Zwei Radiergummis für die ganze Schule

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Gelen Emir in Sierra Leone (von links) mit einem Bananenverkäufer, mit Straßenkindern, die Getränke zum Verkauf anbieten und mit einem der Schulkinder.

Warum die Aalenerin Hatice Gelen Emir nach einer Reise nach Sierra Leone einen Hilfsverein für Waisen- und Straßenkinder gründet.

Aalen

Als Hatice Gelen Emir im vergangenen Jahr nach Sierra Leone ging, ahnte sie noch nicht, dass daraus mehr würde als ein einmaliger Aufenthalt. Sie hatte sich als Freiwillige gemeldet, um in einer Schule für Waisen- und Straßenkinder in der Hauptstadt Freetown mitzuarbeiten. "Ich wollte nur ein bisschen mithelfen", sagt sie. Inzwischen hat sie mehrere Hilfsprojekte vor Ort angestoßen. Und ist mitten in der Gründung eines Hilfsvereins, zusammen mit ihrer Schwester Maria Emir.

Gelen Emir ist viel in der Welt herumgekommen. In Aalen aufgewachsen, war sie nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften unter anderem elf Jahre im Irak tätig. Die Situation der Menschen in anderen Ländern, die Flüchtlingsströme – das habe ihr Interesse geweckt, sich zu engagieren, erzählt die 46-Jährige. "Man muss doch etwas tun. Ich wusste nur nicht genau, was."

Übers Internet stößt sie auf die Schule in Sierra Leone. Im September 2020 reist sie in das westafrikanische Land, ausgestattet mit sämtlichen Impfungen. In Freetown auf der Fähre sei sie die einzige weiße Frau gewesen, erinnert sie sich. Angst habe sie aber keine gehabt. "Es war mir ein bisschen unangenehm, dass ich die ganze Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte", sagt sie. Jeder wollte mit ihr sprechen.

Gelen Emir spürt in Sierra Leone hautnah, was es heißt, in einem Land zu leben, das auf dem Index der menschlichen Entwicklung auf Platz 182 von 189 rangiert. "Das Wasser war mein größtes Problem", sagt sie. Dort wo sie lebte, am Rand der Hauptstadt, gab es kein Wasser aus der Leitung. Morgens um vier machte sich jemand aus ihrer Gastgeberfamilie mit zwei Kanistern auf den Weg zur Wasserstelle, um Wasser zu holen. Das kostbare Nass wurde im Haus in einer Tonne aufbewahrt, aus der mit Eimern je nach Bedarf geschöpft wurde.

Die Küche: ein überdachter Platz neben dem Haus mit Feuerstelle und Töpfen. Die Ernährung einseitig. Morgens und abends gab es Reis, das Grundnahrungsmittel in Sierra Leone.

In der Schule teilten sich 59 Kinder zwei Radiergummis und einen Spitzer. Kein Schüler besaß ein Schulbuch. "Nachdem ich gesehen hatte, dass die gar nichts haben, war ich schockiert", erzählt Gelen Emir. Die Schule wurde von einer kleinen lokalen Organisation mit vier ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben, damit auch arme Kinder zur Schule gehen können. Die Lehrer unterrichteten dort freiwillig. In manchen Monaten bekamen sie sporadisch ein Gehalt von umgerechnet 10 US-Dollar, mussten nach der Schule noch anderen Tätigkeiten nachgehen, um leben zu können, berichtet Gelen Emir. Ein weiteres Problem: Die Kinder müssen aus dem Gebäude raus und brauchen eine neue Schule.

Aalen ist meine Heimatstadt.

Gelen Emir als Helferin in Sierra Leone

In Gesprächen mit ihrer Schwester kam die Idee auf, einen Verein zu gründen, um Geld für eine neue Schule zu sammeln und um Kinder und Lehrer zu unterstützen. Gleichzeitig fragten Freunde, Bekannte und Verwandte, ob sie etwas spenden können, denn Gelen Emir hatte im Whats-App-Status regelmäßig Bilder und Geschichten geteilt. "Es fing ganz klein an. Die Leute wollten sich einbringen." Die Welle der Solidarität mit den Ärmsten und die Großzügigkeit der Menschen – allein für diese Erfahrung sei sie sehr dankbar, sagt sie.

Von den eingegangenen Spenden konnten inzwischen Schulbücher angeschafft und Jahresgehälter für die Lehrer zur Seite gelegt werden. Außerdem wurde ein Stück Land gekauft und ein Brunnen gegraben. Ein Brunnen führt zu Einkünften, mit denen später die Lehrergehälter bezahlt werden können. Zudem schützt er die Mädchen, die an entlegenen Wasserstellen oft Opfer von sexuellen Übergriffen sind.

Eine neue Schule soll gebaut werden, dafür suche man aktuell ein Stück Land, erklärt Gelen Emir und spricht von weiteren Projekten, die sie gern verwirklichen möchte: Patenschaften vermitteln, eine Bienenzucht aufbauen und Ausbildung für Jugendliche ermöglichen, die auf der Straße leben.

Viel zu tun für die 46-Jährige. Deshalb ihr Entschluss: "Ich will mich jetzt mindestens ein Jahr darum kümmern – ehrenamtlich und in Vollzeit." Geholfen habe sie schon immer gern, sagt sie. Dazu kommt die starke Bindung zu den Menschen in Sierra Leone. "Die Leute haben so wenig und teilen trotzdem miteinander."

Derzeit ist Gelen Emir in der Türkei. Wann sie wieder nach Sierra Leone fliegt, weiß sie aufgrund der Corona-Situation noch nicht. "For Salone" soll der Hilfsverein heißen, aktuell läuft die Feststellung der Gemeinnützigkeit. "Salone" ist die Kurzform von Sierra Leone, ein Kosewort der Einwohner für ihr Land.

Kontakt: über Facebook (Hatice Gelen Emir) sowie per E-Mail an die Adresse gelen.emir@gmail.com

Globetrotterin oder Aalenerin?

Hatice Gelen Emir, Jahrgang 1974, ist in Aalen aufgewachsen. Nach dem Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasium studierte sie Wirtschaftswissenschaften. Elf Jahre war sie im Irak tätig, unter anderem in der Beratung für deutsche Unternehmen und in der Zuarbeit für internationale Organisationen. Mehr als ein Jahr lang ging sie auf Weltreise. Globetrotterin oder Aalenerin? "Ich bin nicht das eine oder das andere, ich bin beides", sagt sie. "Aalen ist meine Heimatstadt."

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