Trotz Corona: nicht aufs Bremspedal treten

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Wirklich eine schöne Wanderung: Der Panoramaweg führt auf 30 Kilometern gut ausgeschildert rund um Aalen. Von dort aus sieht man Aalen in all seinen Facetten.
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Unterwegs mit Thilo Rentschler auf dem Aalener Panoramaweg – Gelegenheit für Fragen. Etwa die, ob der Oberbürgermeister antritt bei der OB-Wahl im Jahr 2021.

Aalen

Wir treffen Oberbürgermeister Thilo Rentschler auf dem Aalener Panoramaweg an der Himmelssteige – und gehen mit ihm in Halbhöhenlage ein paar Kilometer auf diesem insgesamt 30 Kilometer langen Weg. Unterwegs ist Gelegenheit, über Aktuelles, aber auch über Grundsätzliches zu sprechen. Und über die nächste OB-Wahl.

Von hier aus, auf dem Panoramaweg, sieht man wunderbar hinein in die Aalener Bucht. Herr Oberbürgermeister, was sind denn die Stärken dieser Stadt?

Thilo Rentschler: Das sieht man hier besonders schön. Man wohnt in einer großen Stadt. Aber man hat auch viele solcher Enklaven. Man wohnt fast wie auch dem Dorf, im Grünen. Und trotzdem ist man Teil der Kreisstadt Aalen. Idylle pur. Das haben wir ja an ganz vielen Ecken. Und dennoch liegt Aalen absolut im Zentrum der Region.

Wie meinen Sie das?

Von Ellwangen, Schwäbisch Gmünd und Heidenheim ist es jeweils etwa gleichweit entfernt zur "Landeshauptstadt von Ostwürttemberg". Damit haben wir natürlich auch eine Gesamtverantwortung für die Region und auch für die Kooperation mit den umliegenden Städten und Gemeinden.

Konkrete Stärken?

Da gäbe es viel zu nennen. Was mir ganz wichtig ist: die starke Hochschule, die forschungsstärkste im Land, jetzt gepusht durch das Investitionsprogramm am Waldcampus. Die Hochschule ist auch ein Jungbrunnen für die Stadt. Es kommen Studierende aus 120 Ländern – und auch viele aus der Region und aus dem Ländle. Das hält die Stadt jung und dynamisch. Das sind die Erfolgsfaktoren dafür, dass eine Region nicht stehen bleibt. Für das, mit dem wir in zehn Jahren Erfolg haben wollen, müssen wir heute die Weichen stellen.

Sind die Weichen derzeit denn richtig gestellt?

Wir waren in Aalen für Jahrhunderte erfolgreich mit Gießerei und Bergbau, aber eine Region muss sich immer wieder neu erfinden. Wenn man sich anschaut, was sich aus den Hüttenwerken oder dem Bergbau entwickelt hat: Da gibt es ganz viele versteckte Champions.

Was macht Aalen sonst aus?

Aalen ist eine Stadt, in der ganz unterschiedliche Menschen aus den Anforderungen das Beste machen. Wir haben hier nicht ein großes Konglomerat, sondern können ganz unterschiedliche Wohn- und Lebensangebote machen. Und es gibt keinen Ort in dieser Stadt, an dem sie länger als zehn Minuten brauchen, um in der Natur, im Grünen zu sein. Dazu kommen unglaublich viele Kulturangebote und eine quicklebendige Stadtgesellschaft mit viel Engagement.

Wo sehen Sie die Schwächen?

Da muss ich überlegen. Wir haben schon einen gewissen Nachholbedarf, vielleicht abgeleitet aus der damaligen Finanz- und Wirtschaftskrise, als man stark aufs Bremspedal gestiegen ist. Da gibt es noch Aufholbedarf in den Bereichen Schulbausanierung oder Kinderbetreuung. Gerade was den Bedarf an Kinderbetreuung anbelangt: Das hat man vor sechs, sieben Jahren ganz anders gesehen.

Ist eine Schwäche auch die Lage am Rand des Landes?

