Venezia verkleinert sich, das Eis bleibt

  • Weitere
    schließen
+
Claudio Scaldelai mitten in den Umbauarbeiten des Eiscafés Venezia. Stolz zeigt er Fotos von den Anfängen der Eismachertradition seiner Familie. Seine Vorfahren eröffneten im 19. Jahrhundert als eine der ersten italienischen Eismacher eine Eisdiele in Wien (linkes Bild). Die beiden rechten Fotos zeigen die Venezia Ende der 1950er Jahre in Aalen.
  • schließen

Die legendäre "Venne" in der Mittelbachstraße ist Aalens erste und älteste Eisdiele. Warum sich die Inhaber Claudio und Stefano Scaldelai entschieden haben, die Gastrofläche wieder zu verkleinern.

Aalen

Es ist eine gute Nachricht: Nein, das legendäre Eiscafé Venezia wird nicht schließen. Aber es will sich neu erfinden. Ein frischer Anstrich und ein Umbau sind die Ursachen dafür, dass derzeit die Fensterscheiben des wegen des verordneten Lockdown-Light geschlossenen Eiscafés mit Folie verdeckt sind.

"Wir besinnen uns wieder auf unseren Ursprung", erzählt Claudio Scaldelai, der die von seinem Großvater 1956 in der Mittelbachstraße 1b eröffnete Eisdiele seit 24 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Stefano führt. Was er meint: Die Gastrofläche des ersten und ältesten Aalener Eiscafés wird um zwei Drittel geschrumpft und damit künftig wieder etwa so groß werden wie vor dem umfangreichen Umbau 1996. Damals hatte man die "Venne" erweitert um die benachbarte Ladenfläche (früher Friseur Kühnle, später Wolle Roedel).

Raum für Juwelier Schön

Die Trennwand ist schon eingezogen und hat Raum geschaffen für ein neues Geschäft nebenan. Scaldelais "Untermieterin" ist Laura Schön, die vor wenigen Tagen neben der Venezia ihr Schmuckgeschäft "Juwelier Schön" eröffnet hat. "Uns war wichtig, ein kleines Geschäft nebenan anzusiedeln. Denn eine Stadt lebt von einem guten Angebotsmix – und nicht allein von Gastronomie", stellt Claudio Scaldelai fest.

Dem 49-Jährigen, der noch im früheren Café Krauss (ehemals gegenüber der Post am Bahnhof) sein Handwerk als Konditor gelernt hat, bedeutet Tradition sehr viel. Sorgsam hütet er die Fotos von den Anfängen der Eismachertradition seiner Familie, die bis ins Jahr 1886 zurückreicht. Seine Ururgroßeltern zählen zu den ersten Eismachern, die das italienische Speiseeis im 19. Jahrhundert mit über die Alpen gebracht haben. Sie stammten aus dem kleinen Tal Zoldo in den Dolomiten. Dort, wie auch in Cadore, einem ebenfalls kleinen Dolomitental, soll der Ursprung der italienischen Eismacher liegen.

Weil der Absatzmarkt für die Herstellung von Nägeln und Schlössern Ende des 19. Jahrhunderts einbrach, zog es viele der Talbewohner nach Norden – vor allem nach Wien. Unter den Auswanderern waren auch Claudios Ururgroßeltern. "Sie waren eine der ersten italienischen Familien, die als Eismacher ins Ausland gegangen sind", weiß er. Zu den einstigen Auswanderern aus Zoldo, so Claudio Scaldelai, zähle übrigens auch die Familie Fontanella, die die älteste Eisdiele in Ellwangen betreibt, "und mit der wir weitläufig verwandt sind".

Meine Vorfahren waren eine der ersten italienischen Familien, die als Eismacher ins Ausland gegangen sind.

Claudio Scaldelai Eiscafé Venezia

"Gefrorenes Salon" in Wien

In Wien verkauften seine Vorfahren zunächst aus einem "Eiswagerl" heraus und eröffneten später ein "Gefrorenes Salon". "Zuletzt – vor dem Zweiten Weltkrieg – hatte unsere Familie vier Eisdielen in Wien."

Nachdem dort alles in Schutt und Asche gebombt war, machte sich Claudios Großvater Giovanni Scaldelai auf den Weg nach Deutschland. Über Geislingen kam er in den 1950er Jahren nach Aalen, wo er am Pfingstsonntag 1956 den ersten italienischen "Eis-Salon" gemeinsam mit seinen beiden Söhnen eröffnete – in den ehemaligen Geschäftsräumen der Bäckerei Unfried in der Mittelbachstraße. Die erste und einzige Aalener Eisdiele, die auch im Winter geöffnet hatte. In der heute seine Enkel Claudio und Stefano in guten Sommern bis zu 40 verschiedene selbst gemachte Eissorten anbieten.

"Dass die Venezia jetzt wieder auf ihre Ursprungsgröße zurückschrumpft, hat nichts mit der Corona-Krise zu tun", stellt Claudio klar. Der ursprüngliche Gedanke war sogar, das Eiscafé nach hinten zu vergrößern. Zu diesem Zweck hatten die Scaldelais vor einigen Jahren eine Immobilie auf der Rückseite der Venezia erworben.

"Aus heutiger Sicht viel zu riskant", sagt Claudio und zählt mehrere Gründe auf: die nachlassende Kundenfrequenz in der City, die zunehmende Konkurrenz durch immer mehr Cafés und Eisdielen, und auch das große Problem, ausreichend Personal für eine Sieben-Tage-Woche zu bekommen.

Daher der Plan für die Zukunft: Das Speiseeis steht wieder im Mittelpunkt. Begleitet von einer kleinen Auswahl an Süßspeisen wie Tiramisu, Kuchen oder heißen Waffeln sowie einem kleinen Frühstück an Markttagen. Claudio: "Sobald der Lockdown vorbei ist, machen wir wieder auf. Wir machen weiter. Das ist unser Leben."

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL