Spagat zwischen Rektorat, Haushalt und Schule daheim

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Nadia Feiler, Grundschulrektorin und alleinerziehende Mama, setzt im Corona-Alltag auf klare Strukturen und Rituale. Bevor sie morgens aus dem Haus geht, um in der Schule Verwaltungsaufgaben zu erledigen, verteilt sie nach dem gemeinsamen Frühstück auf kleinen Zetteln leichtere Arbeiten im Haushalt an ihre Kinder (v.l.) Greti (8), Tilli (9) und Ferdi (11).
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Wie die Grundschulrektorin und alleinerziehende Mutter Nadia Feiler gemeinsam mit ihren schulpflichtigen Kindern die Krise managt.

Aalen

Seit Corona ist vieles anders. Das gefährliche Virus, gepaart mit dem Lockdown, verändert den Alltag, macht die geliebte Ordnung und Planbarkeit vieler Familien zunichte. Kita- und Schulschließungen über viele Wochen hinweg – bei vielen Eltern liegen die Nerven blank, weil sie Kinderbetreuung, Homeschooling und Erwerbstätigkeit gleichzeitig unter einen Hut bringen müssen.

Eine noch größere Herausforderung mögen derzeit Alleinerziehende wie Nadia Feiler erleben. Die 46-Jährige ist Rektorin der Wasseralfinger Braunenbergschule und managt seit dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren die Erziehung ihrer Kinder ganz alleine. Emotionalen Rückhalt findet sie zwar in ihrem neuen Lebenspartner aus Bayern, der gemeinsam mit seinem Sohn Nico (10) die Familie ergänzt. Allerdings ist die Beziehung vorerst auf die Wochenenden beschränkt.

Während die 22-jährige Anna-Theresa bereits auf eigenen Füßen steht und gerade ihre Bachelorarbeit geschrieben hat, sind Greti (8), Tilli (9) und Ferdi (11) noch im besten Schulalter. Die beiden Jüngsten besuchen die Grundschule ihrer Mutter, Ferdi eine Gemeinschaftsschule.

Das schweißt zusammen

"Ich sehe mich gerade in zwei Rollen", erzählt Nadia Feiler. Zum einen als Rektorin, die ihre Kollegen im Homeschooling anleiten soll. Zum anderen merke ich bei meinen eigenen Kindern daheim, dass sich einige Dinge nicht umsetzen lassen." An diesem Nachmittag ist das die Sache mit der Waage. Greti soll als Schulaufgabe 15 Nudeln abwiegen. Was tun, wenn man nur einen dafür unbrauchbaren Thermomix besitzt, aber keine Briefwaage? Die Feilers haben Glück. Sie wohnen Wand an Wand mit ihrer Oma, die gern mit ihrer alten Küchenwaage aushilft.

"Während des ersten Lockdowns im Frühjahr war ich noch viel motivierter", bekennt die Familienmutter. Doch jetzt, in der x. Woche des zweiten Lockdowns, fühle sie sich langsam müde, zermürbt. "Mir fehlt die Perspektive", gesteht sie.

Aber jammern ist nicht ihr Ding. Nadia Feiler kann der schwierigen Situation auch Positives abgewinnen. Etwa die Chance, als Familie viel gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen. Das schweißt zusammen. Wie beim ersten Lockdown, mit dem sie sogar sehr schöne Erinnerungen verbindet. "Da sind wir alle zusammen täglich zehn Kilometer gewandert – mit einem großen Rucksack direkt vom Haus weg." Insgesamt 500 Kilometer haben sie während der sechs Wochen zu Fuß zurückgelegt – eine Strecke wie von Aalen zum Gardasee. Regelmäßig mit von der Partie waren der treue Labrador "Bootsmann" und auch die große Tochter samt Freund. "Im April haben wir sogar schon im Bach gebadet", erzählt der elfjährige Ferdi begeistert, und gesellt sich mit einer selbst geschmierten Stulle zum Gespräch an den Küchentisch.

Und auch jetzt schätzt die Mutter das kleine Glück: "Der viele Schnee und ein Winter, wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten, lenken uns ein wenig von den Corona-Themen ab." Heißt: Nach dem Lernen geht's für ihre Kinder raus. "Darauf achte ich. Es sind Freigeister, richtige Bullerbü-Kinder", schmunzelt sie.

