Vor 20 Jahren: Entlastung im Aalener Westen

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Ulrich Pfeifle spricht bei der Verkehrsfreigabe der Westumgehung - vor genau 20 Jahren, am 13. Juli, war dieses für Aalen und die ganze Region wichtige Ereignis.

Der ehemalige Aalener Oberbügermeister Ulrich Pfeifle erinnert sich an die vielen Jahre, die es gedauert hat, bis die Westumgehung Aalen endlich am 13. Juli 2001 eröffnet werden konnte.

Aalen

Ulrich Pfeifle war 30 Jahre lang Oberbürgermeister von Aalen. Etliche Ereignisse seiner 30-jährigen Amtszeit hat er in seinem Buch „Wenn ich's nicht selbst erlebt hätte“ schon beschrieben. Vieles konnte er aus Platzgründen nicht unterbringen. Deswegen hat er sich noch mal hingesetzt und seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Ein großes Kapitel ist dem „Drama Westumgehung gewidmet“ - ein Drama, das vor 20 Jahren mit der Eröffnung der Westumgehung am 13. Juli 2001 seinen Abschluss fand. So erinnert sich Ulrich Pfeifle daran:

„Genau 25 meiner knapp 30 Amtsjahre beschäftigte mich das Thema Bau der Westumgehung. Kein anderes Projekt zog sich über einen derart langen Zeitraum hin. Und in meiner kommunalpolitischen Arbeit konnte bei keinem anderen Thema so deutlich beobachtet werden, wie langsam in Deutschland Großprojekte vorangehen, insbesondere im Straßenbau. Das hat sich bis heute nicht wesentlich gebessert. Deutschland ist in seiner Mentalität, es jedem recht machen zu wollen und deshalb den Rechtsstaat geradezu ausufern zu lassen, erstarrt. Eine der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt wird so auf die Dauer im globalen Wettstreit nicht mithalten können und ihren Führungsanspruch verlieren. Es lohnt sich, das Beispiel Westumgehung exemplarisch nachzuvollziehen, um für die Zukunft die planerischen Weichen in unserem Land anders zu stellen.

Phantom Westumgehung

Das erste Mal tauchte das Phantom Westumgehung sichtbar auf in einem Stadtplan von 1963. Dort ist in gestrichelter Form eine 4-spurige Straße eingezeichnet, die durch das Rombachtal führt und dann im großen Bogen im Norden die Stadt umrundet. Eingeweiht wurde die Straße 2001. Also vergingen nahezu 40 Jahre vom Planungsbeginn bis zur Fertigstellung. Schlimmer geht es nicht!

Die Rombachtrasse?

Nach meinem Amtsantritt im Jahre 1976 traf mich das Thema mit voller Wucht. Das Projekt war in den Vorjahren so langsam virulent geworden. Gegen die Trassenführung im Rombachtal regte sich zunehmend Widerstand. Zwei Grundsatzüberlegungen standen sich gegenüber: Die Straßenplaner des Landes waren für die Rombachtrasse, weil sie davon ausgingen, diese könne nicht nur den Fernverkehr um die Stadt herumleiten, sondern zusätzlich auch noch innerstädtischen Ziel-und Quellverkehr mit aufnehmen und dadurch die Innenstadt, vor allem die Bahnhofstraße entlasten.

Stadtnah - oder stadtfern?

Die andere Philosophie war diejenige, dass es ausschließlich darum gehe, den überregionalen Verkehr möglichst stadtfern um Aalen herumzuleiten. Außerdem befürchtete man zurecht, dass durch die Rombachtrasse erhebliche Belästigungen, vor allem durch Lärm und Abgase für die Bewohner entlang des Rombachtales und auf dem Burren entstehen würden.

Es hatte sich unter Führung der Eheleute Pfitzer und von Dr. Kling eine Bürgerinitiative gebildet, die für eine stadtferne Trasse kämpfte und dabei maßgeblich vom ehemaligen Bundestagsabgeordneten der SPD, Professor Dr. Frank Haenschke unterstützt wurde. Ich wurde voll in diesen Kampf hineingeworfen, der immer heftiger wurde. Grundsätzlich neigte ich mehr der stadtnahen Trasse zu, aber erkannte natürlich auch die Problematik dieser Trasse für die Anlieger.