Die Lage ist keine Schwäche, weil wir gut an den großen Verkehrsachsen liegen, idealtypisch geradezu. Ulm, Würzburg, Stuttgart, Nürnberg – wenn der B 29-Ausbau gut vonstatten geht, dann wird das noch stärker. Und das mit der Randlage: Das liegt immer im Auge des Betrachters. Wir sind im Zentrum von fünf anderen starken Regionen, so kann man es ja auch sehen. Wir sind ja, wenn man so will, die größte Stadt zwischen Ulm, Würzburg, Nürnberg und Stuttgart.

In solch einer Stadt, mit so wenigen Schwächen und so vielen Stärken: Da ist man doch gern Oberbürgermeister. Nächste Jahr wird gewählt: Treten Sie wieder an?

Es gibt keine Gründe, das nicht in Erwägung zu ziehen. Wird ja ein spannendes Wahljahr: Neben OB-, auch Landtags- und Bundestagswahl. Ja, alle Ebenen stellen sich zur Wahl. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich nicht denke, dass nach jetzt sieben Jahren Amtszeit alle Aufgaben schon erfüllt sind, die ich mir vorgenommen habe.

Was würde sie reizen, wenn Sie nicht OB wären?

Wenn jetzt meine Frau da wäre, würde sie sagen, ‘Da brauchst Du auch nicht drüber nachdenken'. In der Tat: Die Aufgabe hier ist so erfüllend und so umfangreich. Und wirklich: Mir ist bislang noch keinen Tag langweilig gewesen. Es waren herausfordernde, intensive Jahre.

Für wen genau?

Ich glaube, für alle Seiten. Sowohl für die Stadtbevölkerung und die Rathausmannschaft, wie auch für den Oberbürgermeister und seine Familie.

In einem Satz: Was macht den typischen Aalener aus?

Er schaut kritisch auf das, was man ihm vorlegt, ist durchaus diskussionsfreudig, und ist aber auch ein Typ, der sich überzeugen lässt, wenn eine gute L ösung auf dem Tisch liegt – und dann mit Begeisterung dabei, wenn es ans Umsetzen geht.

Nicht immer ein prima Klima: Wie würden Sie das Verhältnis zum Gemeinderat beschreiben?

Es gab immer wieder ganz intensive, harte Diskussionen. Aber am Ende hat meist das Ergebnis gestimmt – und in der Regel mit breiter Mehrheit. Jetzt sind wir hier am Hirschbachtal, fast wo der Hirschbach entspringt. Auch dort investiert die Stadt immens. Ja, doppelt: Wir bekommen das Kombibad – und der Hirschbach soll dort wieder erlebbar werden. Das Bad ist im Moment die größte Einzelinvestition in dieser Stadt – und wohl eine der größten im Bereich Sport und Freizeit in der Geschichte. Der fast einstimmige Beschluss war ein ganz starkes Signal, trotz gestiegener Baukosten. 44 Millionen Euro, das ist schon ein Betrag. Aber das Hirschbachbad wird so zum modernsten und sicher auch sehr bürgernahen Bad in und für die Region.

Thema Stadtumbau: Welches Projekt ist Ihnen – abgesehen vom Kombibad – ganz besonders wichtig?

Vielleicht zwei ganz entscheidende Investitionen: der Riesenbetrag, den wir in unsere Schulen stecken – auf viele Jahre verteilt sind das mehr als 120 Millionen Euro. Und es kommen nochmals über die Medienoffensive 25 Millionen Euro hinzu, Stichwort "digitales Klassenzimmer".

Das zweite ist der Wohnungsbau.

Genau, Wohnungsbau ist enorm wichtig. Wir müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen. Alles ist verknüpft: Es geht um Mobilität, um Vereinbarkeit von Wohnen und Beruf. Allein im städtischen Bereich sprechen wir von mehr als 150 Millionen Euro Investitionen über die städtische Wohnungsbau Aalen GmbH, dazu kommen die vielen Projekte der privaten Bauträger. Wohnungsbau und die Ertüchtigung der Schulen: Das waren meine Herzensanliegen in den vergangenen sieben Jahren und sind es heute noch.

