Wenn Mamas zuhause unterrichten

  • Weitere
    schließen
+
Schultage bei Familie Bolsinger in Wasseralfingen: Während die Mama mit Tochter Madita arbeitet, sucht auch Sohn Hannes Zuwendung. Als Erstklässlerin kann Madita längst nicht alles selber lesen. Also liest ihr Friederike Bolsinger die Aufgaben vor.
  • schließen

Seit 16. Dezember ist wieder "Homeschooling" an der Tagesordnung. Friederike Bolsinger, Marisa Miltner und Susanne Fallenbüchel erzählen aus dem Alltag mit Grundschulkindern.

Aalen/ Ellwangen/ Jagstzell

Ob Friederike Bolsinger in Wasseralfingen, Marisa Miltner in Jagstzell oder Susanne Fallenbüchel in Schrezheim – die drei Frauen haben einiges gemeinsam: Seit Wochen müssen sie als Folge der Corona-Verordnungen ihre Kinder zuhause unterrichten, "Homeschooling" genannt. Und neben ihren Aufgaben für die Familie sind alle drei Mamas berufstätig. Das erfordert Organisationstalent. Die drei "Homeschooling-Mamas" erzählen, wie sie diese Situation meistern.

Marisa Miltner und ihre Familie in Jagstzell: Als ich dort gegen Mittag anrufe, verschieben wir das Gespräch gleich auf den Spätnachmittag. "Gerade ist der tägliche Wahnsinnsmix aus Kochen, Unterrichten und Bespaßen angesagt", erklärt die dreifache Mutter. Ihr Sohn Ludwig geht in die dritte Klasse, die Brüder Vitus (6 Jahre) und Xaver (3) normalerweise in den Kindergarten. Marisa Miltner ist Verfahrensbeistand am Familiengericht Crailsheim. "Ich begleite Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich scheiden lassen", erklärt sie. Das sei meist über Videochats oder telefonisch möglich.

Familienvater Joachim ist Betriebswirt bei der Sparkasse. "Unser Vorteil ist, dass er jetzt auch im Homeoffice arbeitet. Wir können uns aufteilen, wer mit Ludwig Schule macht und wer die Kleinen bespaßt", sagt Marisa Miltner. "Und wenn wir nach 24 Stunden am Stück nicht mehr aufeinander hocken können, schicken wir die Kleinen auch mal zur Oma." Ihre Mutter wohne in der Parallelstraße und helfe, "wenn es klemmt".

Ihr Wecker klingele um 6.15 Uhr. Zeit zum Aufwachen und eine Runde mit dem Hund zu laufen. Ab 7.30 Uhr eröffne sie zusammen mit Ludwig das heimische "Großraumbüro".

"Ludwig bekommt jeden Freitag von der Schule einen Arbeitsplan für die nächste Woche, ein relativ umfangreiches Lernpaket." Montags habe die Klasse mit ihrem Lehrer eine kurze Konferenz über die Plattform Jitsi. "Zusätzlich steht der Lehrer per Videokonferenz täglich 15 Minuten bei Bedarf zur Klärung von Fragen zur Verfügung." Marisa Miltner betont: "Das ist alles machbar, aber der Ausgleich wie die Klassengemeinschaft und der Fußball fehlen."

Was Familie Miltner gut durch den "Lockdown" hilft:

  • Zum sportlichen Ausgleich hat Ludwig einen Schrittzähler bekommen. Die Jungs laufen abends mit den Eltern noch eine Runde ums Dorf.
  • Die zwei Älteren haben Online-Instrumentalunterricht: Vitus am Klavier, Ludwig spielt Gitarre.
  • Eine Stunde Videochat mit Freunden ist ab und zu erlaubt.
  • Tägliche Mittagessen mit der ganzen Familie – nur möglich, weil jetzt alle zuhause sind.
  • Rituale vor Corona praktiziert die Familie jetzt in neuen Varianten: Freitags statt Fußballtraining gibt's Fußballspiel im Garten oder Laufen mit dem Hund. Anschließend wird geduscht. Marisa Miltner erzählt: "Dann holen wir uns etwas zum Essen ab, machen es uns alle zusammen gemütlich und schauen einen Film."

Friederike Bolsinger und ihre Familie in Aalen-Wasseralfingen: Tochter Madita (6 Jahre) geht in die erste Klasse der Karl-Kessler-Schule, ihr Bruder Hannes (4) normalerweise in den Kindergarten. Friederike Bolsinger arbeitet als Sozialpädagogin mehrmals pro Woche im Kinderdorf St. Josef in Unterriffingen mit fünf bis sieben Kindern, die älter als zehn Jahre sind und dort auch wohnen. Familienvater Michael arbeitet bei der BW-Bank. Aber wenn die Mama ganztags im Kinderdorf arbeitet, geht der Papa ins "Homeoffice".

Über ihr "Homeschooling" mit Madita erzählt Friederike Bolsinger: Jeden Montagmorgen hole eine andere Mutter für vier bis fünf Kinder aus der Nachbarschaft die Arbeitspakete auf Papier an der Schule ab. "Weil der Schulkomplex in Wasseralfingen so groß ist, sollen wir nicht alle einzeln kommen", erklärt sie.

