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Petra Widmann löst für die Patienten Antibiotika auf.
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Alltag auf der Aalener Intensivstation. Wie hier rund um die Uhr gearbeitet wird, was die Beschäftigten am meisten belastet und was besonders fehlt – nicht nur in der Pandemie.

Aalen

Rund um die Uhr. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Pflege kennt keine Pause. Vor allem nicht auf der Intensivstation. Vor gut einem Jahr wurde am 3. März der erste Coronafall im Landkreis bekannt. Weitere folgten und folgen tagtäglich. Dutzende Erkrankte mussten auch auf der Aalener Intensivstation versorgt werden. Dort ist deshalb vieles anders geworden. Ein Streifzug.

1300 Patienten behandelten die Pflegekräfte und Ärzte auf der Aalener Intensivstation im Jahr 2020. Die Letalität, also Sterberate, liegt bei 12 bis 13 Prozent. An Corona verstorben sind bisher auf der Aalener Station 19 Menschen. "Schwere und lange Krankheitsverläufe gibt es hier aber auch ohne Covid-19", sagt Stationsleiter Thomas Racsits. Im Moment etwa der einer jungen Frau mit Schädel-Hirn-Trauma. Ein Beatmungsgerät braucht auch sie. Die sind keine Mangelware – gleich zu Beginn der Pandemie rüstete der Kreis in den Kliniken mit modernsten Geräten nach. "Wir könnten allein hier im Extremfall 14 Patienten beatmen", sagt Racsits. Könnte – gebe es ausreichend Personal.

Insgesamt 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen auf der Aalener Intensiv dafür, dass die Versorgung der Patienten niemals stockt. Drei-Schicht-Betrieb. Morgens und nachmittags sind jeweils sieben im Einsatz, fünf weitere in der Nacht. Personalmangel, das Tragen der Masken, der Aufwand für die Isolierzimmer, Angst vor Ansteckung, getrennte Pausen und weniger Austausch im Team, Probleme mit der Haut durch die Schutzkleidung, der Umgang mit den Angehörigen, der vor allem telefonisch läuft und belastet. All das steht auf der "Corona"-Liste, die das Team für die Presse zusammengetragen hat. Dazu kommt der enorme Pflegeaufwand für einen Covid-19-Patienten.

High-Flow vor Beatmung: Fieber, Husten, Atemnot – etwa 5 bis 8 Prozent der Covid-19-Erkrankten brauchen Intensivpflege, so Racsits. Was nicht heißt, dass diese alle an ein Beatmungsgerät müssen. Aber sind sie erst mal auf Intensiv, brauchen sie Sauerstoff. NHF, Nasaler High-Flow, heißt das Gerät, mit dem der Patient diesen über eine Nasensonde angewärmt und befeuchtet bekommt.

"Das ist wichtig, sonst entwickeln sich in den Schleimhäuten schmerzhafte Borken", erklärt Racsits. Der nächste Schritt sei bei Verschlechterung dann die NIV, die Beatmung mit einer Maske, bei der die Atmung des Patienten unterstützt wird. Pflegeintensiv sind auch diese Formen der Versorgung: "Diese Patienten sind sehr unruhig, weil sie wegen der Atemnot Panik entwickeln und merken, dass es ihnen von Tag zu Tag schlechter geht", so Racsits.

Auf vollständige Beatmung mit Intubation werde, wenn nur irgendwie möglich, verzichtet. "Davon kommen die Patienten schwer wieder weg", so Racsits. Die künstliche Beatmung mit ECMO gibt es in Aalen ohnehin nicht. Aber auch ohne diese gilt: Je nach Gewicht des Covid-19- Patienten müssen mindestens vier Menschen helfen, wenn dieser umgedreht werden muss.

Schwere und lange Krankheitsverläufe gibt es hier auch ohne Covid-19.

Thomas Racsits Stationsleiter Intensiv Aalen

15 Minuten in der Schleuse: Desinfektion, Brille, Maske, Schutzanzug – alles muss sitzen, bevor eine Pflegekraft durch die Schleuse in eines der beiden Isolierzimmer kann. Manchmal haben sie es gerade erst verlassen – dann hat sich der Patient in Panik das Oximeter, den Fingersensor, der die Sauerstoffsättigung im Blut misst, wegen seiner Unruhe schon wieder heruntergerissen. Also geht's zurück durch die Schleuse. 15 Minuten dauert die Prozedur jeweils.

Trotz aller Schutzmaßnahmen – die Angst der Pflegekräfte vor Ansteckung ist nicht unbegründet. 14 von ihnen haben sich seit Beginn der Pandemie infiziert. Probleme mit der Haut haben fast alle. Vor allem im Gesicht, die FFP-2-Maske gehört längst zum Arbeitsalltag. Vielen juckt zudem wegen der Schutzkleidung die Haut. Am Anfang, als es davon nicht genug gab, war diese aus Plastik, der Schweiß floss bis in die Hosen. Das sei aber vorbei, so Racsits.

Geholfen habe bei all dem auch die Zusammenarbeit mit anderen Stationen, vor allem der Zentralen Notaufnahme und dem Pflegepersonal der Anästhesie. Besonders während der Höhepunkte der Pandemie habe man ständig kommuniziert und die Tagesabläufe aufeinander abgestimmt. Das sei ein wichtiges Instrument gewesen. Und bleibe es.

Was aber weiter fehlt, ist Personal: Junge Menschen finden den Pflegeberuf nicht mehr attraktiv. Vor allem auch wegen der Bezahlung. Da ist sich Racsits sicher. 20 bis 30 Prozent würden auch im Haus schon während der Ausbildung aufgeben, "weil es nicht das ist, was sie sich vorgestellt haben. Schichten, Nachtarbeit: Das ändert sich nicht." Dem gegenüber stehe ein krisenfester Job vor der Haustür mit Aufstiegsmöglichkeiten und einem Bildungszentrum vor Ort. Die Fortbildungsquote liegt im Ostalbklinikum im Intensiv- und Anästhesiebereich bei 67 Prozent – allein rund 40 unterschiedliche Geräte muss man dort als Fachkraft bedienen können. Jahrelanges Lernen also. Racsits selbst kommt auf sieben. "Wäre das ein Studium, hätte ich längst den Master", sagt er. Und plädiert für die Akademisierung der Pflege, die es in anderen Ländern längst gebe. Dann werde auch die Bezahlung besser und man hätte genügend Fachkräfte, um auch alle Betten belegen zu können. Rund um die Uhr.

Thomas Racsits bei einem Patienten, der auf der Intensiv beatmet werden muss.
Die Blutgasanalyse eines Covid-Patienten.
Das Team der Aalener Intensivstation. Hier werden die Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen versorgt.

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