Warum die zweite Welle anders wird

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Die zentrale Abstrichstelle wurde am 2. September im Gebäude der ehemaligen Musikschule eröffnet – bislang wurden dort 1400 Tests gemacht.
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  • Ulrike Wilpert
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  • Andrea Trajanoska
    Andrea Trajanoska

Die Zahl der Neuinfizierten steigt deutlich – auch im Ostalbkreis. Ein Rundblick auf die Lage in der Region und die Einschätzung des Chefs der Ostalbkliniken.

Aalen

Beherbergungsverbot: das jetzt doch nicht, zumindest nicht in Baden-Württemberg. Aber dennoch, die zweite Corona-Welle ist da – darüber sind sich Politiker und Experten weitgehend einig. Und das bedeutet, es gibt strengere Einschränkungen des Alltagslebens, weil maßgebliche Zahlen gestiegen sind. Im Ostalbkreis etwa schaut man stark auf die "7-Tage-Inzidenz". Laut dem Stand vom 15. Oktober, liegt diese bei 30 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Ein Rundblick auf die Lage.

Aktuelle Zahlen: In der vergangenen Woche gab es 96 Neuinfektionen auf der Ostalb. Die aktiven Fälle haben sich verdoppelt – von 56 auf 112 (Stand 15. Oktober). Die 7-Tage-Inzidenz im Ostalbkreis lag an diesem Donnerstag bei 30 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Laut neu beschlossenen Corona-Regeln soll es künftig ab 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner eine Maskenpflicht überall dort geben, wo Menschen dichter und länger beieinander stehen. Ob eine Maskenpflicht auf dem Aalener Wochenmarkt nötig ist, ist bislang unbekannt. "Wir halten uns in dieser Hinsicht an die Corona-Vorgaben der Landesregierung", sagt Sascha Kurz, Sprecher der Stadt Aalen.

Woher stammen die vielen Neuinfektionen? Zurückzuführen sei der starke Anstieg der Neuinfektionen auf das private Umfeld, wie etwa Familien- oder sonstige Feiern, teilt Susanne Dietterle, Pressesprecherin des Landratsamt Ostalbkreis mit.

Situation in den Ostalb-Kliniken: "Wir haben das große Glück, dass die zweite Welle flacher ist und langsamer anrollt", sagt Prof. Dr. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb. Die gute Nachricht: Auf allen drei Intensivstationen der Ostalb-Kliniken gibt es schon seit mehreren Monaten keinen einzigen Covid-19-Patienten, der beatmet werden muss. "Wir haben lediglich einige isoliert liegende Corona-Patienten, die wir zu gegebener Zeit wieder nach Hause schicken können", so Solzbach sinngemäß.

Nach der ersten Welle im Frühjahr seien die Ostalb-Kliniken inzwischen fast wieder auf Normalniveau hochgefahren, auch die OP-Pläne seien längst normalisiert. "Sollten wir aber wieder eine ähnliche Situation wie im Frühjahr bekommen, müssten wir erneut entsprechende Vorkehrungen treffen und verschiebbare Operationen aufschieben."

Was passiert, wenn Klinikpersonal infiziert ist? Der Erkrankte, so Prof. Dr. Ulrich Solzbach, komme in häusliche Isolation, den Kontaktpersonen werde Quarantäne verordnet. Um den Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten, könne man im Einzelfall bei systemrelevanten Mitarbeitern überlegen, ob eine Kontaktperson unter Berücksichtigung aller Schutzmaßnahmen zum Dienst gerufen werden könne.

Inwieweit ist die auf 30 gestiegene Inzidenzrate besorgniserregend? Laut Solzbach sind die Inzidenzzahlen nicht vergleichbar mit denen der ersten Welle. "Auf der einen Seite testen wir jetzt um das Dreifache. Auf der anderen Seite ist die sogenannte Trefferquote viel geringer als noch im Frühjahr." Im Klartext: Im Frühjahr waren von 100 Tests acht bis neun Corona-positiv, heute dagegen seien unter 100 Tests nur ein bis zwei positive Fälle. Momentan seien hauptsächlich jüngere Menschen infiziert, "die nicht richtig oder weniger krank werden". Und weil die aktuelle Welle langsamer und flacher anrolle, könnten sich die Kliniken besser vorbereiten. Solzbach: "Wir haben jetzt mehr Erfahrung. Obwohl man bekennen muss, dass es nach wie vor kein zielgerichtetes Medikament und keine Impfung gegen Corona gibt."

Tragt Maske und feiert nicht so doll!