Jahrelanger Schlagabtausch

Es folgte ein jahrelanger heftiger Schlagabtausch, wobei wir als Stadtverwaltung die Ergebnisse des in Arbeit befindlichen Generalverkehrsplanes abwarten wollten. Die verschiedensten Trassenvarianten wurden diskutiert. Zahlreiche Bürgerversammlungen zu diesem heißen kommunalpolitischen Thema wurden abgehalten. Teilweise ging es dort richtig hoch her.

St. Nimmerleinstag?

Noch im Lauf der Jahre näherten wir uns an. Die Lösung sollte die Rombachtrasse sein, doch im Interesse der Anwohner mit Tunnel-und Troglösung im kritischen Bereich. Mitten in die Diskussionen platzte die Information, dass das Land mit dem Argument der noch nicht vorliegenden Entscheidung über die Trasse die Aalener Westumgehung nicht für die Dringlichkeitsstufe 1 bei der Fortschreibung des Generalverkehrsplanes des Bundes angemeldet hatte.

Schnell wurde klar, dass dies eine Vertagung des Projektes auf den St. Nimmerleinstag bedeuten würde. Dies durfte nicht geschehen, zumal am Horizont der Bau der A7 immer näher rückte. Ohne Westumgehung würde der ganze Verkehr von Westen her zur neuen Autobahn mitten durch Aalen geführt werden. Dabei war die Bahnhofstraße schon Ende der 70er Jahre total überlastet. In dieser Notsituation kam es zu einem politischen Husarenritt. Dr. Frank Haenschke ließ seine Beziehungen nach Bonn spielen und wir erhielten tatsächlich einen Termin im Bundesverkehrsministerium, und zwar beim dortigen Staatssekretär Dr. Ruhnau. Und dieser Termin endete mit einer Sensation: Entgegen der Anmeldung des Landes nahm der Bund die Westumgehung in die Dringlichkeitsstufe 1 auf, und strich stattdessen eine geplante Maßnahme im Großraum Stuttgart. Ein beispielloser Vorgang. Das Regierungspräsidium konnte nun die Varianten näher untersuchen und auf Druck der Bürgerinitiative entschied sich das Regierungspräsidium letztendlich für einen zweispurigen Tunnel im Rombachtal.

Klagen verzögern Bau

Der Gemeinderat stimmte mit deutlicher Mehrheit zu. In einem zweiten Gespräch, diesmal mit Bundesverkehrsminister Hauff erreichten wir eine definitive Zusage für die Finanzierung des Tunnels. Allerdings vergingen weitere acht Jahre, bis das Regierungspräsidium im Sommer 1988 den Planfeststellungsbeschluss verkündete. Zwischenzeitlich waren wir als Stadt nicht untätig, sondern bewarben uns für eine Landesgartenschau, die im Rombachtal, gleichzeitig als Renaturierung nach dem Tunnelbau stattfinden sollte. Wir erhielten den Zuschlag für diese tolle Idee. Das hätte eine großartige Sache werden können, doch nun kam ein neues Hindernis. Einige Bürger, nicht die Bürgerinitiative, klagten gegen den Planfeststellungsbeschluss, und verzögerten den Bau der Westumgehung damit erneut um fünf Jahre. Das Urteil zugunsten der Trasse erging 1993.

Als absehbar war, dass der geplante Termin der Landesgartenschau nicht zu halten war, bewarben wir uns erneut für 2001. Doch es war klar, dass der Tunnel dann spätestens 1999 fertiggestellt sein müsste. Die Straßenbauer konnten auch diesen Termin nicht halten. Die Straße war erst 2001 fertig. So war die Landesgartenschau passé und auch spätere Anläufe der Stadt waren nicht erfolgreich.

Grundlegende Entlastung

Natürlich war ich mehr als glücklich, als 2001 das 160 Millionenprojekt nach 25-jährigem Kampf fertiggestellt war. Die Straße brachte eine grundlegende Entlastung der Innenstadt und ermöglichte viele innerstädtische Entwicklungen.

Sicherlich wäre es besser gewesen, gleich vierspurig zu bauen. Aber dies war bei den obwaltenden Umständen schlechterdings beim besten Willen nicht durchsetzbar. Die Einweihungsfeier jedenfalls gestaltete sich zu einem gewaltigen Volksfest für die Bürgerinnen und Bürger. jhs

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