Statt Bazookas nur Wasserpistolen

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Es ist wenig los in den Städten. Zudem ärgern sich die Händler über Ungerechtigkeiten.
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Zwar ist der Breuninger-Eilantrag auf Öffnung der Geschäfte abgewiesen worden, doch auch in Aalen rumort es kräftig bei den Händlerinnen und Händlern. Ein Gespräch mit City-Manager Reinhard Skusa.

Aalen

Die Breuninger-Kette hat gegen das Land geklagt, weil sie ihre Kaufhäuser wieder öffnen möchte. Breuninger hat verlangt, dass die wegen der Corona-Verordnung des Landes geregelten Geschäftsschließungen außer Vollzug gesetzt werden. Am Donnerstag wurde die Klage abgewiesen. Die SchwäPo sprach darüber mit dem Aalener City-Manager Reinhard Skusa:

Wie bewerten Sie den – am Donnerstag abgelehnten – Eilantrag von Breuninger, eine Öffnung von Kaufhäusern auf gerichtlichem Wege zu erzwingen?

Reinhard Skusa: Der Druck auf den Handel ist im Moment unvorstellbar groß. Man muss sich das vorstellen: Sie haben keine Einnahmen, sie dürfen nicht arbeiten, aber die Banken wollen ihre Raten. Sie müssen ihre Rechnungen bezahlen. Und jetzt sollen sie Hartz-IV beantragen. Und die Zuschüsse? Da wird immer von einer Bazooka gesprochen, dabei ist das eine Wasserpistole. Dann haben sich Händler mit dem Kauf von Frühjahrsmode vertraglich gebunden, haben bestellt, müssen bezahlen. Die Regierung kann froh sein, dass die Leute noch so friedlich sind. Denn da werden Existenzen massiv bedroht. Und die haben ja nichts falsch gemacht. In so fern: Ich war gottfroh, dass das endlich jemand auf dem Klageweg angegangen ist. Schade, dass es nicht geklappt hat.

Würde es Konzepte geben, die eine Öffnungsperspektive ermöglichen?

Natürlich gibt es die. Die Händler haben ja bereits investiert – in Hygienegeräte, in Luftreiniger. Fast jedes Geschäft hat auch FFP2-Masken vorrätig. Und: Nehmen Sie einen großen Möbelhändler mit 25 000 Quadratmeter Fläche. Da kann man sich doch aus dem Weg gehen.

Und wenn alle die Laden stürmen?

Das kann man doch steuern. Kunden müssen eben warten. Das ist eingeübte Praxis.

"Gleichstellung bei Öffnungen zum Lebensmitteleinzelhandel" und "Entschädigung für die verordneten Schließungen", das wollte Breuninger gerichtlich erzwingen: Inwieweit teilt der Innenstadtverein ACA diese Punkte?

Alfred Krauss, ein Aalener Einzelhändler, und viele Gleichgesinnte, schicken seit Kurzem jeden Tag ein Paket nach Berlin und nach Stuttgart mit Waren, die nicht verkauft werden können. Warum hat Krauss so eine Aktion ins Leben gerufen? Weil gleichzeitig im Lidl Bettwäsche verkauft wird. Warum darf Lidl das und Krauss nicht? Welcher Gesetzgeber macht so etwas? Das ist nicht nachvollziehbar. Verstehe ich schon, wenn da Entschädigungen verlangt werden. Raten laufen weiter, Mieten müssen bezahlt werden, Kosten laufen, zumindest zum Teil, weiter. Man hat viel versprochen. Aber es fließt nichts.

Könnte sich ACA vorstellen, selbst zu klagen?

Bislang wird das bei uns noch nicht diskutiert. Aber bei den einzelnen großen Händlern wird schon darüber gesprochen. Man ist ja in gutem Austausch mit den lokalen Politikern. Aber es eilt, die Luft wird immer dünner.

Wie ist denn aktuell die Stimmung unter den ACA-Mitgliedern?

Die Händler ertrinken in Ware. Es herrscht eine Mischung zwischen Aggressivität und Megaenttäuschung. Und die Hilflosigkeit, die ist mit Händen greifbar. Was gut tut: dass viele Menschen den Handel unterstützen, etwa mit "Click und Collect".

Was bringen die "Click und Collect"-Verkäufe?

Na ja, die sind ok. Aber sie bringen vielleicht fünf, zehn Prozent. Aber sie brauchen 100 Prozent, um dieses Rad zu drehen.

