Zum Engel ist Vergangenheit

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Das alte Aalener Wirtshaus "Zum Engel" gehört der Vergangenheit an.

In der Traditions-Wirtschaft am Westlichen Stadtgraben hat ein türkisches Reform-Restaurant eröffnet.

Aalen

Der legendäre "Engel" am Westlichen Stadtgraben gehört der Vergangenheit an. Im Jahr 2004 hatten die Mayers das 50-jährige Bestehen "ihres Engels" gefeiert, 2016 vermieteten sie die Wirtschaft mit Metzgerei an den Heidenheimer Berufskollegen Andreas Heußler, der den "Engel" unter eigenem Namen nur bis April diesen Jahres auch als Gaststätte gemietet hatte. Jetzt eröffnete nach gründlichem Umbau ein türkisches Reform-Restaurant. So steht es auf der Fassade des Hauses.

"Wenn oiner lang von Oala weg gewä isch ond seine alte Spezel wieder hot treffa wölla" so hot der dia gwieß im Engel gfonda": So erzählte der einstige Wirt, Josef Mayer. Und der legendäre Büttaredner vom Meckereck, der Korba-Karle, hatte zum 50-jährigen "Engel" der Mayers gereimt: "Ich grüße auch die Stammtischbrüder ... Do wird no g'schwätzt von Politik ond weniger vom Eheglück, vom Fuaßball ond au von de Renger, von guade ond von daube Denger ..."

Der Mayers Josef wusste auch von amüsanten Episoden in seinem Lokal zu berichten. Mitte der 70er-Jahre erregte danach ein norddeutscher Gast, der in Kapitänsuniform ein paar Tage hintereinander mit großspurigen Sprüchen am Stammtisch auftrumpfte, Argwohn. Als er dann noch mit einer Pistole herumfuchtelte, wurde es dem Wirt zu bunt. Kurzerhand rief er die Polizei. Die fand den Mann trotz der Waffe harmlos und ließ ihn laufen. Doch anderntags überfiel er die Landesbank und flüchtete aus Aalen. Immerhin konnte er in einem Stuttgarter Hotel festgenommen werden.

Beim Entrümpeln der Bühne fand der Engel-Wirt eines Tages etliche Kartons voller Kernseife. Diese stammte aus der Nachkriegszeit, wo viele Leute Wertsachen, in dem Fall wohl Wurst, gegen Kernseife der Amis eintauschten, die – wie Zigaretten –bis zur Währungsreform 1948 beim Schwarzhandel als beliebtes Zahlungsmittel galten. Das Geld hatte keinen Wert mehr.

Der Engel-Wirt hatte laut eigener Erzählungen früher Probleme mit der Stadt, die ein 30-jähriges Bauverbot verhängt hatte. So lange wurden nämlich Pläne verfolgt, den Westlichen Stadtgraben direkt zur Roschmann-Kreuzung zu verlängern. Dieser Absicht aber stand der "Engel" im Weg. Erst nach dem Abriss der Firmengebäude Lindenfarb und Rieger wurde das Bauverbot 1981 aufgehoben, so dass Zug um Zug die Speisewirtschaft renoviert, 1999 mit einem Anbau erweitert und die dazu gehörende Metzgerei verlegt werden konnte.

Traditionsreiche Geschichte

Die Geschichte des "Engel" lässt sich bis aufs Jahr 1867 zurückverfolgen. Damals hattte "Speisewirth" Carl Vogel auf den Weiterbetrieb seiner Schankwirtschaft verzichtet und das Lokal "nächst der Wiedmannsche Fabrik" an den Metzger Carl Seifferer vermietet. 1878 trat der seitherige Wirt zur "Rose", Jakob Schanbacher, das Wirtschafts-recht der "Vogelschen Bierwirtschaft" an den Bäcker Wilhelm Brucker und der wiederum an den früheren Radwirt Immanuel Koepf ab. Nach dessen Tod 1888 führte seine Witwe das Anwesen in der nordwestlichen Grabenstraße weiter. Im gleichen Jahr kaufte der Wasseralfinger Schlegel-Brauereibesitzer Eugen Jooß die Schankwirtschaft neben dem Anwesen des Mechanikers Rieger (später Rieger-Werke). 1895 erwarb der Metzger Heinrich Wagner aus Lautern die Vogelsche Wirtschaft. Unter ihm taucht 1907 erstmals der Name "Engel" auf. 1949 übernahm der Metzgermeister Rudolf Blumrich den "Engel", bis 1954 der Metzgermeister Eugen Wiedmann neuer Inhaber wurde. Noch im selben Jahr kaufte Josef Mayer sen. das Wirtshaus.

Neu im alten "Engel": ein türkisches Reform-Restaurant.

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