Wie Aalen die Wende erlebt hat

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Übersiedler aus der DDR wurden 1989 in der Weidenfeldhalle beim Berufschulzentrum in Aalen untergebracht. "Unmöglich" nennt Dr. Irmela Seraphim, die damals geholfen hat, die Zustände dort. Doch beschwert habe sich zu Beginn niemand.
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Der Stadtarchivar lässt im Gespräch mit Zeitzeugen das Jahr 1989 wieder lebendig werden. Die Beteiligten blicken aber auch in die Gegenwart und die Zukunft.

Aalen

Der sechste Fluchtversuch klappt. Über die Prager Botschaft kann Verena Hellriegel im September 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik ausreisen. In Aalen findet sie ein neues Zuhause. So erzählt es die Bierhallen-Wirtin gut 30 Jahre später beim Zeitzeugenabend in der Cafeteria des Berufsschulzentrums. Rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschen gespannt.

Stadtarchiv und Geschichtsverein beleuchten an diesem Abend die Wende aus Aalener Sicht. Den Zeitgeist rund um Mauerfall, Wiedervereinigung und Wende lässt Stadtarchivar Dr. Georg Wendt nach der Begrüßung von Erich Haller im Gespräch mit Zeitzeugen lebendig werden. Eigene Erfahrungen lässt er – 1986 in Gera geboren – miteinfließen. Fotos und Ausschnitte aus dem SchwäPo-Archiv, die er an die Wand wirft, zeigen, wie es damals aussieht in Aalen, in der Weidenfeldhalle und in den Köpfen. Aber auch den Blick in die Gegenwart und Zukunft vergisst er nicht.

Erwin Hafner, Jahrgang 1932, ehemaliger SchwäPo-Chefredakteur. Er erinnert sich an Probleme der Zeit: Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Nach dem Mauerfall waren Übersiedler in Aalen in der Weidenfeldhalle untergebracht. Die SchwäPo-Hilfsaktion "Advent der guten Tat" hat sich für sie engagiert, erzählt Hafner. Ziel sei es gewesen, für die Familien mit Kindern schnell ein Dach über dem Kopf zu organisieren. "Das Ziel haben wir erreicht", sagt der frühere Chefredakteur. 1989 fand das erste Begegnungscafé im Salvatorheim für Aalener und Übersiedler statt. Heute noch gibt es diese Veranstaltung für Flüchtlinge.

Frank Nietzold, Jahrgang 1947, aus Dresden war einer von den ersten Übersiedlern, die nach Aalen kamen. Einen Ausreiseantrag hatte er ausgefüllt, aber nie abgeschickt, aus Angst, man könne seiner Frau und ihm die sechs Kindern wegnehmen. Mit der Familie wohnte er nach dem Mauerfall im "Gütle" in Aalen bei SHW in Wasseralfingen fand der gelernte Dreher sofort Arbeit. "Sind wir heute einig Vaterland?", fragt Wendt. "Ja, aber", beginnt die Antwort. Freunde und Bekannte aus Dresden fahren dreimal im Jahr in den Urlaub, haben ein Auto, würden aber trotzdem oft jammern. "Was wollt ihr eigentlich?", frage sich Nietzold dann.

Meine Heimat ist Jena, mein Zuhause ist Aalen.

Verena Hellriegel Bierhallen-Wirtin

Dr. Irmela Seraphim, Jahrgang 1938, lebt seit 1969 in Aalen, arbeitete im Ostalbklinikum und engagierte sich bei "Ärzte ohne Grenzen" zum Beispiel in Bolivien und Somalia. "Nach der Wende stellte sie fest, dass Hilfe vor der Haustüre nötig war", führt Wendt die Zeitzeugin ein. Jeden Abend nach der Arbeit im Krankenhaus schaute sie in der Halle vorbei. "Die Leute haben am Anfang wenig über die unmöglichen Zustände dort gesprochen und es gut ertragen", sagt sie. Beschwert hätten sie sich später, als sie bereits ein ganzes Jahr dort gewohnt hätten.

Andrea Stumpp-Dülch, arbeitet beim DRK und wartete mit anderen Helfern an der Weidenfeldhalle auf den ersten Bus mit Übersiedlern. Honoratioren von Stadt und Landkreis waren vor Ort, eine Blaskapelle hat gespielt. Sie berichtet von einer großen Welle der Hilfsbereitschaft, privaten Kleiderspenden und ehrenamtlichen Engagement. Mancher Aalener habe aber auch versucht, schlechten Wohnraum für sehr viel Geld anzubieten. Solche Erlebnisse trügen dazu bei, dass die Mauer in den Köpfen noch nicht überall ganz verschwunden ist.

Bernd Hofmann, Jahrgang 1941, lebt seit 1975 in Rainau-Buch, arbeitete 89 beim Arbeitsamt Aalen und übernahm 1995 die Leitung des Arbeitsamts Jena. Die Metaller, die er und seine Kollegen in der Weidenfeldhalle betreute, hätten sofort Arbeit bei Alfing oder SHW gefunden. Gut ausgebildete Fachkräfte sind es ihm zufolge gewesen. Doch den Berufsabschluss anerkennen zu lassen, sei ein Kampf gewesen.

Verena Hellriegel, geboren 1965 in Khala bei Jena, Bierhallen-Wirtin, versuchte 1989 mehrmals, die tschechische Grenze zu überqueren. Fünf mal wurde sie zurückgeschickt. Beim sechsten Mal klappte es. Am Abend vor Genschers Auftritt kam sie an der Prager Botschaft an. Hineingelassen wurde sie wegen Überfüllung nicht. Ein paar Tage später gelang die Ausreise. Nach einer Station in Fulda reiste sie zu Verwandten nach Aalen, wo sie sich sofort wohlfühlte. "Ich bin verliebt in Aalen", sagt sie und fügt an: "Ich bin glücklich, meinen Kindern die Möglichkeit gegeben zu haben, hier aufzuwachsen." Die Mauer in den Köpfen spürt auch sie noch, wenn sie mit jungen Bekannten in Jena spricht. "Von denen könnte sich keiner vorstellen, her zu ziehen."

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