Wenn Glocken übers Hüttfeld schweben

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Mit einem Teleskopkran werden die drei Glocken der evangelischen Markuskirche im Hüttfeld aus dem Glockenturm gehievt und auf einen Lkw verladen, der sie zur Heilig-Kreuz-Kirche bringt.
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In einer ungewöhnlichen Aktion sind an diesem Freitag die Glocken der Markuskirche abgebaut und an ihren neuen Standort in der Heilig-Kreuz-Kirche transportiert worden.

Aalen

Freitag, elf Uhr. Eine ungewöhnliche Aktion startet im Hüttfeld. Ort des Spektakels ist der Glockenturm der Markuskirche mit seinen drei Glocken. Ein großer Teleskopkran ist aufgebaut. Der lange Arm ragt bis zum Turm. Daneben parkt ein Tieflader und wartet auf heiliges Transportgut. Noch hängen die drei Glocken im Turm. Indessen warten dort zwei Glockenbauer auf das Zeichen, dass es losgehen kann.

Gut 60 Gäste haben sich trotz der Kälte eingefunden, um mitzuerleben, wie die Glocken umziehen – von der evangelischen Markuskirche zur katholischen Heilig-Kreuz-Kirche. Unter ihnen sind unter anderem auch der letzte Pfarrer der Markuskirche, Marco Frey und die Kinder mit ihren Erzieherinnen des benachbarten Kindergartens "Sonnenhaus". Während die Katholiken sich herzlich freuen – klingt bei den Protestanten doch auch ein wenig Wehmut an. Schließlich ist dieser Umzug das erste sichtbare Zeichen für das Ende des Kirchenareals. Im Zuge eines Gemeinde- und Immobilienkonzepts hat die evangelische Gemeinde Gebäude und Gelände an die Aalener Wohnungsbau verkauft.

"Für uns als evangelische Gemeinde ist das heute ein denkwürdiger und sehr berührender Augenblick zugleich", sagt Dekan Ralf Drescher und erinnert daran, dass die Gemeinde 2013 beschlossen hat, die beiden Gemeindezentren von Martins- und Markuskirche aufzugeben. Doch der heilige evangelische Klang im Hüttfeld bleibe erhalten, sagt der Dekan mit einem Augenzwinkern. Dank der Transfer-Idee von Helmut Erhardt.

Dem ehemaligen Laienvorsitzenden von Salvator hat das regelmäßige Läuten gefehlt, als die Markuskirchenglocken "stillgelegt" worden sind. "Da habe ich mich daran erinnert, dass es in Heilig Kreuz nie für Kirchenglocken gereicht hat – warum auch immer", sagt Erhardt, der selbst im Hüttfeld wohnt.

Als ein Zeichen von großem Vertrauen wertet Pfarrer Wolfgang Sedlmeier die Schenkung. "Wenn man ein Haus riecht, fühlt und hört, dann erzeugt das ein Gefühl von Heimat", sagt Sedlmeier. Die Glocken spielten eine Heimatmelodie, die zur Identität des Ortsteils beitrage. Der Seelsorger spricht zudem davon, dass die Glocken helfen, den Quartierbewohner*innen ins Gespräch zu kommen und die Gottesdienste von Heilig Kreuz zu gestalten. Zum ersten Gottesdienst mit Glockenklang in Heilig Kreuz lädt Sedlmeier die Gäste für 2022 ein. Bis dahin soll der Glockenturm saniert sein und die Glocken hängen.

Für uns als evangelische Gemeinde ist das heute ein sehr berührender Augenblick.

Ralf Drescher Dekan

Damit das Vorhaben auch gelingt – ist Maßarbeit gefragt. Wär es die Kirchturmuhr, sie würde die halbe Stunde schlagen, als die Glockenbauer aus Rothenburg beginnen, die Kleinste der drei Glocken zu lösen. Es ist die Freiheitsglocke, auch Heilig-Geist-Glocke genannt. Ihre 189 Kilogramm nimmt der Kran spielend auf. Ihr folgt die Jubilate – die Lobpreis-Glocke mit 300 Kilo; und schließlich die mit 391 Kilogramm größte – die Christus- oder auch Evangeliumsglocke.

Sobald die Glocken über dem Tieflader einschweben, erklingen aus dem Publikum ökumenische "Bravo-Rufe" – als Zeichen des Danks für die Idee und der Verbundenheit von Katholiken und Protestanten im Hüttfeld unter dem Glockenklang von Heilig Kreuz.

Doch bis dahin braucht es noch einen langen Atem. 40 000 Euro kostet der gesamte Umzug mit Einbau der Glocken. All das muss aus Spenden finanziert werden. "Erst wenn wir die Hälfte – 20 000 Euro – beisammen haben, wird der Glockenturm instand gesetzt", sagt Helmut Erhardt mit Blick auf die nächsten Jahre.

Bis dahin stehen die Glocken im Kirchenraum von Heilig Kreuz. Der Teleskopkran hievt dort souverän die Glocken vom Tieflader auf Paletten. Es ist 13 Uhr als mit einem Handhubwagen die erste Glocke als Symbol für Spenden installiert.

Zwei Kirchen und ihre Glocken

Die Markuskirche wurde 1967 gebaut. Mithilfe von Spenden konnte der Glockenturm realisiert werden. Im Jahr 2018 hat die evangelische Kirchengemeinde das Areal verkauft. Die Heilig-Kreuz-Kirche wurde 1969 eingeweiht. Für den Kirchturm war ein vierstimmiges Glockengeläut geplant, das allerdings bis heute nicht realisiert wurde. aki

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