Verwirrung um Impfung 16-Jähriger

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Für die 16-jährige Sarah sind Spritzen ein Gräuel. Trotzdem wollte sie sich gegen Covid-19 impfen lassen.
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Eine 16-Jährige entscheidet sich trotz persönlicher Vorbehalte für die Covid-19-Impfung. Der Hausarzt erklärt, warum das Mädchen zunächst nicht geimpft wird.

Aalen

Restaurant-, Kino-, Theaterbesuche - nur wer geimpft, genesen oder PCR-getestet ist, kommt rein. Ein Anreiz für manchen, sich dieser Tage doch gegen Corona impfen zu lassen? Das ist die Geschichte einer 16-Jährigen, die mit ihrer generellen Angst vorm Impfen kämpft, sich überwindet, einen Impftermin ausmacht und dann vom Hausarzt zunächst wieder heim geschickt wird.

Mit den steigenden Inzidenzen und Hospitalisierungsraten ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die 2-G-Regel greift. Noch ist es im Ostalbkreis nicht soweit. Noch gilt die Warnstufe. Wer aber weiter regelmäßig am kulturellen Leben teilnehmen möchte, muss sich wohl ober übel fürs Impfen gegen Covid-19 entscheiden. Für die 16-Jährige, nennen wir sie Sarah, sind Spritzen ein Gräuel. Daran hat sich während der Pandemie nichts geändert. "Nur bisher war es möglich, die Impfung mit Antigen-Schnelltests zu umgehen", sagt Sarahs Mutter, die selbst seit Sommer vollständig geimpft ist.

Das sagen Mutter und Tochter

So fällt der Entschluss, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Als Sarah den Termin beim Hausarzt vereinbart, fragte sie, ob ihre Mutter oder ihr Vater dabei sein müssen. Als 16-Jährige sei das nicht nötigt, habe man ihr gesagt. Das Internet bestätigt ihr die Aussage. Auf der Seite des Sozialministeriums steht: "Jugendliche ab 16 Jahren, die selbst einwilligungsfähig sind, werden auch ohne Begleitung der Eltern geimpft." Doch beim Termin in ihrer Hausarztpraxis kommt es dann doch ganz anders. Sie wird von der Assistenz heimgeschickt. Sarah braucht die schriftliche Einwilligung ihrer Eltern. Mit dem Papier in der Tasche folgt der zweite Versuch, geimpft zu werden. Sie scheitert erneut. Diesmal am Arzt. Dem reicht das Schreiben nicht. Er pocht darauf, dass mindestens ein Elternteil anwesend ist, wenn er aufklärt und impft.

"Daraufhin hat meine Tochter mich angerufen und mir gesagt, dass ich in die Praxis kommen müsse", beschreibt die Mutter das Procedere. Sie fühlt sich "herzitiert", eilt aber dennoch zur Praxis. Glücklicherweise muss sie an diesem Tag nicht zur Arbeit. "Sonst wäre der Termin ungenutzt verstrichen, und ob Sarah sich später noch hätte impfen lassen, da bin ich mir nicht sicher", sagt die Mama und spricht von "Willkür des Arztes" und "keinem Verständnis für die Situation" sowie von "keinem niederschwelligen Impfangebot durch den Arzt". "Da muss man sich nicht wundern, wenn sich in solchen Fällen viele Jugendliche gegen eine Impfung entscheiden", sagt Sarahs Mutter.

Das sagt der Hausarzt

Der Hausarzt wirbt indessen um Verständnis für seine Situation. Am Anfang, als er endlich die ersten Impfdosen erhalten habe, habe man ihm regelrecht die Tür eingerannt. Jetzt kämen, von den Booster-Impfungen abgesehen, mehr und mehr Skeptiker, die sich aber wegen der aktuellen Einschränkungen nun doch gegen Corona impfen lassen. "Die Skepsis habe ich auch in diesem konkreten Fall gespürt", sagt der Hausarzt. Und bei einer Patientin, die noch nicht volljährig sei, müsse er sich als verantwortungsvoller Mediziner einfach absichern. "Stellen Sie sich vor, das Mädchen hat einen allergischen Schock oder erkrankt hinterher an einer Herzmuskelentzündung", sagt er. Das seien seiner Ansicht nach typische Beispiele für spätere Vorwürfe, von rechtlichen Schritten, die dann eingelegt werden könnten ganz abgesehen. Deshalb habe seine Reaktion, die Mutter in die Praxis zu bitten, nichts mit Schikane zu tun. "Ich bin um jeden froh, der sich für eine Impfung gegen das Virus entscheidet." Deshalb habe er auch zwei Impftermine für das Mädchen bereitgestellt. Ihm gehe es darum, den Jugendlichen mit seiner ausführlichen Aufklärung - im Beisein von wenigstens einem Elternteil - eine Entscheidungshilfe zu geben. Schließlich sei deren Impfung ein Schutz für sie persönlich, aber gleichzeitig auch ein freiwilliger Beitrag für die Gesellschaft. "Es geht bei der Impfung darum, die Pandemie zu einem Ende zu bringen, indem man Infektionsketten unterbricht", sagt der Hausarzt. Da sei die Impfung von Jugendlichen und Kindern unter 18 ein wichtiger Beitrag.

Das sagen Landratsamt & Co.

Möchte ein 16-jähriger Jugendlicher gegen Corona geimpft werden, sollten Ärzte zu ihrer Sicherheit auf jeden Fall auch die Einwilligung der Eltern einholen. Das rät die kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg. Die Diskussion zur Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen sei sehr emotional und der Arzt setze sich möglicherweise heftigen Diskussionen aus, wenn er ohne Einwilligung impft.

Im Vergleich dazu liberaler handhabte das Kreisimpfzentrum in Aalen den Umgang mit Jugendlichen, die das 16. Lebensjahr vollendet hatte. "Dort wurden Jugendliche, die das 16. Lebensjahr vollendet hatten und denen nicht offensichtlich die Einwilligungsfähigkeit in die Impfung fehlte, auch ohne das Einverständniserklärung der Eltern geimpft", sagt Kreis-Pressesprecherin Susanne Dietterle auf Nachfrage. Bei unter 16-Jährigen habe man allerdings die schriftliche Einwilligungserklärung aller Sorge- bzw. Erziehungsberechtigten verlangt. Grundsätzlich liege es im Ermessen des Arztes, wie dieser in der einzelnen Situation entscheide.

  • Laut kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg brauchen Kinder und Jugendliche bis zum 14. Geburtstag auf jeden Fall das Einverständnis ihrer Eltern, wenn sie sich gegen das Corona-Virus impfen lassen wollen.
  • Ärzte sollten sich zu ihrer Sicherheit auf jeden Fall auch die Einwilligung der Eltern einholen, wenn der oder die Jugendliche mindestens 16 Jahre alt ist, so die Vereinigung.
  • Es gebe bereits gerichtliche Entscheidungen, wonach nicht nur die Einwilligung eines Sorgeberechtigten zur Corona-Schutzimpfung bei einem 16-Jährigen Jugendlichen vorausgesetzt wird, sondern sogar ein Co-Konsens beider sorgeberechtigten Elternteile, so die kassenärztliche Vereinigung, die dabei auf eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt verweist. aki

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