Zum Wohnen und Leben gehört die Kultur, und die Kulturschaffenden scharren schon: Wann geht's denn los mit dem Kulturbahnhof?

Vom 2. Oktober bis 4. Oktober wird es ein großartiges Wochenende mit vielen Beteiligten geben, unter anderem mit der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Dr. Bärbel Kofler. Die Handwerker sind super fleißig, müssen aber noch schaffen in den kommenden Wochen. Der Kulturbahnhof, das ist Musikschule, Ballett, dreimal Orchester, Kino und Theater, dann noch ein Versammlungssaal in der Stadt, das alles hervorragend angeschlossen an die City ...

… angeschlossen durch einen Steg - nach den Plänen von Architektur-Papst Werner Sobek, ein Sohn dieser Stadt?

Das hoffe ich. Wir werden einen zweiten Anlauf machen und das Projekt bis Ende des Jahres europaweit ausschreiben. Die erste Ausschreibung hat kein Ergebnis gebracht, das "tageslichttauglich" war, was die Kosten anbelangt. Ich bin mir aber sicher, wenn wir europaweit die Spezialfirmen bitten, dann werden wir gute Ergebnisse bekommen.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Ganz aktuell haben wir Rückenwind aus Stuttgart bekommen in Bezug auf die Städtebauförderung vom Ländle fürs Projekt und die Quartiersentwicklung dort. Eine Grenze ist durch den Baubeschluss des Gemeinderates gegeben. 6,58 Millionen Euro hat der Gemeinderat beschlossen. Ziel ist, in diesen Größenordnungen zu bleiben.

Man sieht vom Panoramaweg aus die Hochschule, wo mächtig investiert wird.

Die Hochschule entwickelt sich zu einem der großen Arbeitgeber in der Region. Ja, wenn man die Studierenden hinzunimmt: Dann sind das fast 7000 Menschen, dann spielt man in einer Liga mit Zeiss hier in der Region oder Mapal weltweit. Etwas traurig macht mich allerdings die Situation, dass das nächste Semester wieder auf Präsenz weitgehend verzichten muss. Da muss man wirklich aufpassen, dass da nicht eine verlorene Bildungsgeneration heranwächst.

Wie meinen Sie das?

Ich sag mal so: Einmal ein Semester online, das mag ja noch angehen. Aber ein zweites, gar drittes: Das wird schon grenzwertig. Man kennt keine Kommilitonen, keinen Professor, keinen Arbeitskreis und kein Seminar aus der Nähe. Spannend ist ja an einem Studium auch, dass man sich organisieren lernt. Ja, und es geht auch darum, dass wir Gründer-Hochschule sein wollen, dass wir Start-ups anregen wollen, dass Studierende direkt hier bei uns ihre Geschäftsideen entwickeln und ausprobieren können im geschützten Rahmen. All das, das geht online nicht. Und man braucht auch den Austausch, die Begegnung, die kreativen Räume.

Was kann man tun?

Ich bin schon etwas enttäuscht, dass es da nicht mehr Ideen gibt. Wegen mir hätte ja das Land sagen können, ‘wir mieten da ein, zwei Hallen, und versuchen dort etwas zu machen'. Oder man sagt, die Erstsemester dürfen an die Hochschule. Die Schulen zeigen ja, dass es geht. Man muss auch aufpassen, dass sich die Professoren nicht einrichten und sagen: Wir machen das alles vom Homeoffice aus. Und es besteht auch die Gefahr, dass sich auf diesem Weg Fernunis durchsetzen.

Und vom Weg aus sieht man auch das Landratsamt:

Jetzt kommt ja ein neuer Landrat - und der Landrat kommt aus Schwäbisch Gmünd. Macht Ihnen das Sorge?