Wir wissen ja, dass Mama arbeiten muss, damit wir zu essen haben und auch mal in Urlaub fahren können.

Greti (8)

Dabei ist das Tagesprogramm für alle straff strukturiert. Denn wenn sich die Mutter morgens um 7.30 Uhr für allerlei Verwaltungsaufgaben alleine auf den Weg zur Schule macht, muss daheim erst einmal die Hausarbeit erledigt werden. Zum morgendlichen Ritual zählt nicht nur das gemeinsame Frühstück, sondern zählen auch von Hand geschriebene Zettel mit kleinen Anweisungen der Mutter, wie "Küche schön aufräumen", "Wäsche aufhängen", "Feuer machen und Holz holen" und "Alle Betten machen". Und die Mutter kann sich darauf verlassen, dass bis zum Mittag alles ohne Murren erledigt ist. "Wir wissen ja, dass Mama arbeiten muss, damit wir zu essen haben und auch mal in Urlaub fahren können", schaltet sich die achtjährige Greti mit einem breiten Grinsen ein.

Darum beginnt Homeschooling bei den Feilers erst, wenn die Mama mittags wieder von der Schule zurück ist, wenn gekocht und aufgeräumt ist. Von 13 bis 16 Uhr rauchen dann die Köpfe und Nadia Feiler – gerade noch Rektorin – wechselt in die unterstützende Mutterrolle. "Da wird effektiv gelernt, da gibt es keine großen Pausen, keine Vesperpause und keine Fünf-Minuten Pause." Danach ist bis zum Abendbrot um 18 Uhr noch viel Zeit für die frische Luft, um sich am Schlittenhügel auszutoben oder einen Schneeiglu zu bauen. Derweil genießt die Mama ein wenig Zeit für sich, geht mit dem Hund raus oder joggen.

Vieles alleine üben

"Tillis Lehrer hat sogar einen eigenen Youtube-Kanal für seine Erklärvideos", berichtet der elfjährige Ferdi. Seine Mutter weiß, dass manche Kollegen sehr viel Zeit in solche Erklärvideos investieren. Allerdings bezweifelt sie, ob der der Nutzen dieser Videos den Aufwand lohnt. "Schriftliche Division etwa kann man den Kindern nur beibringen, wenn man mit ihnen den Vorgang ständig wiederholt."

Heißt: Im Homeschooling müssen die Kinder vieles allein üben. "Das halte ich für nicht praktikabel – zumindest nicht bis zu einem Alter von elf Jahren", sagt Feiler. Obwohl ihr andererseits auch klar ist, dass es angesichts der Infektionszahlen nicht möglich ist, die Kinder in die Schule zurückzuführen.

Neulich hat ihr Greti einen kleinen Zettel zugeschoben: "Hoffentlich ist Corona bald zu Ende." Und hat damit der Mutter aus dem Herzen gesprochen. "Wenn ich einen Wunsch an die Politik frei hätte, dann würde ich mir einen 14-tägigen Komplett-Lockdown wünschen – um danach vielleicht endlich wieder eine Perspektive zu haben", sagt Nadia Feiler als Mutter und als Grundschulrektorin.

Schulrektorin und Mama von vier Kindern

Nadia Feiler leitet seit Juli 2016 die Wasseralfinger Braunenbergschule – gemeinsam im Team mit Anja Abele- Öhlert. Nachdem ihr Mann Marcus vor drei Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben ist, befindet sich die 46-Jährige in einem permanenten Spagat zwischen Elternrolle und Beruf. Der Corona-Lockdown erschwert den persönlichen Anspruch Nadia Feilers – einerseits für ihre drei noch schulpflichtigen Kinder Greti (8), Tilli (9) und Ferdi (11) eine allumsorgende Mutter zu sein, andererseits als Rektorin "Schrittmacherin" für die Weiterentwicklung der Braunenbergschule zum Schulzentrum zu sein. Inzwischen hat sich ihre Familie, zu der auch die bereits erwachsene Tochter Anna-Theresa (22) und deren Freund Kai zählt, um Nadias bayerischen Lebenspartner und dessen Sohn Nico (10) erweitert.

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