Wie Medien dem Populismus begegnen

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"Stimmen im öffentlichen Raum – populär, nicht populistisch." So haben fünf Experten die Rolle von Zeitungen, Radio, Fernsehen und Theater in Zeiten von "Querdenken" & Co. diskutiert.

Aalen

Ein historisches Datum. Am 9. November 1938 war Reichspogromnacht; 51 Jahre später fiel die Mauer. Anlass für das "Netzwerk für Demokratie" im Ostalbkreis, eine Online-Diskussion zu veranstalten. Der Titel "Stimmen im öffentlichen Raum – populär, nicht populistisch" war Steilvorlage für die fünf Experten und Expertinnen unter der Moderation von Gerburg Maria Müller. Welche Rolle haben Zeitungen, Radio, Fernsehen und Theater heute in Zeiten des Trumpismus', von Querdenkern, von Rechtsextremismus und AfD?

Online über die Plattform des Aalener Theaters vor 50 Online-Gästen diskutiert haben Theater-Intendant Tonio Kleinknecht, der Blattmacher im Politikressort der beiden Stuttgarter Zeitungen, Dr. Rafael Binkowski, die SWR-Studioleiterin in Ulm, Annette Schmidt, DGB-Regionssekretärin Kerstin Pätzold und SchwäPo-Redaktionsleiter Jürgen Steck.

Dr. Rafael Binkowski: "Die Demokratie in den USA ist erschüttert", sagt Rafael Binkowski eingangs in seinem Impuls und erinnert dabei an die Situation, als TV-Sender ihre Übertragung abbrechen, weil Präsident Trump "gefühlt 15 Mal hintereinander lügt". Das Phänomen Populismus gebe es aber auch in Deutschland. Der Blattmacher wird konkret; er erinnert an den Begriff "Lügenpresse". "Unsere Interpretation der Fakten wird nicht mehr anerkannt." Ein Teil der Bevölkerung, denen sich Rechtsradikale anschließen, fühle sich von der Politik nicht mehr abgeholt. Es sei schwierig, darauf zu reagieren und fast unmöglich mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Für den Zeitungsredakteur steht fest: "Ohne die Medien hätten die alle keine Relevanz. Die Medien entscheiden über deren Reichweite." Exemplarisch nennt Binkowski das Thema Flüchtlingskrise, das von der Corona-Pandemie abgelöst worden sei und bei der AfD für ein Wahrnehmungsproblem gesorgt habe. "Nun waren die klassischen Medien gefordert. Unsere Nachrichten waren gesucht." Das wertet der Redakteur als ein Zeichen der Hoffnung – trotz des strukturellen Wandels in der Medienlandschaft. Berlin sei nicht Weimar. Aktuelles positives Zeichen sei auch die Wahl des Stuttgarter OB. "Weniger als acht Prozent der Stimmen haben die Rechtspopulisten für sich verbuchen können."

Jürgen Steck: "Ich sehe Veränderungen auf der politischen Ebene wie auch in der Tonalität", stellt der SchwäPo-Redaktionsleiter fest. Dem zu begegnen, müssten Journalisten sich auf ihr Handwerk besinnen. Es gebe Regeln und es seien Grenzen gesetzt – im Grundgesetz sowie im Pressekodex. "Die müssen wir transparent machen." Mit Blick auf die sozialen Medien macht Steck deutlich, dass seit Beginn der Pandemie die klassischen Medien mehr denn je als wichtige und seriöse Informationsquelle wahrgenommen und genutzt werden.

Annette Schmidt: Die Anfeindungen gegen Journalisten seien momentan besonders schlimm, sagt die Ulmer Studioleiterin und verweist auf die Leipziger Demo am Samstag und ihre Folgen. Solch ein Verhalten sowie das Negieren von Fakten hätten Auswirkungen – auf Gesellschaft und Justiz. Im Zusammenhang mit der Demo fordert Schmidt die Journalistenverbände auf, weiter laut Position zu beziehen und zu reagieren.

Unsere Interpretation der Fakten wird nicht mehr anerkannt.

Dr. Rafael Binkowski Zeitungsredakteur und Historiker

Tonio Kleinknecht: "Wir Theatermacher fühlen uns hilflos bei der rasanten Entwicklung von Fake News", sagt Kleinknecht. Er hebt heraus, dass Theater als ein Medium der Gesellschaft ermögliche, ins Gespräch zu kommen. "Das und die Lust am Denken sind die Voraussetzung für einen demokratischen Prozess." Die Medien seien die vierte Gewalt – "und der Resonanzkörper für die Demokratie".

Kerstin Pätzold: Die DGB-Regionalsekretärin empfindet die "Neutralität der Berichterstattung" gegenüber der AfD, dem Populismus und dem Rechtsextremismus als "schwierig". Sie plädiert für "Skandalisierung" bei entsprechendem Verhalten und Äußerungen.

Skandalisierung? Ein Thema zu skandalisieren hält Jürgen Steck für falsch. Er sieht die seriöse Bearbeitung, die Beleuchtung eines Themas aus unterschiedlicher Richtung und die Aufklärung als das probate Mittel gegen Populismus & Co. Konservative Leser will Rafael Binkowski in Pro- und Contra-Debatten abholen und die Leser mit hervorragend geschriebenen und tief recherchierten Artikeln binden.

Lesermeinung: Kommentare von Lesern sind von unterschiedlicher Qualität, antworten die Experten auf die Frage aus dem Publikum. Grundsätzlich werde nichts zensiert. Aber nicht alle seien geeignet, veröffentlicht zu werden. Online-Kommentare würden, wenn nötig, moderiert. Ab einem bestimmten Punkt müsse man Diskussion stoppen.

Dr. Rafael Binkowski
Annette Schmidt
Tonio Kleinknecht
Gerburg Maria Müller
Kerstin Pätzold

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