Was den Mohren in Aalen denkwürdig gemacht hat

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1972 wird im "Mohren" eine neue Ära eingeläutet. Turbulente Zeiten im selbst verwalteten Jugendzentrum (JuZe) folgen.

Aalen

Eindeutig rassistisch" konstatierte der Dekan der Ulmer Münster-Gemeinde. Und verfügte, dass aus der Weihnachtskrippe der Mohrenkönig Melchior als Vertreter des Kontinents Afrika nicht mehr aufgestellt wird. Ausgelöst wurde damit eine kontroverse Debatte, die sich auch auf Straßennamen und Wirtshäuser bezog. Zwar dürfte der Stadt Aalen eine solche Debatte erspart bleiben. Aber der einstige "Mohren" spielte in der jüngsten Stadtgeschichte doch eine besondere Rolle. Das Wirtshaus an der Ecke zum Südlichen Stadtgraben musste 1990 einem Neubau weichen.

1972 wurde im "Mohren" eine neue Ära eingeläutet. "Was ist los in Aalen" betitelte die SchwäPo eine Untersuchung über Möglichkeiten der Freizeitgestaltung für 16- bis 25-Jährige. Die Junge Union (JU) entwickelte ein Konzept für ein Jugendhaus, das von einem Verein getragen werden sollte. In Leserbriefen konterten die Jusos mit dem Hinweis, dass sie schon ein Jahr zuvor ein solches Konzept aufgelegt hätten. Ein Hearing fand nur wenig Echo bei den nicht organisierten Jugendlichen.

"Aktion Teestube"

Im Oktober 1972 kam es dann in einer "großen Koalition" zwischen JU und Jusos doch noch zur Zusammenarbeit. In die Vereinsgründung schaltete sich auch der Stadtjugendring ein, der 1973 in einer Umfrage die Wünsche der Jugendlichen erkundete. Gleichzeitig starteten Studenten und Schüler eine "Aktion Teestube".

Stadt und Gemeinderat aber gaben sich angesichts schlechter Erfahrungen in anderen Städten ("Sex und Rauschgift im Friedrichshafener Jugendhaus") äußerst zugeknöpft. Dennoch kam es schließlich zur Gründung eines Vereins "Jugendzentrum Aalen" mit der Zielsetzung der "Förderung der Begegnung junger Menschen und der Überwindung rassischer, sozialer, politischer und religiöser Vorurteile". Aber die Forderung nach einer Selbstverwaltung war höchst umstritten, zumal sich nach dem Kauf des "Mohren" 1974 durch die Stadt Vorstand und Mitglieder des Vereins verkracht hatten. Schließlich sagte die Stadt zur Selbstverwaltung doch noch ja und stellte einen Sozialarbeiter zur Hilfestellung in Aussicht.

Auf- und Niedergang

Am 12. Dezember 1975 konnte das JuZe im "Mohren" offiziell eröffnet werden. Doch schon bald gab es Klagen wegen Nachtruhestörung "insgeheimem Alkoholmissbrauch und angeblichem Haschkonsum".

Eine Rockergruppe ließ sich im JuZe regelmäßig volllaufen und machte Randale. Dem trat der Verein mit einem strikten Alkoholverbot entgegen, nachdem 1979 im JuZe die zweite Vorstandsgeneration das Zepter in die Hand genommen hatte. Und die Aalener Kulturszene bereicherte – mit AGs, Konzerten, Diskussionrunden, Filmvorführungen und nicht zuletzt mit der legendären Mohren-Skiffle, die der "Buddha" (Jürgen Ziegelbauer) eingefädelt hatte.

Ein zweiter Anlauf

Eine Zäsur brachten Weihnachten und die Silvesternacht 1980: Das JuZe war verwüstet worden. Reaktion von Stadt und Heimrat: "schöpferische Pause". 1981 wude mit dem Trägerverein und Mitgliedsbeiträgen ein zweiter Anlauf genommen, der acht Jahre dauern sollte. Nach der Renovierung setzte der Gemeinderat die Bedingung durch, dass der Stadtjugendpfleger Rudi Hauser Mitglied im Jugendrat sein müsse. Doch als der sich kooperationsbereit zeigte, erhielt er schon bald Schwierigkeiten mit dem Gemeinderat. Grund: Hauser bot einer Homosexuellen-Initiative im JuZe einen Treff an. Auch das Angebot, die HIAG (Hilfsorganisation der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) in den "Mohren" zu lassen, scheiterte am Verbot der Stadt. Und als der Gemeinderat Hauser entlassen wollte, kam es zu einer Demo in der Stadt: "Rudi Hauser muss bleiben"! Aber Hauser ging von sich aus und mit ihm etliche Heimräte.

Mit Nachfolger Michael Fleischer liefs dann noch eine zeitlang ordentlich weiter. Dennoch verflachte der Betrieb immer mehr und ins JuZe kamen nur noch Punks. Das bedeutete 1989 das endgültige Aus.

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