Wie ein gehörloser Friseur seinen Weg erkämpft

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Christoph Sponer: "Der liebe Gott hat mir mein Gehör genommen, aber Talent gegeben."
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Christoph Sponer ist von Geburt an taub. Manche Hürde hat er deshalb zu überwinden, doch er lässt sich nicht unterkriegen. Haare sind seine Leidenschaft.

Aalen Auf den ersten Blick ist Christoph Sponer ein junger Mann wie tausende andere: gepflegte Erscheinung, modischer Haarschnitt, beruflich erfolgreich, verheiratet. Doch der 35-Jährige ist taub, von Geburt an. Eine Behinderung, die ihn nicht ausgebremst hat auf seinem Weg zum Traum-Job: Friseur werden, beruflich selbstständig sein. Der Weg dahin war mitunter steinig.

Zum Gespräch treffen wir uns in Christoph Sponers neu eingerichtetem Haar-Studio, im Souterrain des Hauses im Hüttfeld. Er begrüßt mit einem Lächeln und macht sofort auf sein Handicap aufmerksam. Ja, man könne sich ganz normal mit ihm unterhalten, allerdings ist er darauf angewiesen, von den Lippen abzulesen. Deshalb seine Bitte: deutlich sprechen, am besten etwas langsamer als üblich. Wären da nicht seine Schwierigkeiten, hier und da bestimmte Laute „richtig“ zu artikulieren – kaum ein Außenstehender würde die Behinderung registrieren.

Taub ist er seit seiner Geburt. Hadern mit dem Schicksal? Kein Thema für ihn, sagt er. Seine Eltern hätten ihn während seiner Kindheit und Jugend in Fulda genauso erzogen und gefördert wie seinen Bruder, der diese Behinderung nicht hat. Eher ärgert er sich über gedankenlose Zeitgenossen, die sich schnell von ihm abwenden, wenn das Lippen-Lesen schwieriger wird als gedacht, bei Gartenpartys im Halbdunkel beispielsweise.

Haare faszinieren ihn schon als Kind. Kein Barbiepuppenschopf ist vor seiner Schere sicher. Christoph will Friseur werden, 2005 beginnt er in seiner Heimatstadt die Lehre. Als unerwartete Hürde entpuppt sich die Berufsschule. Er kann dem Unterricht nur schwer folgen, „denn ich kann dem Lehrer entweder von den Lippen ablesen oder was aufschreiben. Beides zusammen geht nicht.“ Als er im zweiten Lehrjahr auf eine spezielle Berufsschule für Hörgeschädigte wechselt, geht es aufwärts. Die Abschlussprüfung: „Man muss halt kämpfen, viel lernen, dann klappt es auch“.

2008 beendet er die Ausbildung, arbeitet als angestellter Friseur. Weiterbildungsseminare in Stuttgart wecken neuen Ehrgeiz: „Ich wollte gerne auf einer großen Bühne Haare schneiden.“ Im Hinterkopf hat er dabei auch, was ein Ausbilder ihm predigte: „Du musst in die Großstadt gehen, um erfolgreich zu werden.“

Im Jahr darauf setzt er alles auf eine Karte: kündigt, sucht sich einen Job im Raum Stuttgart und findet sogar binnen vier Wochen ein Zimmer, „ich hatte Glück“, lächelt Sponer. Sein Traum, bei einer großen Friseurkette in Böblingen berufsbegleitend Zusatzqualifikationen wie den sogenannten Top-Stylisten zu erwerben, wird wahr. Sponer: „Normalerweise werden dort Friseure erst nach drei, vier Jahren Berufserfahrung angenommen. Ich hab‘ das nach einem halben Jahr geschafft.“ Er erfährt Neid von Kolleginnen und Kollegen, muss aber auch Niederlagen einstecken. Bei der ersten Prüfung rasselt er durch. „Zu 90 Prozent war es okay, es haperte aber am Beratungsgespräch.“ Wegen seiner Hörbehinderung ging die Kommunikation mit der Kundin schief. Sein Handicap sei gerade in solchen Situationen eine zusätzliche Erschwernis, findet sein Ehemann Steffen Sponer-Dittrich: „Christoph muss die gleichen Anforderungen erfüllen wie die anderen, muss sich oftmals aber noch mehr beweisen, um zu zeigen, dass seine Hörbehinderung ihm nicht im Weg steht.“

2013 der nächste Meilenstein: die Meisterschule in Neu-Ulm. Der junge Friseur muss hart büffeln, sechs Tage die Woche, zudem belasten ihn Geldprobleme: Weil er für den Theorieunterricht in der Einrichtung einen speziellen Dolmetscher braucht, der den mündlichen Vortrag des Lehrers simultan für ihn verschriftlicht, soll er 100.000 Euro zahlen. Davon abgesehen, kostet ihn schon der Besuch der Meisterschule inklusive Unterkunft 10.000 Euro. Das zermürbt, er ist kurz davor, alles hinzuwerfen. Sponer: „Dank Familie und Freunden, die immer gesagt haben, wir unterstützen Dich, habe ich weitergemacht.“ Sein Ehemann kämpft für ihn mit Ämtern und Behörden, am Ende muss Sponer statt 100.000 nur noch 1500 Euro Eigenanteil für den Dolmetscher berappen. Und schafft die Abschlussprüfung.

Nach dem Umzug auf die Ostalb arbeitet er in einem großen Friseursalon. Immer stärker wird sein Wunsch, sich selbstständig zu machen. Die Corona-Pandemie bremst ihn zunächst aus, er verliert den Mut, spielt sogar mit dem Gedanken, ganz aus seinem Beruf auszusteigen. „Zum Glück“ habe er das verworfen, findet Steffen Sponer-Dittrich (44). Er ist es auch, der den ganzen Behördenkram für den Sprung in die Selbstständigkeit regelte und bis heute Dinge wie Schreibkram und Buchhaltung übernimmt, „Christoph soll sich auf seine Leidenschaft, sein Handwerk konzentrieren.“

Inzwischen ist  der Masterstylist „ChriSpo“ zu 60 Prozent seiner Zeit als mobiler Friseur zwischen Bodensee und dem Rhein-Main-Gebiet unterwegs. Viele seiner Kunden seien ebenfalls gehörlos, erzählt er, andere kämen über Mund-zu-Mund-Propaganda hinzu. Die restliche Zeit über arbeitet er im Haar-Studio daheim. Weil er wegen seines Handicaps nicht telefonieren kann, macht er Termine oft per E-Mail aus, berät Kundinnen und Kunden oft schon im Vorfeld via digitaler Bildtelefonie. „Man muss gute Leistung bringen, den Leuten zeigen, was man kann“, sagt Sponer und schiebt mit einem feinen Lächeln hinterher: „Der liebe Gott hat mir mein Gehör genommen, aber Talent gegeben.“

 

 

 

 

Christoph Sponer hat sich jetzt selbstständig gemacht, mit eigenem Salon im Haus.
Christoph Sponer kämpfte für seinen Traum vom Beruf als Friseur.
"Nicht so lange drüber nachdenken, einfach machen" ist eines seiner Lebensmottos.

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