Was mit einvernehmlichem Sex beginnt, endet in Vergewaltigung

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Was sich in der Nacht auf den 4. Januar 2020 in einer Wohnung eines Aalener Stadtteils abgespielt hat, wurde am Donnerstag im Aalener Amtsgericht verhandelt. Archivfoto: opo
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Ein 32-Jähriger wird vom Aalener Schöffengericht in einem über sechs Stunden dauernden Prozess verurteilt.

Aalen

Nach einer über sechsstündigen Verhandlung – Pausen nicht eingerechnet – hat das Aalener Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Martin Reuff am Donnerstag einen 32-jährigen Mann aus einem Aalener Teilort wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – ausgesetzt zu einer dreijährigen Bewährung. "Wir haben uns die Sache lange und gründlich durch den Kopf gehen lassen", sagte Reuff vor der Urteilsverkündung. "Denn es ist tatsächlich nicht einfach zu beurteilen, was vor einem halben Jahr, in der Nacht zum 4. Januar passiert ist."

Der Tathergang: Am Abend des 3. Januar 2020 wollen der Angeklagte Rolf (Name geändert) und sein Kumpel etwas trinken gehen. Spontan gesellt sich Maria (Name geändert) hinzu, die spätere Geschädigte. Die 29-Jährige ist eine Bekannte von Rolfs Kumpel. Rolf und Maria kennen sich bis dahin "sporadisch", wie der Angeklagte vor Gericht sagt. Es fließt sehr viel Alkohol, sie konsumieren etliche Halbe Bier und etliche "Kurze", vor allem Jägermeister. Die Stimmung ist locker, Maria setzt sich auf Rolfs Schoß. Die beiden beginnen, sich zu befummeln und zu knutschen.

Irgendwann entschließt sich Maria, gemeinsam mit Rolf in dessen Wohnung zu fahren. "Die Überlegung war, ob wir in seiner Wohnung was zusammen haben werden", sagt sie. Sie bittet Rolf, sich Kondome aus einem Automaten am Bahnhof zu ziehen. "Weil ich die Pille nicht genommen hatte." In Rolfs Wohnung trinken die beiden Tee, machen sich noch eine Pizza warm.

Das sagt die Geschädigte: "Dabei haben wir uns schon geküsst und uns auch sexuell angefasst, das war okay." Aber es sei ausgemacht gewesen, dass an jenem Abend nichts mehr laufe, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen musste. Sie habe dann auf dem Sofa geschlafen. Plötzlich sei sie durch einen Druck auf ihren Armen aufgeschreckt. Rolf habe sie festgehalten, ihr mehrfach ins Gesicht gespuckt und schließlich ungeschützten Geschlechtsverkehr an ihr vollzogen. "Ihm muss auf jeden Fall klar gewesen sein, dass ich das nicht will", sagt Maria vor Gericht. Sie habe sich gewunden, den Kopf hin und her geschleudert und geweint. Ob sie dabei auch klar und deutlich "Nein" gesagt habe, wisse sie heute nicht mehr, sie glaube es aber.

Am frühen Morgen verlässt sie unbemerkt die Wohnung, bestellt sich ein Taxi in die Notaufnahme der Klinik. Ob ihr da klar gewesen sei, dass infolge auch die Polizei eingeschaltet wird, erkundigt sich Oberstaatsanwalt Dirk Schulte. "Nein", gesteht Maria. Aber später hätte sie sich eine Anzeige "vielleicht schon überlegt".

Das sagt der Angeklagte: Beim "Rummachen" sei eins zum anderen gekommen. "Wir hatten im Einvernehmen Sex. Ich hab nichts gemacht, was sie nicht wollte. Als wir fertig waren, hat sie sich hingelegt." Als er morgens aufgewacht sei, sei Maria weg gewesen. Am selben Nachmittag schreibt er seinem Kumpel, dass er einen "totalen Filmriss" habe. "Ich will nicht wissen, was ich wieder gemacht habe." Aber nach und nach sei die Erinnerung an die Nacht gekommen.

Die Beweislage: Ein Urintest in der Klinik widerlegt Marias Verdacht, K.-o.-Tropfen oder andere Betäubungsmittel verabreicht bekommen zu haben. Ein Abstrich aus der Vagina aber weist eindeutig auf den Angeklagten hin. Von "keinen erkennbaren Hinweisen auf Gewalteinwirkung" berichtet die behandelnde Klinikärztin. Doch in den meisten Fällen seien nach einer Vergewaltigung keine eindeutigen Verletzungen zu finden, was der Oberstaatsanwalt bestätigt.

Der Verteidiger Rechtsanwalt Peter Hubel plädiert für Freispruch seines Mandanten. Schließlich habe dieser davon ausgehen können, dass Maria am Geschlechtsverkehr interessiert war. "Sie hätte von der Kneipe ja auch heimgehen können." Aber Hubel sagt auch: Was in der Nacht passiert ist, wird Maria nicht gewollt haben. "Ich glaube, dass sie an diesem Abend ihren Willen nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht hat."

Der Oberstaatsanwalt fordert "in Anbetracht einer guten Sozialprognose" für den Angeklagten, der gerade eine Umschulung macht, das Mindeststrafmaß für eine Vergewaltigung: zwei Jahre Freiheitsstrafe, ausgesetzt zu drei Jahren Bewährung.

Das Gericht folgt in seinem Urteil der Forderung des Oberstaatsanwalts. Dem Verurteilten soll ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt werden. Und innerhalb eines Jahres habe er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten.

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