So lief die Evakuierung, bevor die Bombe entschärft wurde

+
Das THW geht in der Evakuierungszone von Haus zu Haus und kontrolliert, ob es leer ist. Hier sind die Bewohner bereits woanders untergekommen. Trotzdem gibt es hier und da am Vormittag vor der eigentlichen Entschärfung noch Klärungsbedarf.
  • schließen

Hunderte Ehrenamtliche sind am Samstagvormittag überall in der Stadt in verschiedenen Lagezentren im Einsatz. Wie sie sich um die Sicherheit der Bevölkerung kümmern.

Aalen

Hans Wodniok hat COPD - eine chronische Lungenerkrankung. Er braucht Sauerstoff. Nun sitzt der Senior mit fünf anderen Menschen in einem Klassenzimmer im Erdgeschoss des Schubart-Gymnasiums - dem Ausweichquartier für Evakuierte der Bombenentschärfung. „Ich bin seit Viertel vor Acht hier“, sagt Wodniok. „Die Johanniter haben mich gebracht und hier an das Rote Kreuz übergeben. Von denen habe ich den Rollstuhl bekommen“, erzählt er und zeigt darauf. „Ich kann ja kaum noch laufen.“ Wodniok wohnt im Hirschbach. Nicht weit entfernt von der Stelle, an dem an diesem Samstag die Fliegerbomben aus dem 2. Weltkrieg entschärft wird.

Es ist kurz vor 12 Uhr mittags. Die Stadtverwaltung meldet zu diesem Zeitpunkt auf ihrer Facebook-Seite, dass diese Entschärfung kurz bevorsteht - Wodniok erinnert sich derweil an den Krieg, den er noch selbst erlebt hat - wenn auch nicht in Aalen. „Ich komme aus Dresden, dort wurden wir täglich von den Jagdbombern belästigt“, sagt er. Er selbst sei 7 Jahre alt gewesen, als dort 1944 im Nebenhaus eine Bombe eingeschlagen habe.

„Menschlich komplizierte Transporte“

Es sind auch solche Erinnerungen, die die Hilfskräfte von Maltesern und Johannitern bei der Evakuierung der Menschen an diesem Tag gefordert haben. Morgens um 6.01 habe man den ersten Transport begonnen, den letzten habe man um 8.29 Uhr abgeschlossen. Eine halbe Stunde vor Plan, berichtet Bernd Schiele, der zusammen mit Heiko Born von den Maltesern in der Gerokstraße die Geschicke leitet. „Man kann sagen, es gibt menschlich komplizierte Transporte, weil manche es nicht mehr gewohnt sind, ihr Haus zu verlassen, das ist dann vielleicht ein emotional bewegender Transport - auch für uns“, sagt Schiele. Weiter hinten im Hof hinter ihm und Born stehen währenddessen die Ehrenamtlichen immer noch bereit. Unter anderem von hier aus waren sie am Morgen losgefahren, um die Menschen, die besondere Betreuung und Pflege brauchen, aus ihren Häusern weg von der Gefahr in Sicherheit zu bringen.

Koordiniert werden diese Einsätze im Landratsamt beim Führungsstab Ostalbkreis. Rund 20 Helferinnen und Helfer sitzen dort mit FFP-2-Masken vor ihren Computern, zwischen sich Plexiglasscheiben, das Evakuierungsgebiet stets im Blick. 135 hilfsbedürftige Menschen habe man in Sicherheit gebracht, kann Jürgen Scherer dort um kurz nach halb 10 berichten. Scherer leitet den Führungsstab, der sich um die „Weißen Kräfte“ kümmert, also um diejenigen, die Menschen „die auf den Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind“, helfen.

Familien sind ausgeflogen

Das sind mehr als die, die im Ausweichquartier Zuflucht gesucht haben. Nur 94 Menschen sind im Schubart-Gymnasium während der Evakuierung untergebracht - von 3300, die man alle persönlich angeschrieben habe, hat OB Brütting schon am Morgen der Presse im Rathaus berichtet. 74 Corona-Infizierte habe man anderweitig isoliert.

Am Mittag ergänzt Deniz Saglam, Abschnittsleiter des DRK im Ausweichquartier, dass im Laufe des Vormittags noch 20 Personen unangemeldet gekommen seien. Auch die habe man aufgenommen. Inklusive Coronatest - eine Teststation gibt es vor dem Eingang. ImGebäude ist es eher ruhig - das Familienzimmer im Untergeschoss leer. Die meisten sind ausgeflogen.

Aufenthalt eines Hilfsbedürftigen zunächst ungewiss

Dass auch all diejenigen, die den Tag für sich selbst organisiert haben, das Evakuierungsgebiet auch wirklich verlassen haben, darum kümmert sich das THW mit 50 Räumtrupps seit den frühen Morgenstunden zusammen mit der Polizei. Die ist mit insgesamt 200 Einsatzkräften dabei, mit einem Hubschrauber und vier Drohnen, wie Polizeisprecher Holger Bienert berichtet. Für die Verkehrskontrolle, aber „eventuell auch die zwangsweise Durchsetzung der Evakuierung“. Stand 9 Uhr läuft laut Bienert aber alles rund. „Wir sind schon mit sehr viel Kräften unterwegs“, sagt er.

