Eine kuriose Kleinanzeige und das wahre Leben dahinter

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Familie Lauer sucht seit Jahren nach einem bezahlbaren Haus zum Kauf. Nun geht sie damit in ungewöhnlicher Weise an die Öffentlichkeit.

Aalen-Unterkochen

Kleinanzeigen in der Schwäbischen Post sind begehrter Lesestoff. Eine Annonce in der Rubrik Immobilienmarkt sorgt für Rätselraten: "Suchen kostenlose Immobilie. Aufgrund übertriebener Preise und unverschämter Makler sucht nette und ehrliche Familie kostenloses Wohneigentum."

Wer oder was mag wohl dahinter stecken?, fragten sich viele Leser. Wohnungslose? Weltfremde Spinner? Oder gar Menschen mit unlauteren Absichten? Weder noch, stellt sich im Gespräch heraus. Die Anzeige ist so etwas wie eine Verzweiflungstat.

Unter der angegebenen Telefonnummer melden sich die Lauers. Die dreiköpfige Familie wohnt in Unterkochen zur Miete, ungekündigt. Seit vier Jahren suchen Michael Lauer und seine Frau Ilona nun schon in Aalen nach einem Häuschen zum Kauf – bisher vergeblich. Dabei sind sie nicht besonders anspruchsvoll: 120 Quadratmeter, ein bissele Grün drumherum, das würde ihnen schon reichen.

Das Problem seien die Preise auf dem Aalener Immobilienmarkt, sagt Michael Lauer. Exorbitant gestiegen seien die in den vergangenen zehn Jahren. In Unterkochen hat er mehrfach erlebt, dass Häuser längere Zeit leer stehen. "Wenn man auf die Besitzer zugeht, heißt es meistens, man verkaufe erst mal nicht. Die spekulieren, dass der Preis noch weiter steigt. Und das finde ich nicht fair." Für Häuser in guten Lagen in Aalen habe sich der Quadratmeterpreis zum Teil sogar verdoppelt, hat Lauer beobachtet. "Nur auf meinem Gehaltszettel ist das leider nicht der Fall."

Dabei gehören die Lauers vom Einkommen her durchaus zur gehobenen Mittelschicht: Der 38-jährige Ingenieur ist in einer ungekündigten Vollzeitanstellung und seine Frau Ilona war bis zur Geburt von Tochter Victoria vor fünf Monaten in der Verwaltung als Teamleiterin im Öffentlichen Dienst tätig. "Die Bank freut sich, uns eine halbe Million Euro Kredit zu geben", schmunzelt der aus dem Raum Ulm stammende Familienvater. Das Problem seiner, aber auch vieler der zugezogenen Kollegen sei: "Wer hier kein Erbe oder eine Bestandsimmobilie für die Grundfinanzierung mitbringt, hat in dieser Region auf dem Immobilienmarkt keine Chance."

Ist diese Region tatsächlich zukunftsfähig, wenn man sich Wohnen nicht mehr leisten kann?

Michael Lauer Ingenieur und Familienvater

Ein durchschnittliches Einfamilienhaus für 600 000 Euro oder mehr auf Kredit zu kaufen, sei angesichts niedriger Hypothekenzinsen zwar machbar – "aber die müssen ja auch zurückgezahlt werden." Der tatsächliche Gegenwert vieler gebrauchter Häuser liege oft deutlich unterm überhitzten Marktpreis. "Sie glauben nicht, was man uns für Bruchbuden für 400 000 Euro angeboten hat." Bei etlichen Förderprogrammen des Landes oder Bundes fallen die Lauers durchs Raster: Dazu verdienen sie wiederum zu viel.

In ihrer Kleinanzeige kritisiert die Familie auch die Makler. Die Lauers wollen keineswegs alle über einen Kamm scheren, berichten aber wenig ermutigende Erlebnisse: "kein integres Auftreten", Preistreiberei, sogar "die Bedingung, dass die Maklerprovision vorm notariellen Kaufvertrag gezahlt werden sollte".

Die Resonanz auf ihre Anzeige in der SchwäPo sei überraschend groß gewesen, berichtet die Familie. Die Hälfte der Anrufer wollten wissen, was dahinter steckt und hätten dann von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Aber auch Makler hätten sich gemeldet, und eine Handvoll Häusleanbieter. Nichts Kostenloses, natürlich, "aber das hatten wir auch nicht wirklich erwartet."

Das vorläufige Fazit der Lauers: "Erschreckend, dass man einen guten Job hat, und es reicht trotzdem nicht, um getrost sesshaft zu werden." Denn erfahrungsgemäß zögen steigende Immobilienpreise auch steigende Mieten nach sich. Langfristig bleibe ihnen möglicherweise nur ein Umzug, fragt sich nur, wohin. Michael Lauer: "Auf der Ostalb muss man sich auch fragen: Ist diese Region tatsächlich zukunftsfähig, wenn man sich Wohnen nicht mehr leisten kann?"

Illona und Michael Lauer mit Töchterchen Victoria. Sie möchten in Aalen dauerhaft sesshaft werden.

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