Noch einmal zur Paketaktion. Wie läuft die denn? Wie viele Päckle gehen an Angela Merkel und Winfried Kretschmann?

Die ist gut angelaufen. Derzeit sind konkret zehn Händler dabei und viele andere haben angekündigt, bald mitzumachen.

Gibt es auch kritische Stimmen?

Ja, schon. Manche sagen, zum Beispiel, die Waren sollen für den guten Zweck gespendet werden. Da sage ich: Das kann man ja in Stuttgart und Berlin machen.

Nennen Sie uns die Ziele.

Es hat viel mit dem Thema Gerechtigkeit zu tun. Ein Beispiel: Gastronomen bekommen 75 Prozent ihres Umsatzes ersetzt. Unsere Händler sagen: Uns würden 30 Prozent reichen. Noch ein Beispiel: Der Onlinehandel läuft wie geschmiert. Aber: In den Verteilzentren von Amazon & Co. waren ja die Superspreader. Da macht man nichts. Und warum darf Lidl Unterhosen verkaufen und Matratzen? Gerechtigkeit ist ein ganz wichtiges Kriterium. Ich denke, die Corona-Pandemie wird sicher insgesamt noch viele gerichtliche Nachspiele haben.

Eigentlich sind Sie ja Optimist. Sehen Sie den Silberstreifen?

Ich hoffe schon darauf: Die Leute wollen das Leben wieder genießen. Sie werden wieder in die Städte strömen. Und wir haben eine schöne Idee, um Künstlern zu helfen: Wir wollen, zusammen mit Aalener Kollektiv K, wenn es wieder geht, in Gaststätten sogenannte Künstler-Tische aufstellen. Die Idee: Wenn man sich als Gast dort niederlässt, dann bezahlt man eine kleine Künstlerabgabe. Da kostet der Capucchino vielleicht 50 Cent mehr. Mit dem Geld können wir Innenstadtaktionen mit den Künstlern bezahlen. Das kann richtig schön werden für alle.

Albrecht warnt vor dem "Sterben der Innenstädte"

Aalen/Berlin. Dr. Holger Fabig ist Leiter der Regierungstaskforce Corona-Hilfe im Bundesministerium der Finanzen. Auf Vermittlung der Aalener Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier (SPD) sprach der Experte am Donnerstag mit Aalener Händlern, die ihm schilderten, was sie plagt – und was sie sich erhoffen. Claus Albrecht (Saturn) sprach über "die großen Vermögensverluste", die Selbstständige zu tragen hätten und warnte vor dem "Sterben der Innenstädte". Bei den Überbrückungshilfen sieht er Ungerechtigkeiten, etwa, weil der Unternehmerlohn nicht berücksichtigt sei oder bei den Fixkostenberechnungen. Er sprach sich für eine pauschalierte Erstattung auf Grundlage des Bruttoumsatzes aus. Ähnlich sah das Citymanager Reinhard Skusa. "In der Einfachheit liegt die Chance", sagte Skusa – und erneuerte seinen Vorschlag einer Hilfe in Höhe von 30 Prozent des Vorjahresumsatzes. Uli Riegel (Dr. Fashion) schilderte die Lage als "dramatisch". Die jetzt in Aussicht gestellten Hilfen seien zu gering. "Wir brauchen mehr, sonst werden viele nicht überleben", sagte er. Fabig erklärte zwar, er verstehe die Sorgen, höre dies auch immer wieder. Aber Pauschallösungen würden Ungerechtigkeiten an anderer Stelle hervorrufen. Er verwies auf verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten und darauf, dass es seit Dienstag eine "Neustarthilfe" für ganz kleine Unternehmen gebe: Soloselbstständige, die im Rahmen der Überbrückungshilfen III keine Fixkosten geltend machen, aber dennoch stark von der Corona-Krise betroffen sind, können einmalig eine Neustarthilfe von bis zu 7500 Euro erhalten. Infos gibt's unter www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de.

Insgesamt zieht Reinhard Skusa eine ernüchternde Bilanz des Gesprächs, dankt aber ausdrücklich Leni Breymaier für das Arrangement. Konkrete Ergebnisse habe es zwar nicht gebracht, aber immerhin habe man Argumente platzieren können. Zudem ist es Claus Albrecht gelungen, einen weiteren Termin zu bekommen im Bundesfinanzministerium – dann zusammen mit OB Thilo Rentschler. jhs

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