Ulla Schell: Aufgeben ist keine Option

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Ulla Schell in ihrem Garten. Den hat sie nach der Amputation ihres Armes so angelegt, dass er problemlos zu pflegen ist.
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Warum die 63-Jährige mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet ist, was sie erlebt hat und wie sie ihr Schicksal meistert.

Aalen

Die Haustüre geht auf. Mit einem strahlenden Lächeln empfängt Ulla Schell die Gäste. "Schön dass Sie da sind", sagt die 63-Jährige mit so warmer Stimme, dass man sich in ihrer Gegenwart sofort wohlfühlt. Ihre Herzlichkeit ist überwältigend und für manch eine oder einen vielleicht auch unerwartet. Denn all die Schicksalsschläge, die Ulla Schell schon erlebt hat, hätten andere depressiv werden und verzweifeln lassen. Sie hat einen schwerbehinderten Sohn. Sie selbst erlitt nach einem Gefäßverschluss zwei Schlaganfälle und ihr musste der linke Arm amputiert werden.

Doch Ulla Schell ist Vorbild. Vorbild als eine lebensbejahende Frau, die kein Mitleid will, sondern Mitgefühl, Zuspruch und, wenn nötig, auch mal Hilfe. Für diese Haltung hat Bundespräsident Frank Walter Steinmeier ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen.

"Ich habe die Auszeichnung stellvertretend für all jene Frauen, Männer und Familien entgegengenommen, deren Leben nicht wie an der Schnur gezogen und nicht ohne Nebengleise verlaufen ist", betont Ulla Schell.

Bis 1989 verläuft im Leben von Lothar und Ulla Schell alles geradlinig. Töchterchen Tanja ist fünf Jahre alt. Die junge Familie genießt die Zeit. Dann kommt der Wendepunkt: die Geburt von Sohn Patrick. Der Bub kommt 1989 als Frühchen nach einer Schwangerschaftsvergiftung per Notkaiserschnitt zur Welt. Mutter und Sohn kämpfen um ihr Leben. Sie wegen einer Gestose und Embolie, er wegen einer lebensbedrohlichen Darmerkrankung. Als die Krise überstanden ist, machen die Ärzte den Eltern zunächst Hoffnung. "Sie versicherten uns, dass alles normal sei", erinnert sich Ulla Schell. Doch sie habe gespürt, das kann nicht sein. Sechs Monate später habe Patrick die ersten Krampfanfälle gehabt. "Erst in der Folgezeit hat sich das Ausmaß seiner Schwerstbehinderung gezeigt", sagt sie. Die endgültige Diagnose schockt die junge Mutter. "Zunächst", sagt sie. Doch ihr Mann Lothar baut sie auf, mit Zuversicht und Sätzen wie "wir schaffen das – und leben unser Leben mit all den schönen Dingen wie bisher".

Die Mühen lohnen sich. "Patrick ist ein lieber Junge, der gerne, viel und laut lacht, begeistert Auto fährt und das Leben liebt", schwärmt Ulla Schell, die mit ihrem Leben trotz aller Hürden sehr zufrieden ist und sich zehn Jahre ehrenamtlich im Körperbehindertenverein Ostwürttemberg im Vorstand engagiert.

Mir wurde wieder einmal das Leben neu geschenkt.

Ulla Schell genießt ihr Leben trotz Handicap

Doch dann kommt der nächste Wendepunkt. 2004 wird sie selbst schwerbehindert. "Mir wurde zunächst die linke Hand, dann der Arm amputiert", sagt die Rechtshänderin. Dem folgen zwei Schlaganfälle; der dritte kann nur durch eine schwierige Operation verhindert werden. "Nach jeder Operation begann mein eigener Kampf." Aufzugeben sei nie eine Option gewesen.

Sie findet für sich einen ganz anderen Ansatz: "Mir wurde wieder einmal das Leben neu geschenkt." Dafür sei sie dankbar. Ulla Schell erzählt dabei vom Aufenthalt in der Reha, wo sie dem Trübsal keine Chance lässt. Sie berichtet von zuhause, wo sie Mühe hat, Karotten zu schälen oder Zwiebeln zu schneiden, jedoch für alles eine Lösung findet. "Das kann man alles tiefgefroren kaufen." Ebenso wie den neuen Wäschekorb, der von nun an mit Henkel ausgestattet ist und daher mit einem Arm zu händeln ist. Selbst für den Garten suchen sie und ihr Mann Lothar nach einer Alternative. "Wir haben uns sehr bewusst für einen Garten entschieden, in denen Steine dominieren", erklärt sie.

Und Sohn Patrick? Den umsorgt und pflegt sie im Prinzip wie früher auch. Wenn nötig, kann sie selbst den Rollstuhl ins Auto laden. Für Ulla Schell gibt es fast nichts, was nicht geht. Selbst die Betreuung der Babys von Tochter Tanja. Leano und Liara nimmt sie eben mit einer Hand auf, wickelt und füttert sie, als die Tochter nach der Elternzeit an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt.

Und ihre Freizeit? Die gestaltet die 63-Jährige wie jede andere. Trifft sich regelmäßig mit Frauen zum Frühstück und bei Ausflügen. Was nicht geht, das sind Rad- und Skifahren. Doch das vermisst sie nicht.

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