Wie zwei Ostalb-Frauen das Sprachrohr für behinderte Menschen sind

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Angelique Koller ist Werkstatträtin in der Samariter-Werkstatt im Aalener Industriegebiet.
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  Bewohnerbeirätin Angelika Förch und Werkstatträtin Angelique Koller erzählen von ihren Aufgaben und der Bedeutung ihres Engagements.

Aalen

Soziale Gerechtigkeit ist in unserer Verfassung fixiert. Soziale Gerechtigkeit gilt als ideelles Ziel. Dass dieses Ziel aber täglich konkreter wird, dafür sorgen Menschen - in Vereinen, in Organisationen und im Alltag. An diesem Sonntag, 20. Februar, ist Tag der sozialen Gerechtigkeit. Wie Teilhabe für Menschen mit Behinderung und damit auch soziale Gerechtigkeit ein Stück mehr Realität werden, das zeigt das Engagement von Angelika Förch im Bewohnerbeirat und von Angelique Koller im Werkstattrat. Beide Frauen stehen dafür, dass Wünsche von Beschäftigten sowie von Bewohnerinnen und Bewohnern von Einrichtungen der Samariterstiftung Gehör finden und, wo möglich, auch umgesetzt werden. „In beiden Gremien geht es um Teilhabe, Verwirklichungschancen und Chancengleichheit“, sagt Michael Schubert, Regionalleiter der Behindertenhilfe Ostalb bei der Samariterstiftung, auch mit Blick auf das Bundesteilhabegesetz. Dessen Ziel ist es, Teilhabe im politischen und gesellschaftlichen Kontext zu verankern.

Engagement mit vielen Facetten

Angelika Förch ist seit zwölf Jahren Mitglied im Bewohnerbeirat der Samariterstiftung. Ihr Engagement hat viele Facetten. Die Beiräte haben mitgewirkt am Neubau des „Haus am Sohl“ in Neresheim. „Da haben wir gelernt, Baupläne zu lesen“, erzählt die 55-Jährige. So etwas sei nicht ganz einfach für Menschen mit Behinderung, betont sie. Aber auch an der Ausgestaltung der neuen Apartments seien die Räte beteiligt worden. „Da ging es einmal um die Materialien, die verwendet werden sollten oder ein andermal um die Größe der Wohnungen“, berichtet sie. Spaß habe ihr das gemacht. Wie vieles andere auch. Angelika Förch, die vier weiteren Beiräte und Betreuer Hartmut Kambach organisieren aber auch das traditionelle Sommerfest in Bopfingen. Doch nicht immer ist alles eitel Sonnenschein. „Wer sich nicht an die Hausordnung hält und Müll aus dem Fenster wirft, wird ermahnt.“ Kritik gibt's freilich auch; etwa am Speiseplan, der gemeinsam ausgehandelt wird. Und eine Portion Mut braucht das Engagement auch: „Wenn was geregelt werden muss, dann tragen wir das an geeigneter Stelle vor“, sagt die Mittlerin zwischen Bereichsleiterin und Bewohnern.

Transparenz dank Beirat

Der Bewohnerbeirat der Behindertenhilfe Ostalb mit Standorten in Neresheim und Bopfingen wird alle vier Jahre neu gewählt und vertritt die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner, die alle ein Handicap haben. „Es ist wichtig, dass wir einen Bewohnerbeirat haben“, betont Angelika Förch, die selbst in einer Wohngemeinschaft in Bopfingen wohnt. Für sie, wie für alle anderen auch, bedeute das Lebensqualität und ein entsprechendes Maß an Selbstständigkeit. Dazu gehören aber auch eigene Vorstellungen, Wünsche und eben auch Kritik. Damit diese nicht ungehört bleiben und alles, was geschieht, auch transparent ist, gibt es den Bewohnerbeirat. 

Beirat und Werkstattrat hat die Behindertenhilfe Ostalb der Samariterstiftung bereits seit den 1980er Jahren installiert. „Mit dem Ziel, dass Menschen mit Behinderung gehört werden und nichts über ihre Köpfe hinweg geschieht“, ergänzt Michael Schubert und lobt, wie selbstbewusst vor allem jüngere Menschen mit Behinderung mittlerweile seien. „Sie kennen ihre Rechte – und das ist gut so.“

Angelique Koller ist eine der Vertreterinnen und Vertreter im Werkstattrat, dessen Strukturen und Aufgaben denen eines Betriebsrats gleichen. Sie ist erneut dabei – mit viel Elan. „Mir ist es wichtig, meinen Kolleginnen und Kollegen zu helfen, wo es klemmt“, sagt sie und erzählt davon, wie es durchs Dach geregnet habe, sie beim „Chef“ gewesen sei und sich um den Wasserschaden gekümmert habe. „Jetzt kommen die Handwerker“, sagt sie stolz. Doch ihr Einsatz ist auch gefragt, wenn es um die Länge der Pausen gehe, die Arbeitszeiten, -bedingungen oder auch die Löhne. Fünf Mitglieder zählt der Werkstattrat, der zuständig ist für die Werkstätten an der Hochbrücke, am Kocher und am Albuch. Sie sei sehr gerne engagiert und berichtet dabei von regelmäßigen Treffen alle 14 Tage, davon, dass sie sich gefreut habe, als man sie um die Kandidatur zur Werkstatträtin gebeten habe. „Es ist enorm wichtig, dass es solche Vertretungsgremien gibt“, betont die 33-Jährige. Regionalleiter Michael Schubert bezeichnet als deren primäre Aufgabe ebenfalls die Transparenz sowie die Tatsache, dass die Räte einbezogen seien in die betrieblichen Abläufe. Im Übrigen seien sowohl Werkstattrat wie auch Bewohnerbeirat, so Schubert, auf Landesebene vernetzt.

"Es ist enorm wichtig, dass es solche Vertretungsgremien gibt."

Angelique Koller, Werkstatträtin
  • Tag der sozialen Gerechtigkeit
  • Der 20. Februar ist der Internationale Tag der sozialen Gerechtigkeit, in diesem Jahr ein Sonntag. Den Welttag haben die Vereinten Nationen im Jahr 2009 erstmals ausgerufen. Grundsätzlich geht es bei dem Aktionstag um die Bedeutung von Menschenrechten, um  soziale Sicherheit und um den Kampf gegen Armut und Exklusion, Geschlechtergleichheit und Arbeitslosigkeit. In Deutschland, wo die soziale Gerechtigkeit im Grundgesetz in Artikel 20, Abs. 1, verankert ist, gilt soziale Gerechtigkeit als ideelles Ziel. Darüber, wie gerecht es im unserem Land zugeht, wird immer wieder diskutiert. ⋌aki
Angelique Koller ist Werkstatträtin in der Samariter-Werkstatt im Aalener Industriegebiet.
Angelique Koller ist Werkstatträtin in der Samariter-Werkstatt im Aalener Industriegebiet.
Bewohnerbeirätin Angelika Förch im Gespräch mit Otto Balluff

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