Trotz Steuerrabatt kein Einkaufs-Boom in Aalen

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Ein Boom, der auf die Steuersenkung zurückzuführen ist, ist zumindest in Aalen derzeit nicht zu vermelden, auch wenn die Menschen am Samstag in die Innenstadt strömten.
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Die niedrigere Mehrwertsteuer soll Kunden zum Kaufen animieren und die Wirtschaft ankurbeln. Wie es in Aalen derzeit aussieht.

Aalen

Kaufen, kaufen, kaufen und dabei möglichst günstige Schnäppchen machen. Die Bundesregierung lockt mit Rabatten, drei Prozent auf alles. 16 anstatt 19 Prozent Mehrwertsteuer sollen nun bis Ende des Jahres auf alle Produkte gerechnet werden. Das soll zum Kaufen animieren und die Wirtschaft wieder nach vorne bringen, die gebeutelt ist von der Corona-Pandemie und deren Konsequenzen. Kaufen sollen die Kunden, nur nicht ganz so tief sollen sie in die Tasche greifen müssen. Drei Prozent machen beim Bäcker vielleicht nicht ganz so viel aus, bei größeren Anschaffungen schlagen drei Prozent ganz schön zu Buche.

Doch schon seit der Verkündung der Mehrwertsteuersenkung stellt sich die Frage: Was kommt davon tatsächlich beim Kunden an? Die Unternehmen sind nicht dazu verpflichtet, die Preise entsprechend der neuen Mehrwertsteuer zu senken. Zwar habe man beim Autohaus Kaufmann kurz überlegt, aber sich doch recht schnell dafür entschieden, die drei Prozent voll an den Kunden durchzugeben. "Wir sind ein bodenständiges, gesundes Unternehmen", beginnt Lorena Kaufmann, "uns hat die Krise zwar schwer getroffen, aber wir sind zuversichtlich, dass es auch wieder bergauf gehen wird."

Denn gerade in den zwei Monaten, März und April, die sonst umsatzstarke Monate sind, war der Fahrzeugverkauf größtenteils eingestellt. In der Werkstatt musste Kaufmann Einbußen von 50 Prozent verzeichnen. Seit 20. April hat das Autohaus wieder geöffnet, doch noch seien die Kunden recht verhalten. Seit Juni hat Kaufmann seinen Kunden ein Angebot gemacht: "Wer sein Fahrzeug erst im Juli abholt, den Kaufvertrag aber im Juni sichert, der profitiert bereits von der Mehrwertsteuersenkung."

Doch der Steuerrabatt hat keinen Kauf-Boom verursacht. "Bei einem Kauf eines günstigeren SUV von 20 000 Euro nimmt man die 600 Euro Einsparung sicher gerne mit. Aber die Mehrwertsteuersenkung holt sicherlich niemandem vom Sofa, der vorher kein Auto wollte."

Die Kunden sprechen nicht darüber.

Florian Friedel Geschäftsführer Saturn Herrenmode

Ähnlich sieht es da beim Kleidungskauf aus. "Es sind schon Beträge, das darf man nicht unterschätzen", macht Florian Friedel deutlich. Vor allem bei Kleidung für Feste wie Hochzeiten oder Businessbekleidung summieren sich die Einsparungen. Bei einem Teil allein fällt der Rabatt kaum auf. Der Geschäftsführer des Herrenmodegeschäfts Saturn bemerkt, dass die Kauflust der Aalener wöchentlich steigt, was aber weniger an der Mehrwertsteuersenkung liege. Die spielt seiner Meinung nach bei den Kunden gar keine Rolle. "Die Kunden sprechen nicht drüber. Für die sind die aktuellen Rabatte, die es sowieso gibt, viel interessanter."

Bei Saturn habe man sich selbstverständlich dafür entschieden, die Beträge an den Kunden weiterzugeben. Der Aufwand, die Mehrwertsteuersenkung umzusetzen, hat sich wider Erwarten etwas einfacher gestaltet. Denn anders als zuerst befürchtet, musste nicht jedes einzelne Teil neu etikettiert werden. Einfacher ließ sich an der Kasse ein Pauschalabzug einrichten. "Aber auch das hat uns Stunden gekostet", so Friedel.

Der Möbelbranche hat Corona nicht geschadet, im Gegenteil. Das Möbelhaus von Hugo Allgeyer in Wasseralfingen wird seit Wochen von Kunden deutlich öfter frequentiert. "Die Mehrwertsteuersenkung hat das dann noch befeuert", vermutet der Inhaber. Er nimmt an, dass sich viele die Urlaube sparen. "Die Leute sind viel zu Hause und wollen es sich da schön machen." Der Bedarf sei gestiegen, Corona sei seiner Branche zu Gute gekommen. Da sei es keine Frage gewesen, dass man die Mehrwertsteuer an den Kunden weitergibt.

Beim Aalener Weltladen wird der Differenzbetrag nicht in die Geldbeutel des Kunden gesteckt, sondern gelangt als Spende an die Produzenten in den Entwicklungsländern.

So funktioniert die Mehrwertsteuersenkung

Teure Angelegenheit: Die reduzierten Mehrwertsteuersätze gelten seit dem 1. Juli. Statt 19 Prozent werden nur noch 16 Prozent Steuern fällig, der ermäßigte Steuersatz, zum Beispiel für Grundnahrungsmittel, sinkt von 7 auf 5 Prozent. Die Senkung wird den Bund insgesamt knapp 20 Milliarden Euro kosten.

Lieferzeitpunkt: Wer Zuhause sparen will, der sollte darauf achten, dass Leistungen zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember 2020 erbracht werden. Wann ein Artikel bestellt oder ein Auftrag erteilt wurde, spielt nämliche keine Rolle. Auch das Datum der Rechnung ist nicht entscheidend, sondern die Lieferung der Ware oder die Ausführung einer Dienstleistung. Insbesondere bei großen Projekten, wie etwa Bauvorhaben, kann viel Geld gespart werden, wenn die Bauabnahme in dem genannten Zeitraum erfolgt. sas

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