Wo das eiserne Herz Aalens schlug

+
Unterkochen zwischen Munksjö im Westen und ROWA im Osten. Blau eingezeichnet sind die ehemaligen Standorte der Unteren Hammerschmiede (A), der Oberen Hammerschmiede (B), der Hochmühle/Walzwerke (C) sowie der Hüttenamtswohnung (D).

Die Wiege der Metallverarbeitung in der Aalener Bucht ist in Unterkochen zu suchen. Das zeigt ein neuer Aufsatz von Dr. Georg Wendt und Erich Vomhoff im Aalener Jahrbuch.

Aalen

Die Fäuste verkrampften am Schwertknauf, die Augen blitzten im Mai 1568, als der Kocherburgvogt Jacob von Tannenbuch und der Oberfactor der örtlichen Eisengewerke aneinandergerieten. Kurzfristig hatte der Vogt befohlen, den Metallern das Wasser vom Weißen Kocher abzudrehen, um die ellwangisch-fürstpröpstlichen Wiesen zu bewässern. Ohne Wasserkraft aber kein Antrieb für die gigantischen Gebläse, ohne Gebläse keine Eisenverarbeitung.

Der evangelische Oberfactor verlor jede Minute Geld und ging auf Tannenbuch los: „Das Einzige, was ihn noch weniger interessiere als der Befehl des katholischen Vogts sei die Meinung dessen Pfaffens!“, schimpfte der Oberfactor. Der Obervogt drohte hitzig: „Wenn er sich auch nur der Wasserschleuse näherte, würde er auf ihn schießen lassen“. Der Oberfactor trollte sich und schrieb einen bitterbösen Bericht an seinen Chef, den Herzog von Württemberg.

Berichte wie diese, die heute im Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt werden, werfen Schlaglichter auf die nicht immer friedliche Frühzeit der Eisenverarbeitung in der Aalener Bucht. Im Jahr 1518 nämlich, über 150 Jahre bevor Wasseralfingen zum Zentrum der örtlichen Eisenverarbeitung wurde, errichteten wohlhabende Bürger aus Stuttgart die erste neuzeitliche Eisenschmelze auf Aalener Stadtgebiet; genauer: auf Unterkochener Gemarkung am Bolrain, ein Gelände am Pflaumbach etwas westlich vom Birkhof.

In den 1550er Jahren zogen die Gewerke dann weiter an den Zusammenfluss von Weißem Kocher und Häselbach. Hier – heute etwa zwischen Munksjö und ROWA – errichtete man nach und nach Stücköfen zum Eliminieren des Eisens aus dem Erz und zwei Hammerschmieden zur Bearbeitung desselben. 1565 produzierte das Gewerk im Auftrag des württembergischen Herzogs über 83 Tonnen Metall – immerhin halb so viel wie das viel traditionsreichere Königsbronn.

Unproblematisch war die Nähe zum Dorf Unterkochen aber nicht. Immer wieder stritten sich die Gewerke mit den Müllern um den Zugang zum Wasser. Schlacke, Smog und Abwässer zerstörten die Umwelt. Ärger verursachten auch konfessionelle Fragen zwischen evangelischen Metallern und katholischen Unterkochenern.

1614 traten die Württemberger ihre Gewerke an den örtlichen Landesherrn, den Ellwanger Fürstpropst, ab. In den 1670er Jahren verlagerte dieser die Erzverhüttung schrittweise nach Wasseralfingen. Die Hammerschmieden in Unterkochen liefen aber weiter: 1800/1801 verarbeiteten sie über 265 Tonnen Metall.

Der Übergang ans Königreich Württemberg 1803 bedeutete für die Faktorei Unterkochen einen neuerlichen Innovationsschub. Am Standort der alten Hochmühle entstand 1821 ein Walzwerk für Fassreifen. 1856 allerdings mussten die Verantwortlichen akzeptieren, dass die Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Betriebs in Unterkochen ausgereizt waren. Die verbliebenen Werksanlagen wurden nach Wasseralfingen verlegt.

Wer mit offenen Augen heute durch Unterkochen geht, kann aber immer noch viele Spuren dieser (früh-)neuzeitlichen Industriegeschichte erkennen. Nicht zuletzt erinnert der Gasthof Läuterhäusle („Läutern“: Metalle von Schlacke befreien) an eine Zeit, als in Unterkochen das metallene Herz Aalens schlug.

Aufsatz: Den Aufsatz von Erich Vomhoff und Dr. Georg Wendt im Aalener Jahrbuch Online können Sie kostenfrei lesen via www.aalen.de/eisen.

Unterkochen zwischen Munksjö im Westen und ROWA im Osten. Blau eingezeichnet sind die ehemaligen Standorte der Unteren Hammerschmiede (A), der Oberen Hammerschmiede (B), der Hochmühle/Walzwerke (C) sowie der Hüttenamtswohnung (D).

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare