Wie 1945: Evakuierung weckt Erinnerungen an das Kriegsende in Aalen

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Ein US-Panzer mit aufgesessener Infanterie in der heutigen Stauffenbergstraße an der Einmündung zur Eisenbahnstraße. Archiv-Foto: afn
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Bombe am Tannenwäldle? Auch der 90-jährige Erwin Hafner muss die Wohnung verlassen. Das weckt Erinnerungen an das Kriegsende in Aalen.

Aalen

Bombensuche am Tannenwäldle. Nicht nur in der Ukraine, sondern, wenn auch in anderer Form, auch hier in Aalen hat uns der Krieg nochmals eingeholt, obwohl seitdem fast ein Menschenleben vergangen ist. Jedenfalls müssen am 5. März über 3000 Aalener ihre Wohnungen verlassen. Weil unser demokratischer Rechtsstaat Leib und Leben seiner Bürger schützen muss. Ob auch dagegen die Querdenker und „Spaziergänger“ demonstrieren?

Unter den Räumungspflichtigen bin auch ich als 90-Jähriger. Da werden schlimme Erinnerungen wach.

Besetzte Häuser

Der Krieg war noch nicht zu Ende, als die US-Truppen Aalen besetzten. Eines Morgens ging bei uns in der Eisenbahnstraße ein Ami von Tür zu Tür und befahl in gebrochenem Deutsch: „Du morgen früh rraus“. Mein Nachbar gab sich ganz freundlich und sagte in breitem Schwäbisch: „Ah, du Dackel“.

Der Besatzer grinste belustigt zurück, weil er meinte, sein Gegenüber habe etwas Nettes gesagt. Uns war jedenfalls alles andere als lustig zumute. Die ganze Straße musste über Nacht geräumt werden, um einer in Dreck und Speck direkt von der Front anrückenden US-Kompanie Platz zu machen.

In unserem Häusle ließen sich 16 GI's nieder. Aber wir? Wo auf die Schnelle unterkommen? Die einen zogen ins Gartenhäusle. Andere, wie meine Familie, nahmen Verwandte auf.

Meinem Vater wurde das Betreten des Hauses streng verboten. Nicht aber meiner Mutter. Die „Mama“, wie die IG's zu ihr sagten, war sogar höchst willkommen.

Die Mama war willkommen

Zum täglichen Saubermachen. Zuvor aber galt ihre Sorge den Betten, die sie in einer Ecke gestapelt hatte. Anderntags waren alle Betten weg. Meine Mutter traf schier der Schlag – bis sie entdeckte, dass die Amis die Betten als Unterlage für ihre Schlafsäcke benutzten. Und ein weiterer großer Schreck: Unter jedem Kopfkissen lag eine Pistole. Es war immer noch Krieg.

Als dann meine Mutter in der Waschküche den Kessel heizte, stand auch schon ein GI mit seiner verschmutzten Uniformbluse fragend an der Tür: „Mama du waschen“. Als akkurate Schwäbin wusch sie nicht nur die Klamotten, sondern bügelte fein säuberlich die beiden Rückfalten der Uniform. Dies sprach sich unter den Amis schnell herum. In Nun standen sie Schlange vor der Waschküche. Entlohnung: Kernseife und Zigaretten, beides begehrte Hamsterartikel. Die Reichsmark hatte längst keinen Wert mehr.

Kaugummi und Kaffee

Was aber taten wir Buben? „Mister, give me a Chewing gum“ bettelten wir. Und standen mit Kochgeschirr am Küchenwagen der Amis. Küchenwagen. Meist erhielten wir auch einen Schlag aus der Gulaschkanone. Dazu Kaffeesatz, den meine Mutter aufkochte. Und der dann immer noch besser schmeckte als unser obligatorischer Ersatzkaffee.

Um uns beim Onkel für die Unterkunft erkenntlich zu zeigen, klaute ich in unserem Haus jeden Morgen aus einer für alle zugänglichen Zigarettenkiste eine Handvoll Camel oder Lucky Strikes – als Miete! An mir vorbei schlüpften gerade noch die „Fräuleins“ zur Tür hinaus, die von den Amis am Vorabend aufgegabelt worden waren ...

Die US-Kompanie blieb zwei oder drei Wochen in unserer Straße. Dann, welche Tragik: Nach Kriegsende fuhr diese Einheit mit einem Truppentransporter zurück in die Staaten. Und lief auf dem Atlantik auf eine Mine. Ein Großteil dieser Soldaten soll dabei ertrunken sein.

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