So lief Aalens erste Straßenblockade der „Letzten Generation“

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Vier Klimaaktivisten der Gruppe «Letzte Generation» blockieren die Bundesstraße 29 in Aalen. Zwei von ihnen haben sich auf dem Asphalt festgeklebt.
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Fast 100 Minuten blockieren vier Klimaprotestler die Bundesstraße 29 in Fahrtrichtung Aalen. Was ihnen droht und was die Betroffenen sagen.

Aalen.

Um 7.43 Uhr geht an diesem Montagmorgen des 21. Novembers 2022 alles sehr schnell. Die Ampel an der Kreuzung B29/Daimlerstraße Fahrtrichtung Aalen schaltet auf Rot. Vier Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ stellen sich auf die Straße, entrollen zwei Banner, die sie vor sich halten und blockieren eine für den Berufsverkehr wichtige Straßen im Ostalbkreis: die Bundesstraße 29.

96 Minuten lang, dauert die erste Straßenblockade dieser Art in der Region. Der Verkehr staut sich kilometerlang. Bis Mögglingen Ost (sieben Kilometer) stehen die Fahrzeuge. Als um kurz vor 8 Uhr die Polizei vor Ort eintrifft, setzen sich alle vier Teilnehmer sofort auf die Straße. Zwei von ihnen, die Aktivisten, die außen sitzen, kleben sich mit einer Hand auf dem Asphalt fest. Der Sekundenkleber erfüllt auch auf nasser Fahrbahn seine Aufgabe blitzschnell.

Sekundenkleber als die Polizei kommt

Die zwei Beamten vor Ort nehmen die Personalien der vier Männer auf. Jeder übergibt sofort seinen Ausweis an den Beamten. Moritz Riedacher, Sprecher der „Letzten Generation“ Stuttgart und einer der klebenden Aktivisten, benötigt etwas länger, seinen Ausweis mit nur einer Hand aus der Hosentasche zu ziehen.

Um kurz nach 8 Uhr erscheint Gerd Heideker vom Ordnungsamt der Stadt Aalen an der Kreuzung. Er muss entscheiden, ob die „Versammlung“ an dieser Stelle stattfinden darf. Darf sie nicht. Er fordert deshalb die vier Klimaaktivisten auf, die Straße zu verlassen und weist ihnen „sofort“ einen  Versammlungsort auf dem Bürgersteig zu. Die nicht festgeklebten Männer werden unter Polizeibegleitung von der B29 weggeführt. Die festgeklebten Mitglieder der „Letzten Generation“ warten auf die Einsatzkräfte des Malteser Hilfsdienstes. Die treffen um 8.36 Uhr ein, lösen mit Kriech- und Speiseöl vorsichtig die Hände vom Asphalt. Die Polizei hat den Verkehr inzwischen großräumig umgeleitet und sichert die Klebeaktivisten mit zwei Streifenwagen. Der Verkehr wird unter anderem ab B29/Margarete-Steiff-Straße umgeleitet. Der Stau bleibt aber kilometerlang.

Um 9.19 Uhr erklärt Heideker die Versammlung für beendet. Zwei der vier Aktivisten dürfen gehen. Sie erhalten eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Der Aalener Letzte-Generation-Aktivist Frieder Zürcher und der Aktivist Moritz Riedacher werden noch aufs Polizeirevier gefahren und erkennungsdienstlich behandelt (Fingerabdrücke, Personalien, Fotos etc.). Beide werden danach entlassen.

Die Aktivisten: Insgesamt sind fünf Aktivisten vor Ort. Sie sind mit dem Bus zum Blockadeort angereist. Neben Frieder Zürcher (63) aus Aalen, klebt sich noch der Pressesprecher der Stuttgarter Gruppe Moritz Riedacher (26) auf der Straße fest. Aus der „Stuttgarter Zelle“ der Bewegung sind noch Clemens Schlink (79) und Mischa Bareuther (34) vor Ort. Sie alle haben Straßenblockadeerfahrung. Zürcher hatte sich am Montag zum ersten Mal auf der Straße festgeklebt. Dokumentiert wird die Blockade von Jörg Nölle (67). Er steht am Rand, macht Fotos und filmt. Vor allem Zürcher und Riedacher rufen sitzend auf dem Asphalt immer wieder ihre Forderungen und ihre Gefühle über die B29. Immer wieder betonen sie, dass keine Zeit mehr bleibt, jetzt gehandelt werden muss. „Wir nötigen den Autoverkehr eine Stunde, die Verantwortlichen in der Politik lassen eine ganze Gesellschaft sehenden Auges in den Klimakollaps rasen“, ruft Zürcher.