Professor Dr. Ulrich Solzbach Chef der Kliniken Ostalb

Was den Klinikdirektor nachdenklich macht: Der Glaube, dass ein Corona-Patient nach überstandener Erkrankung dauerhaft immun gegen Covid-19 sein könnte, schwinde immer mehr. Und dann ist da noch die Gefährlichkeit des Corona-Virus. Solzbach: "Die habe ich vor einem halben Jahr unterschätzt." Fakt sei, dass 40 Prozent der in Deutschland beatmeten Patienten nicht überlebt haben. "Inzwischen wissen wir, dass Covid-19 gefährlicher ist als die Grippe und keine reine Lungenerkrankung ist, sondern auch andere Organe und die Gefäße schädigen kann."

Rücksicht statt Panik: Selbst wenn die Inzidenz noch weiter ansteigt – Solzbach ist der Überzeugung, dass diese zweite Corona-Welle nicht so schlimm erlebbar wird wie die erste. Gleichwohl warnt er vor Leichtsinn. "Wir sollten den Gürtel enger schnallen. Mund- und Nasenschutz sowie Abstand halten ist das A & O!" Vor allem den Jüngeren legt er Diszipliniertheit ans Herz. "Tragt Maske und feiert nicht so doll! Denkt daran, dass hinterher eure Omas und Opas schwerer erkranken könnten als ihr selbst!"

Zentrale Abstrichstelle: Rund 1400 Menschen sind seit der Eröffnung der zentralen Corona-Abstrichstelle in der alten Musikschule in Aalen getestet worden. "Bei den Tests gab es etwa zehn positiv Getestete", sagt Dr. Manuel Kieninger, Pandemiebeauftragter für den Altkreis Aalen und Leiter der Abstrichstelle. Unter den Getesteten seien aktuell überwiegend Schüler und Lehrkräfte. "Wir testen hier sehr viele Kontaktpersonen und Schulklassen", sagt Kieninger. Überlastet sei die Abstrichstelle deswegen bislang jedoch nicht. "Wir kommen noch klar", meint der Leiter. Zudem gebe es zusätzlich die Corona-Schwerpunktpraxen und einige Hausärzte, die Coroanapatienten selbst behandeln, sagt der Leiter.

Warum dauern manche Tests länger als andere? Der eine wartet fünf Tage, bis er ein Ergebnis bekommt, bei anderen liegt ein Ergebnis Tag nach dem Abstrich vor. An was das liegt? "Es kommt darauf an, wer den Abstrich vornimmt und an welches Labor die Probe geht", sagt Susanne Dietterle, Sprecherin des Landratsamtes. Und, um es gleich vorwegzunehmen, es gibt keinen Königsweg. Zunächst einmal ist es so, dass es ganz unterschiedliche Wege gibt, sich testen zu lassen: einmal beim Hausarzt, etwa, wenn man Symptome hat und der Arzt den Abstrich vornimmt. Oder wenn der Arzt den Patienten an eine entsprechende Corona-Schwerpunktpraxis verweist. Dann testen auch die Kliniken im Ostalbkreis auf Corona – und es gibt noch die Abstrichstelle der Kassenärztlichen Vereinigung, die für Reiserückkehrer in der alten Musikschule Aalen eingerichtet wurde und in der mittlerweile Menschen getestet werden, die aus einem Risikogebiet zurückkehren und Bescheid wissen müssen, ob sie infiziert worden sind. Und schließlich gibt es im Landratsamt eine Abstrichstelle, die vom Gesundheitsamt betrieben wird – und in der Menschen getestet werden, wenn es darum geht, Kontakte in relevanten oder sensiblen Bereichen zu klären, etwa, wenn es um mögliche Fälle an Schulen geht. Es wurde auch eine mobile Abstricheinheit aufgestellt: ein Team mit Arzt und Helfer, die vor Ort gehen und dort testen. Von diesen unterschiedlichen Stellen aus werden die Tests in verschiedene Labore innerhalb und außerhalb des Ostalbkreises geschickt. "Je nach der Auslastung dort dauert es mal kürzer und mal länger", erklärt Dietterle. Sie könne daher nicht sagen, welcher der unterschiedlichen Testwege am schnellsten zu einem Ergebnis führt.

Fieberambluanz derzeit nicht notwendig: Die Umwandlung der Abstrichstelle in eine Fieberambulanz sei nach aktueller Lage aber nicht nötig, so Dietterle. "Bei Bedarf kann die Abstrichstelle erweitert werden und mittwochs und freitags früher öffnen", sagt sie. Nichtsdestotrotz seien das Landratsamt mit den Kreisärzteschaften in Abstimmung und Planung, was die Einrichtung einer Fieberambulanz betreffe. Dies bestätigt auch Abstrichstellenleiter: "Noch gibt es keinen Anlass dafür."

Termine für die Abstrichstelle gibt es über das Gesundheitsamt: (07361) 503-1901.

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