Zusätzlich arbeite die Lehrerin mit der App "Schulmanager". Regelmäßig biete sie den Kindern darüber virtuelle Klassenkonferenzen von 40 bis 45 Minuten an. Zu unterschiedlichen Uhrzeiten, um den Bedürfnissen aller Eltern gerecht zu werden. Friederike Bolsinger erzählt weiter: Onlineschule sei für Madita keine Pflicht. Aber von den 19 Kindern in Maditas Klasse seien acht bis neun immer in einer Konferenz.

Das "Homeschooling" starte sie selber mit Madita täglich gegen 8.30 Uhr. Madita beginne mit den Aufgaben, die sie alleine kann. "Den Rest machen wir zusammen. In den Pausen, zum Beispiel zu einem Apfel, gibt's ein Hörspiel." In dieser Zeit könne sie sich dann mehr um Hannes kümmern, sagt Friederike Bolsinger. "Nachmittags lesen wir zusammen auf dem Sofa."

An dieses Unterrichten habe sich Madita gewöhnt, sagt die Mama. "Aber vorher war sie im Sportverein und im Chor. Das hat ihr voll Spaß gemacht. Jetzt wird sie immer inaktiver."

Und Hannes? Er geht eigentlich seit Januar 2020 in den Kindergarten – und habe das Pech, dass er seitdem meist nur Zuhause war. "Einmal pro Woche nehmen wir die Notbetreuung wahr", erzählt Friederike Bolsinger. Der Sohn habe dabei aber oft "Anlaufschwierigkeiten".

Was Familie Bolsinger gut durch den "Lockdown" hilft:

  • Homeschooling für Madita mit dem Opa einmal pro Woche.
  • Persönliche Briefe und kleine Süßigkeiten von Maditas Klassenlehrerin.
  • An die frische Luft geht die Familie mindestens einmal pro Tag.
  • Spielkinder sind in einer Familie in der Nachbarschaft.
  • Kinoabende zelebriert die Familie ein- bis zweimal pro Monat Zuhause: Madita und Hannes dürfen sich einen Film aussuchen, dazu gibt es Popcorn.

Susanne Fallenbüchel und ihre Familie in Ellwangen-Schrezheim: Mara ist 6 Jahre alt und geht in die erste Grundschulklasse am Ort. Susanne Fallenbüchel arbeitet in Teilzeit an zwei vollen Tagen als Redaktionsassistentin der SchwäPo. Die Nachmittage an diesen Tagen verbringt Mara bei den Großeltern Pfauth. Familienvater Florian ist Bürgermeister von Bühlertann. Er arbeitet jetzt stundenweise daheim.

Zusammen mit Mara beginne sie um 8.30 Uhr mit dem Deutschunterricht, erzählt Susanne Fallenbüchel. Ein fester Tagesablauf sei für die Tochter ganz wichtig. "Die Schule zuhause hat Maras Lehrerin toll organisiert." Jeden Sonntagabend dürfe sich Mara selber ihr Lernpaket für die nächste Woche an der Schule abholen. "Dann sehen sich die Schulkinder teilweise auf Abstand und sie sprechen auf dem Schulhof kurz mit ihrer Lehrerin." Das sei an einem kleinen Ort wie Schrezheim eben problemlos möglich.

Mara habe für jeden Tag einen Arbeitsplan. Pflichtfächer seien Deutsch, Mathe und Sachunterricht. "Was die Kinder die Woche über bearbeiten, geben die Eltern freitags der Lehrerin ab. Sie korrigiert dann übers Wochenende und gibt den Kindern am Sonntagabend gleich die Rückmeldung." Zusätzlich sei die Klasse über die App "Moodle" mit der Lehrerin in Kontakt. "So bekommen die Kinder zum Beispiel Videos, in denen die Lehrerin ihnen Geschichten zur Vesperpause vorliest. Oder in denen der Mathetiger die Matheaufgaben erklärt." Rituale aus dem Unterricht vor Corona.

Was Familie Fallenbüchel gut durch den "Lockdown" hilft:

  • Täglich um 11 Uhr übernimmt "Opa Eugen" den Matheunterricht. Der Schwiegervater sei krank und zum Schutz vor Corona in Quarantäne. Er dürfe deshalb keinen direkten Kontakt zur Enkelin haben, erzählt Susanne Fallenbüchel. "Ich fotografiere die Matheaufgaben ab, schicke sie ihm. Dann löst Mara die Aufgaben mit dem Opa im Videochat am Handy."
  • Zu jedem "Buchstaben der Woche" bekommt Mara von ihrer Lehrerin eine passende Süßigkeit, so zum "H" ein "Hanuta".
  • Dankesbriefe der Lehrerin für die Eltern, mit "Süßis" bestückt.
  • Tägliches Tanzen von Mara und Mama im Wohnzimmer.
  • Draußen den Kopf "freilaufen", neulich auch barfuß im Schnee.
  • Ein Spielkind mit Mama zum Treffen, für Winterwanderungen oder Fasching zu viert.

Bilanz einer Homeschooling-Mama: Susanne Fallenbüchel betont: Alle drei Familien hätten noch Glück, mit eigenem Häuschen und Garten. Und Papas, die auch Zuhause arbeiten können. Trotzdem freue sich Mara wieder auf die echte Schule. Und sei fest davon überzeugt: "Meine Lehrerin hat viel mehr Geduld als du."

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL