Care ein wesentlicher Erfolgsfaktor, da Innovationen ein wesentlicher Faktor für den Erfolg unserer Kunden sind.
  • In Europa wird vivo gerade erst bekannt. In China, Indien und anderen Märkten ist vivo bereits heute der größte Smartphone-Hersteller. Und vivo setzt voll und ganz auf Fotografie, um sich im Wettbewerb zu differenzieren. Zeiss ist mit einer einzigartigen Expertise für Foto und Film der strategische Partner für vivo, um neue Technologien für mobile Bildgebung zu entwickeln. Die X60 Series als erstes Ergebnis dieser Partnerschaft begeistert auch in Europa Verbraucher und die Online-Community gleichermaßen. Und wir haben gemeinsam für die nächsten Jahre noch viel vor. Der Siegeszug der Smartphone-Fotografie ist unaufhaltsam und das bedeutet auch, dass der Markt für klassische Fotoobjektive in Zukunft nicht mehr wachsen wird. Für Zeiss entscheidend ist aber, dass wir unsere über 130-jährige Expertise für Foto und Film auch im Smartphone-Zeitalter ausspielen und Millionen anspruchsvoller Verbraucher exzellente Fotowerkzeuge an die Hand geben. Zeiss Fotoobjektive sind ja weiterhin erhältlich. Mit dem verstärkten Engagement für Smartphone-Fotografie – wie wir es ja seit Jahren auch mit Sony tun – erreichen wir global zudem mehr Verbraucher und Zeiss wird als Technologiemarke gerade für jüngere Zielgruppen noch attraktiver.
Das vollautomatische Halbfabrikatlager am ZEISS-Standort in Aalen. Hier beginnt die Produktion der Brillengläser am Standort.
Die Brillenglasfertigung von Zeiss am Standort Aalen ist hochautomatisiert.

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