Vom Mobbingopfer zum Straftäter: Prozess gegen mutmaßlichen Brandstifter geht weiter

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Am Ellwanger Landgericht ist am Donnerstag der Prozess gegen den mutmaßlichen Serien-Brandstifter aus Aalen fortgesetzt worden.
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Vor dem Ellwanger Landgericht ist am Donnerstag der Prozess gegen den mutmaßlichen Serien-Brandstifter aus Aalen fortgesetzt worden. Die psychiatrische Gutachterin stellte dem 22-Jährige keine sehr günstige Prognose aus.

Ellwangen. In Ellwangen ist am Donnerstag der Prozess gegen den mutmaßlichen Serien-Brandstifter aus Aalen fortgesetzt worden. Im Mittelpunkt stand dabei das psychiatrische Gutachten von Dr. Claudia Hartmann-Rahm. Die ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Schussenried stellte dem 22-jährigen Angeklagten keine allzu günstige Prognose aus - was weniger mit ihm selbst, als vielmehr mit seiner Mutter zu tun hatte.

Die Polizei vermutet, dass der einschlägig vorbestrafte Angeklagte mit Asperger- und Autismus-Diagnose für mindestens 18 Brandlegungen im Aalener Stadtgebiet verantwortlich sein könnte. Konkret angeklagt sind allerdings nur drei Taten, darunter das Entzünden eines Altpapiercontainers in einer Werkstatt der Samariterstiftung in Aalen im Sommer 2021. Einige Jahre zuvor war der junge Mann bereits wegen Volksverhetzung verurteilt worden - er hatte - ebenfalls in Serie - zahllose öffentliche Gebäude in Aalen mit ausländerfeindlichen Parolen und NS-Symbolen beschmiert, betroffen war unter anderem ein muslimisches Gräberfeld.

Die Gutachterin bemühte sich am Donnerstag dieses Verhalten zu erklären, betonte in diesem Zuge aber auch, dass sie nur „spekulieren“ könne, was den jungen Mann zu den Taten getrieben haben könnte - sollte er dafür tatsächlich verantwortlich sein. Da sich der 22-Jährige bis heute nicht näher dazu geäußert hat, mutmaßte die Psychiaterin, dass bei den Brandlegungen eventuell Rache ein Motiv gewesen sein könnte. Denn der Angeklagte sei von Kindesbeinen an gemobbt worden; erst im Waldorf-Kindergarten, später dann auch in der Schule, wo es für ihn nur mit Ach und Krach zu einem Förderschulabschluß gereicht hatte - obwohl bei ihm keine Intelligenzminderung vorliegt. Auf den Kindergarten und auch die Schule gab es in Aalen ebenfalls Brandanschläge, sie sind in der Verhandlung allerdings nicht angeklagt. Wie die Gutachterin weiter ausführte, sei der 22-Jährige auch auf die Werkstatt der Samariterstiftung nicht gut zu sprechen gewesen. Er habe sich hier überwacht und chronisch unterfordert gefühlt.

In ihren weiteren Ausführungen zweifelte Hartmann-Rahm die Aspberger-Autismus-Diagnose, die bei dem Angeklagten im Jahr 2008 gestellt worden ist, stark an. Sie geht davon aus, dass der 22-Jährige stattdessen an einer paranoiden Schizophrenie leidet - gepaart mit einer Depression, einer Zwangsstörung und dem ADS-Syndrom. Dieses Krankheitsbild lasse sich durchaus medikamentös behandeln, stellte die Ärztin klar. Allerdings lehne der 22-Jährige die allermeisten Medikamente strikt ab. Die Medizinerin vermutet, dass die Mutter hier keinen guten Einfluss auf den Sohn hat. Es gebe tägliche Telefonate zwischen den beiden. Die Mutter habe in einem dieser Gespräche angekündigt, dass sie ihren Sohn „rausholen“ wird, um danach sofort die Medikamente absetzen zu können. Claudia Hartmann-Rahm ließ keinen Zweifel daran, dass das eine ganz schlechte Idee wäre. „Ein Rückfall wäre dann nicht mehr auszuschließen“, erklärte die Gutachterin. Sie sprach sich in diesem Zusammenhang sehr deutlich für eine stationäre Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik aus. Unbehandelt und ohne Aufsicht könne man nicht ausschließen, dass der 22-Jährige womöglich weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Im Bezug auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten zum Zeitpunkt der Brandstiftungen blieb die Gutachterin vage, sie könne diesbezüglich gar nichts ausschließen. „Psychiater haben schließlich auch keine Glaskugel.“ 

Der Prozess wird voraussichtlich am 6. Juli vor dem Ellwanger Landgericht fortgesetzt.

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