Für die 50 THW-Einsatztrupps halten Abschnittsleiter Andreas Maile und Einsatzleiter Thomas Köninger die Fäden vom Greutplatz aus in der Hand. Auch OB Brütting schaut dort kurz nach 10 Uhr vorbei. „Es gibt noch ein paar Personen im Gebiet, wo abgeklärt werden muss, ob sie in Sicherheit gebracht worden sind“, teilt er mit. Konkret gehe es auch um einen pflegebedürftigen älteren Mann, der sich in einer „hilflosen Lage befinden könnte“, sagt er. Später kann Brütting Entwarnung geben. Der Mann wurde am Vorabend in ein Krankenhaus gebracht.

Hinter den Straßensperren - koordiniert vom Lagezentrum Verkehrsregelungen unter der Federführung von Achim Schürg und Achim Pfeiffer - kontrolliert das THW noch um elf Uhr die letzten Häuser. „Haus innen leer, niemand zu sehen, innen keine Bewegung“, stellt das Team in der Eckartstraße fest. Längst ist da außer den Einsatzkräften kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen. Nur ein paar Autos fahren abseits der Absperrungen durchs Wohngebiet. Dann am Mittag ab 12.22 Uhr stehen alle Ampeln auf Grün. „Die Entschärfung hat begonnen“, verkündet der OB im Rathaus. Nun heißt es warten.

Hans Wodniok hat da gerade im Ausweichquartier sein Mittagessen bekommen. Es gibt unter anderem Linsen und Spätzle. Serviert von den Kräften des DRK. Wodniok fühlt sich so gut versorgt wie noch nie, wie er sagt. „Alle fünf Minuten kommt jemand und fragt, ob ich etwas brauche“, freut er sich. Aber auf sein zuhause im Hirschbach, darauf freue er sich auch schon wieder.

Alle fünf Minuten kommt jemand und fragt, ob ich etwas brauche.“

Hans Wodniok, Hirschbach-Bewohner, wurde im Schubart-Gymnasium untergebracht

Mehr zum Thema Entschärfung der Fliegerbombe beim Tannenwäldle

Experten entschärfen die Fliegerbombe in 35 Minuten

Die Fliegerbombe ist entschärft - die Ereignisse des Tages im Ticker zum Nachlesen

  • „Es ist ein denkwürdiger Tag“, sagt Aalens OB Brütting bei der Pressekonferenz im Rathaus am Samstagmorgen. Am 11. Januar habe sich bei Erschließungsarbeiten der Verdacht auf eine Fliegerbombe ergeben. Nun habe man bei dem „frühestmöglichen Zeitpunkt“ der Entschärfung Glück mit dem Wetter. „Viele Menschen sind sicher unterwegs an der frischen Luft.“ Der Beseitigung der Fliegerbombe laufe in vier Phasen: Vorbereitungen. Selbstevakuierung und Evakuierung, Entschärfung und letztendlich Rückführung.
THW Einsatzabschnittsleiter Andreas Maile.
Im Schubart Gymnasium ist eine Unterbringungsmöglichkeit für die die keine andere Möglichkeit gefunden haben. Die Menschen werden dort vom DRK und den Johannitern betreut.
Im Schubart Gymnasium ist eine Unterbringungsmöglichkeit für die die keine andere Möglichkeit gefunden haben. Die Menschen werden dort vom DRK und den Johannitern betreut.
Die Situation im Evakuierungsgebiet.
Das Führungs- und Lagezentrum im Rettungszentrum.
Das Führungs- und Lagezentrum im Rettungszentrum.
Das Führungs- und Lagezentrum im Rettungszentrum.
Das Führungs- und Lagezentrum im Rettungszentrum.
Das Lagezentrum im Landratsamt.
Das Lagezentrum im Landratsamt.
Lagezentrum im Rathaus
Das THW geht von Haus zu Haus und kontrolliert, ob es leer ist.
Lagezentrum im Rathaus
Das Lagezentrum im Landratsamt.
Lagezentrum im Rathaus
Bürgermeister Ehrmann.
Lagezentrum im Rathaus
Pressekonferenz zu Beginn des Tages.
Oberbürgermeister Frederick Brütting in der PK zu Beginn des Tages.
Sperrung des Evakuierungsgebietes.
Das Lagezentrum im Landratsamt.
Die Malteser an Ihrer Leitstelle in der Gerokstraße.
Das Lagezentrum im Rathaus. Hier wird der Stand der Evakuierung und der Entschärfung ständig aktualisiert.
Die Situation im Evakuierungsgebiet.
Hans Wodniak, Hirschbach-Bewohner ist im SG gut versorgt.
Die Situation im Evakuierungsgebiet.
Bei den Maltesern in der Gerokstraße.
Das THW geht von Haus zu Haus und kontrolliert, ob es leer ist.
Die Situation im Evakuierungsgebiet.
Lagezentrum im Rathaus
Ein Anwohner verlässt am Samstag morgen das Evakuierungsgebiet.
Bei den Maltesern in der Gerokstraße.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

Kommentare