Es kommt ja ein langjähriger Bürgermeister-Kollege, der die Bereiche Finanzen, Soziales und Schulen abgedeckt hat. Ein hoch angesehener Kollege aus dem Kreistag, wo er 15 Jahre lang in der ersten Reihe saß. Das sind für mich die entscheidenden Parameter. Er hat auch gezeigt, dass sein Herz für den Ostalbkreis schlägt. Dass er aus Schwäbisch Gmünd stammt, das darf keine Rolle spielen, und spielt bei Dr. Bläse auch keine Rolle, da bin ich sicher.

Gmünd hatte eine, Ellwangen bekommt eine: Ist es schade, dass Aalen keine Landesgartenschau hat?

Landesgartenschau ist eine elegante Möglichkeit, eine Stadt überregional zu präsentieren und auch Mittel von Dritten einzuwerben, um Problemzonen zu beseitigen. Aber umgekehrt wird auch ein Schuh daraus. Wenn ich mich nicht um den großen Event Landesgartenschau kümmern muss, sondern die ganze Kraft in den Stadtumbau stecke, komme ich an manchen Stellen schneller zum Ziel. Wir stemmen ja auch so einen gigantischen Stadtumbau – und feiern Feste, wie die Reichsstädter Tage.

Dieses Jahr ja nicht – hier kommt jetzt ausnahmsweise das Schlechteste am Schluss, Stichwort Corona. Haben Sie Verständnis für die Leute, die sich sorgen wegen der Maßnahmen und dies in Demonstrationen zum Ausdruck bringen?

Ich habe kein Verständnis, wenn man von einem Extrem ins andere kommt. Das eine Extrem: Es gibt Menschen, die sich überhaupt nichts zutrauen, die sich verschließen vor der Welt und meinen, so könnte man die Pandemie überstehen. Und das andere Extrem: Leute, die sagen, "das ist alles Humbug, das brauchen wir nicht". Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben – und da sind wir schon gut vorangekommen. Das Leugnen, dass es die Pandemie gibt, das bringt nichts. Das bringt nur eine Spaltung in die Gesellschaft.

Was würden Sie machen, wenn Sie Reichskriegsflaggen wehen sehen vor dem Rathaus?

Wir würden das mit Missachtung strafen. Es hat mich sehr erschrocken, was vor dem Reichstag war. Für einen offenen Parlamentarismus braucht es den geschützten Raum der Parlamentarier. Das gilt auch für den Gemeinderat. Wir können alle vier, fünf Jahre sagen, ob wir einverstanden sind oder nicht. Aber wenn wir das Mandat erteilt haben, dann gelten Recht und Gesetz – und vor allem das Grundgesetz. Man kann demonstrieren, aber man muss sich an Regeln halten. Aber Sitzungen stören, Parlamente einschüchtern, das ist ein No-Go. Wohin das führen kann, das wissen wir aus der eigenen Geschichte.

Was kostet Corona die Stadt Aalen?

In Aalen rechnen wir alles in allem mit rund 30 Millionen Euro. Ob das so kommt, ist noch nicht klar. Es kann auch besser ausschauen. Und wir werden sicherlich profitieren von den Rettungsschirmen von Bund und Land.

Haben wir noch was auf der hohen Kante?

Wir haben ja die Schulden konsequent von 58 Millionen Euro Ende 2013 auf 10 Millionen Euro Ende 2019 heruntergefahren. Daher: Wir können das durchstehen – auch wenn wir für die eine oder andere Investition Geld aufnehmen müssten. Dafür gibt es einen realen Gegenwert. So können wir auch ein einkommensschwaches Jahr 2021 durchstehen – und müssen nicht aufs Bremspedal treten. Denn das wäre grundfalsch.

Der Panoramaweg Aalen bietet mit seiner Gesamtlänge von 30 Kilometern die Gelegenheit, die Landschaft auf ausgeschilderten Wegen zu erkunden. Für den geübten Wanderer ist der Weg sicherlich eine gute Tagesleistung. Für einen Familienausflug oder einen erweiterten Spaziergang lässt sich der Panoramaweg in Einzeletappen erwandern.

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