Spendensammler in Aalen verärgern Kunden

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Das Foto zeigt den blauen Infostand mit dem Emblem "Ärzte der Welt" vor dem früheren Spielzeug-Wanner. Gut zu erkennen: Die Spendensammler im blauen Polohemd bewegen sich deutlich vom Stand weg, um aktiv Kunden in der Fußgängerzone anzusprechen.
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Fünf junge Menschen gehen auf Passanten zu und werben in der Fußgängerzone dafür, Spenden-Abos für "Ärzte der Welt" abzuschließen. Warum sich Aalener Geschäftsleute darüber empören.

Aalen. Am Dienstag haben sie Passanten in der Aalener City angesprochen, um sie zu einer Unterschrift für ein Spenden-Abo zu gewinnen: Fünf junge Menschen, Männer und Frauen, eigener Aussage nach Studenten und Schüler, hatten vor dem ehemaligen Spielzeug-Wanner ein blaues Pagodenzelt mit dem blau-weißen Emblem „Ärzte der Welt“ aufgeschlagen. Dabei handelt es sich um eine humanitäre Organisation, die hilfsbedürftige Bevölkerungsgruppen in Krisengebieten unterstützt.

Lesen Sie hier: Spendensammler: „Misstrauen ratsam“

Also eigentlich eine gute Sache. Trotzdem sind den Geschäftsleuten des Aalener Innenstadtvereins Aalen City aktiv (ACA) und Citymanager Reinhard Skusa solche Aktionen ein Dorn im Auge.

„Für das Wohlfühlklima in der Innenstadt sind solche Aktionen eine Katastrophe“, sagt beispielsweise Uli Riegel von Dr. Fashion. „Die Kunden kommen verärgert ins Geschäft und beschweren sich, weil sie sich durch die Spendensammler belästigt fühlen.“ Diese suggerierten im Vorbeigehen den Passanten ein schlechtes Gewissen mit Aussagen wie: „Wollen Sie nicht armen Kindern helfen?“ Dabei gehe es ihnen doch allein darum, für sich selbst eine möglichst hohe Provision abzugreifen, meint Riegel.

„Die Spendensammler sprechen die Passanten von der Seite an, gehen ein paar Schritte mit ihnen mit oder stellen sich ihnen sogar in den Weg“, ergänzt der Citymanager. Dieses aktive Zugehen auf Passanten aber sei laut Ordnungsbehörde gar nicht gestattet. „Eigentlich“, so Skusa, „müssten die Spendensammler in ihrem Stand stehenbleiben“. Auch dem ACA-Vorsitzenden Josef Funk ist „ganz wichtig, dass die Kunden nicht belästigt werden. Die Promoter sollten sich an die Regeln halten und den Kunden nicht hinterherlaufen.“

Wer sind diese Sammler? Die SchwäPo hat mit einem von ihnen gesprochen. Markus (Name geändert) trägt wie die anderen vier Promoter ein blaues Polohemd mit dem Emblem „Ärzte der Welt“. Er stellt sich als Lehramtsstudent aus Würzburg vor und geht in freundlichem Plauderton ungefragt und prompt zum „Du“ über. Weil er sich in den Semesterferien etwas dazuverdienen wolle, arbeite er für die Fundraising-Agentur DialogDirect. In ihrem Auftrag habe er auch schon für das Kinderhilfswerk Unicef gesammelt, und auch mal für die weltweite Hilfsorganisation Care.

Die Täuschung: Schnell wird klar: Das blaue Polohemd mit dem Emblem „Ärzte der Welt“ trägt er nur zu Werbezwecken. Denn: Er selbst sei in keiner dieser Hilfsorganisationen Mitglied, bekennt er. Die Spenden gehen seiner Aussage nach zu 90 Prozent an die Hilfsorganisationen, zehn Prozent blieben „in der Verwaltung“ hängen. Jeder der Sammler schließe täglich etwa vier bis fünf Verträge ab, „wenn's gut läuft, dann fünf bis zehn“.

Das Ziel der Sammler: Um ein Spenden-Abo abzuschließen, sollen Interessenten ihre Daten, also Adresse und Unterschrift direkt auf einem Tablet am Infostand eintragen. Im aktuellen Fall konnten sie wählen zwischen einer Jahresspende über 120, 240 oder 360 Euro. „Es darf natürlich auch mehr sein“, sagt Markus mit einem gewinnenden Lächeln. Ihm zufolge handele es sich um einen „ganz normalen Vertrag“, den man in den ersten Wochen nach Abschluss sofort wieder kündigen könne.

Wer genehmigt eine solche Sammelaktion in der City? „Der Dienstleister DialogDirect hat vom städtischen Ordnungsamt eine Sondernutzungserlaubnis erhalten, um für Spenden für Ärzte der Welt zu werben“, sagt der städtische Pressesprecher Sascha Kurz auf Nachfrage. In der Regel erhalte die Stadt monatlich eine Anfrage für eine Werbeaktion dieser Art. Allerdings beinhalte die Sondernutzungserlaubnis unter anderem die Auflage, dass nicht mehr als drei Promoter eingesetzt werden, und Fußgänger keinesfalls belästigt oder bedrängt werden dürfen. Der Gemeindevollzugsdienst (GVD) habe bei seiner Kontrolle vor Ort daher die Anzahl von fünf Personen moniert und auch, dass die Promoter den Kunden nachgelaufen sind. Der GVD, so Kurz, habe den Promotern mit auf den Weg gegeben, dass sich ihr Auftraggeber DialogDirect nochmals mit der städtischen Straßenverkehrsbehörde in Verbindung setzen soll.

Das sagt die Polizei: Laut Polizeiverordnung der Stadt Aalen ist aggressives Betteln mit wiederholtem Ansprechen von Personen grundsätzlich verboten. Unter aggressivem Betteln indes verstehe man ein Bedrängen von Personen, indem sie festgehalten oder berührt werden. Eine freundliche Ansprache mit Bitte um eine Spende für Dritte, wie im vorliegenden Fall geschehen, sei indes tolerierbar und nicht zu ahnden, sagt sinngemäß Rudi Bihlmaier, Polizeisprecher im Polizeipräsidium Aalen. Aus Sicht der Polizei gibt es im vorliegenden Fall also nichts zu beanstanden. „Das ist keine Straftat“, sagt der Polizeisprecher.

Was die Polizei rät: „Jeder mündige Bürger sollte achtsam sein, und bevor er ein Spenden-Abo abschließt, das Kleingedruckte im Vertrag lesen“, rät der Polizeisprecher. Und wenn einem vor Ort nur ein Tablet entgegengehalten wird, sollte man das Kleingedruckte ausdrücklich einfordern, bevor man seine Unterschrift hinterlässt. „Man sollte zumindest über die Kündigungsfristen informiert sein.“

Wie arbeitet DialogDirect? Aktuelle Auftraggeber der Fundraising-Agentur sind laut deren Angaben auf der eigenen Internetseite Amnesty International, die UNO-Flüchtlingshilfe, der WWF, Ärzte der Welt, World Vision und Care. Das Fundraising-Unternehmen hat sich spezialisiert auf die Generierung von Dauerspendern mit Bankeinzug an frequenten Plätzen. DialogDirect bewirbt unter anderem einen reisenden Dialoger-Job für Studenten mit einem Mindestverdienst von 1920 Euro in den ersten vier Wochen und zusätzliche Prämien. Die Agentur verspricht je nach Einsatz einen schnellen Aufstieg „und zusätzliche Bezahlungen als Teamleiter“.

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