Vom Gastarbeiterkind zur Powerfrau

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Die türkisch-stämmige Friseurmeisterin Meral Emir hat sich vor 20 Jahren mit einem eigenen Friseursalon in Aalen selbstständig gemacht. Foto: hag
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Seit 20 Jahren ist Friseurmeisterin Meral Emir selbstständige Unternehmerin. 1974 zog die zehnköpfige Familie aus der Nähe von Antakya nach Aalen. Eine beachtenswerte Karriere.

Aalen

Sie ist eines von insgesamt acht Kindern ehemaliger türkischer Gastarbeiter: Friseurmeisterin Meral Emir ist seit 20 Jahren selbstständige Unternehmerin in Aalen.

Meral ist gerade vier Jahre alt, als sie 1974 mit der Mutter und ihren Geschwistern aus der Türkei ins schwäbische Aalen zieht. Drei Jahre zuvor und damit zehn Jahre nach Inkrafttreten des Abwerbeabkommens der Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei, hatte der Familienvater die Reise nach Westen angetreten - mit der Hoffnung auf ein besseres Leben für seine Familie im Gepäck.

Seine Heimatstadt Samandag, 24 Kilometer von Aalens späterer Partnerstadt Antakya entfernt am Meer gelegen, verlässt der Vater zunächst alleine, um seiner Familie den Weg in ein neues Leben nach Aalen zu ebnen. 1974 dann hat er als Schichtarbeiter im Hammerwerk der Gesenkschmiede Schneider (GSA) gerade so viel Geld angespart, dass die zehnköpfige Familie eine kleine Wohnung im Saumweg am Rötenberg beziehen kann. Deutschland suchte damals händeringend genügend Arbeitskräfte für die boomende deutsche Wirtschaft. Und viele Angeworbene wollten mit dem hier verdienten und ersparten Geld in die Heimat zurückkehren, um sich dann dort eine bessere Existenz aufzubauen.

Harte Zeiten

Es waren harte Zeiten für Merals Familie: „In der Türkei war mein Vater Fernfahrer, meine Mutter war Hausfrau und hat auf dem Feld gearbeitet“, erzählt die 52-Jährige. „Wir waren zwar reich an Land, aber lebten in bescheidenen Verhältnissen. Wie die Meisten damals in der Türkei.“

In Aalen war das Leben der Familie von Anfang an geprägt von viel Arbeit und Fleiß.

Brigitte Geßlers Spielgruppe

„Trotzdem. Es waren sehr, sehr schöne Zeiten“, sagt die Friseurmeisterin dankbar. Besonders gern erinnert sie sich an die Spielgruppe bei Brigitte Geßler im Nachbarschaftszentrum. Dahin, und zur Hausaufgabenbetreuung, durfte sie mit ihren Geschwistern immer dann, wenn einmal keine Heimarbeit anstand. Das war selten. Weil das Einkommen des Vaters nicht ausreichte, um die Familie durchzubringen, hatte die Mutter eine Heimarbeit angenommen: Spielfiguren bemalen. Mit Schlümpfen fing es an. Auch die achtjährige Meral griff zum Pinsel. „Wir Kinder halfen alle mit, um unsere Familie über Wasser zu halten. Und wir taten das gern.“ Zwischen vier und fünf Uhr morgens hieß es aufstehen, arbeiten, und dann ab in die Schule.

Sie besuchen die Schillerschule. Wie alle Kinder damals von Rötenberg, von Heide, Hirschbach und Galgenberg. Meral ist fleißig. Als sie in der siebten Klasse von der Hauptschule auf die Realschule wechselt, lässt sich ihre ältere Schwester gerade zur Friseurin ausbilden; Meral darf ihr Haarmodel sein. „Von da an wusste ich: Das wird mein Traumberuf.“

Nach dem Realschulabschluss beginnt sie ihre Ausbildung beim Salon Gold im Reichsstädter Markt. Ihren Chef Alois Gold wird sie nie vergessen. Streng sei er gewesen. Aber auch dankbar gegenüber seinen Auszubildenden. „Ohne euch“, habe er oft gesagt. „Ohne euch - und damit meinte er uns Migranten - hätte ich diesen Erfolg nicht.“

Meral hat eine Vision

Als Meral jedoch einen Stock tiefer in den Salon Clips wechseln soll, kündigt sie. Inzwischen hat sie geheiratet, aber eine Allergie gegen Berufsstoffe entwickelt. Ihre Haut brennt und juckt - die Hände sind aufgerissen.

Um ihren Ehemann aus der Türkei nach Aalen holen zu können, muss sie bei den Behörden eine Wohnung und eine Arbeitsstelle nachweisen. Sie bewirbt sich unter anderem bei Zeiss, SHW - und bleibt schließlich in der Wäscherei im Ostalbklinikum „hängen“. Arbeit und Gehalt passen. Trotzdem vermisst sie ihren Beruf. Sie hat eine Vision: Sie möchte sich selbstständig machen und irgendwann ihre eigene Chefin sein.

Erster Salon im Albstift

2002 ist es soweit. Bis zu ihrem dritten Kind hatte sie tageweise im Salon Gold im Albstift gearbeitet. Am Ende ihres Erziehungsurlaubs bittet ihre Chefin sie, den Salon im Albstift zu übernehmen. Meral unterschreibt und eröffnet zudem nur ein Jahr später unter dem Namen „Hauptsache Meral Emir“ ihren ersten eigenen Salon in der Friedhofstraße 2, dem früheren Dessous-Laden Pantalone: Bis zu 16 Mitarbeiterinnen und eine Kosmetikerin auf 85 Quadratmetern.

Meral will weiter wachsen, sie träumt von einer Wellness-Oase. Die passenden Räumlichkeiten findet sie schließlich im früheren Autohaus Opel Spiegler im Westlichen Stadtgraben. Am 1. März 2012 beginnt ihr Mietvertrag und drei Monate später wird Eröffnung gefeiert.

Ihren unternehmerischen Erfolg, da ist sich die vierfache Mutter sicher, verdankt sie ihrem Ehrgeiz, ihrem Fleiß und ihrer Durchsetzungskraft. „Ich war immer auf der Überholspur und ziehe durch, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.“

Aktuell beschäftigt die türkisch-stämmige Aalenerin zehn Mitarbeiterinnen in ihrem 200 Quadratmeter große Salon im Westlichen Stadtgraben. Kronleuchter und Biedermeiersessel im Wartebereich vermitteln einen Hauch von Luxus. Passt alles. Aber Meral Emir hat noch nicht ausgeträumt. „Wir wollen den Wellness- und Beauty-Bereich noch weiter ausbauen“, verrät sie. „Aber wie genau, das steht noch in den Sternen.“

Wir Kinder halfen alle mit, um unsere Familie über Wasser zu halten.“

Meral Emir, Unternehmerin

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