Interview: Unterkochener Hausarzt über Corona, Booster und Impfbereitschaft

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Impfen in der Praxis Michael Maas
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Der Unterkochener Hausarzt Michael Maas über den Alltag in seiner Praxis in Zeiten explodierender Inzidenzen, Infektwelle und Booster-Impfungen. 

Aalen-Unterkochen.

Die Zahlen explodieren. 369 Neuinfektionen mit dem Covid-19-Virus verzeichnet das Landratsamt Ostalbkreis an diesem Mittwoch, 17. November. Davon 90 in Aalen. Parallel dazu impfen und boostern vor allem auch die Hausärzte unter Hochdruck ihre Patienten Einer davon ist Michael Maas. Im Interview mit Dagmar Oltersdorf berichtet er über den aktuellen Praxisalltag.

Herr Maas, kommen Sie mit den Impfungen noch hinterher?

Michael Maas: Wir kommen schon hinterher. Aber es ist sehr viel Druck im System, der Ton hat sich verschärft. Zum einem, weil sehr oft telefonisch kein Durchkommen ist. Der einen Hälfte kann es nicht schnell genug gehen, auch mit dem Boostern. Zum anderen ist für andere aber Impfen immer noch ausgeschlossen. Manche Diskussion mit Impfverweigern hält man im Kopf fast nicht aus und ermüdet sehr, aber auch mit denen sprechen wir. Es ist ja auch ein Irrsinn für die Menschen, die in den Kliniken arbeiten. Ich habe lange selbst und gerne auf der Intensiv gearbeitet, aber im Moment bin ich nicht unglücklich, das ich nicht dort bin. Die Kollegen beatmen wochenlang einen Patienten und dann bekommen sie ihn manchmal doch nicht durch. Dass die Impfung in den allermeisten Fällen vor einem schweren Verlauf schützt, da sind sich 97 Prozent aller Wissenschaftler einig. Wir haben nun mehrere 1000 Impfungen verabreicht. Ich bin auch geimpft. Das ist für mich kein Lustgewinn, aber ich schütze auch die Menschen um mich herum. Den Satz „Das kann man so und so sehen“, den kann ich kaum noch hören. Zudem ist ja auch die Zeit der Infektwelle, auch wenn die richtige Grippe noch gar nicht angekommen ist. Aber es gib sehr viele grippale Infekte. Außerdem stöhnt das Labor, die Quote positiver Tests steigt dramatisch. Es dauert schon zwei Tage lang, bis das Ergebnis des PCR-Teste da ist, vorher waren das meist nur 24 Stunden. Die Gemengelage ist sehr schwierig.

Boostern darf sich nach den neusten Aussagen des Gesundheitsministers nun jeder ab 18 und auch schon früher. Wie machen Sie das?

Diese Aussage fliegt uns natürlich um die Ohren, weil wir ja jetzt schon nicht hinterherkommen. Die Pflegeheime sind durch die mobilen Impfteams weitgehend versorgt. Aber es gibt immer noch genug Menschen in den vulnerablen Gruppen, die noch nicht ihre dritte Impfung haben. Wir gehen also weiter nach den Vorgaben des RKI vor, impfen zudem auch Beschäftigte im medizinischen Bereich und pflegende Angehörige.

Was könnte denn jetzt hilfreich sein?

Der Sache nicht besonders dienlich war, dass sich das Landratsamt aus vielem herausgezogen hat. Positiv Getestete rufen jetzt auch bei ihren Ärzten an und wollen wissen, was nun zu tun ist, wie es weitergeht. Wie man versucht, beispielsweise im Aalener Rathaus die Sache aufzufangen, das finde ich spektakulär. Die Ärzteschaft überlegt momentan schon, wie man das Impfangebot ausweiten kann, wie wir uns weiter beteiligen können. Eine normale Arztpraxis mit fünf bis sechs Sprechzimmern, in denen die Menschen dann noch 15 Minuten nach der Impfung warten, die bekommt einfach nicht so viele Fallzahlen hin.

Ist die Impfbereitschaft generell gestiegen?

Es kommen schon mehr, die eine Erstimpfung wollen. Manche darunter finden es auch nicht so toll, wenn sie unbezahlt in Quarantäne müssen. Die Motive sind aber zweitrangig. Es zählt, dass es mehr geworden sind. Denn die Hütte brennt lichterloh und heller als je zuvor.

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