Die Banner und die Forderungen: Auf zwei Bannern und einem Pappschild stehen die Forderungen der Klimaaktivisten. „Was, wenn die Regierung das nicht im Griff hat? Und „100 km/h und 9€ für alle“ steht auf den Bannern. Auf dem Pappschild steht das Wort „Rettungsgasse“. Die wird im Stau nicht gebildet. Die „Letzte Generation“ hatte angekündigt, die Straßenblockaden zu beenden, wenn es ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen gibt und einen bezahlbaren öffentlichen Personennahverkehr.

Auf mehreren Kilometern staute sich der Verkehr stellenweise bis nach Mögglingen zurück.

Die Autofahrer: Verständnis für die Aktion der „Letzten Generation“ hatten die wenigsten Autofahrer. Viele Autofahrer, die auf der Gegenseite unterwegs sind, hupen laut. Einige drehen das Fenster herunter und beschimpfen die Aktivisten als Spinner und Idioten. Zu den Aktivisten gehen bei meist strömendem Regen nur eine Autofahrerin und ein Autofahrer, die weit vorne im Stau stehen. Die Frau hat Verständnis für den Klimaschutz, aber nicht für eine Straßenblockade. Die Aktivisten entschuldigen sich bei den Gesprächspartnern, betonen aber, dass diese Aktion in dieser Form „notwendig ist, damit sich etwas ändert“.

Das Ordnungsamt: Auch eine Straßenblockade geht ihren bürokratischen Gang. Gerd Heideker von der Versammlungsbehörde der Stadt Aalen muss entscheiden, wie es weitergeht. Erste Feststellung: Die Klimaaktivisten haben ihr Recht zur freien Meinungsäußerung ausgeübt. Das ist legitim. Zweitens: Auch wenn die Blockade nicht angemeldet war, handelt es sich um eine „Versammlung“. Heideker muss abwägen, ob das Versammlungsrecht als Schutzgut in diesem Fall höher wiegt oder die Gefährdung von Verkehrsteilnehmern und die Eigengefährdung der festgeklebten Aktivisten. Er weist den vier auf der Straße befindlichen Aktivisten deshalb einen anderen Versammlungsort zu – eine Fläche auf dem Bürgersteig an der benachbarten Daimlerstraße. Der Aufforderung kommen die beiden nichtklebenden Teilnehmer nach. Sie gehen direkt dorthin und nehmen ein Banner mit. Die auf dem Boden festgeklebten Mitglieder können der Aufforderung nicht folgen. Auch hier greift deutsche Gründlichkeit. Offiziell werden sie von der Versammlung auf der Straße ausgeschlossen und mit polizeilichen Maßnahmen von der Straße entfernt. Die Malteser lösen den Kleber. Während Zürcher danach zum neuen Versammlungsort geht, lässt sich Riedacher auch auf die Trageder Malteser heben. Er macht von alleine keinen Schritt. „Da bin ich konsequent“, sagt er. Warum auf die Trage: Riedacher lässt seine linke Hand im Rettungswagen behandeln.

Mit Speiseöl gegen Kleber

Die Malteser: Das Lösen der Hände dauert etwa 30 Minuten. „Erstaunlich lange“, sagt eine Reporterin. „Erstaunlich schonend würde ich sagen“, antwortet Bernd Schiele von den Maltesern. Dem Sekundenkleber rücken die Rettungskräfte mit Pflanzenöl, Kriechöl, einem Pinsel, einem Spachtel und Zahnseide zu Leibe. Vorsichtig verteilen sie mit dem Pinsel die Öle unter den Fingern und heben diese immer wieder Stück für Stück an. Mit Zahnseide gehen sie unter der Handfläche entlang und lösen so nach und nach den Kleber von den Händen und dem Asphalt.

Die Polizei: Aufgrund der Absage der Blockade vom 14. November konnte die Polizei das Szenario schon einmal durchspielen. Hatten die Klimaaktivisten mit etwa drei Stunden Vollsperrung gerechnet, war nach 96 Minuten die Straße wieder frei. „Wir hatten das Zusammenspiel mit Stadt und Rettungskräften geübt“, sagt Einsatzleiter James Smith. Insgesamt ist die Polizei mit 20 Einsatzkräften vor Ort. Stellenweise kreist auch der Polizeihubschrauber über der B29.

Die Strafe und die Kosten: Alle Aktivisten müssen sich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verantworten. Sie erhalten eine Anzeige. Sie müssen ein etwaiges Bußgeldverfahren bezahlen.  Auf die festgeklebten Aktivisten kommt zudem noch eine Rechnung zu. Die Kosten für den Einsatz der Malteser werden nämlich den beiden Männern berechnet. Die Höhe ist noch nicht bekannt, einige Aktivisten sollen dafür in der Vergangenheit etwa 240 Euro pro Person bezahlt haben.

Weitere Blockaden?: Die erste und letzte Blockade wird das nicht im Ostalbkreis gewesen sein. Bereits im Vorfeld kündigten die Aktivisten an, so lange zu protestieren, bis ihre Forderungen erfüllt werden.

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