Vom Stolz, ein Wasseralfinger zu sein

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Kerzengerade zieht sich die Wilhelmstraße von Wasseralfingen Richtung Aalen. An ihrer rechten Seite (Bildmitte) die ehemaligen Hallen der Schwäbischen Hüttenwerke. 2019 endete hier eine 650 Jahre alte Industrietradition.
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Das Juli-Blatt des Aalener "Vorher-Nachher-Kalenders" 2021: Was Alfred Neukamm und die 650 Jahre alte Industrietradition Wasseralfingens miteinander verbindet.

Aalen-Wasseralfingen

Das tut einem sehr weh." Alfred Neukamm, der letzte Kunstgießer und Modelleur bei den Schwäbischen Hüttenwerken (SHW), steht auf dem Gehweg der Wasseralfinger Wilhelmstraße und schaut hinüber zu den Hallen, in denen er 54 Jahre, sein komplettes Berufsleben lang, täglich ein- und ausgegangen ist. Das SchwäPo-Video vom letzten Guss eines Motorblocks im Februar 2019, kurz vor dem Ende einer 650 Jahre alten Industrietradition, hat sich Neukamm im Internet angesehen. Die Erinnerung an die Bilder rührt ihn immer noch tief in der Seele. Zumal das 1365 gegründete Unternehmen zu den ältesten Industriebetrieben Deutschlands zählt.

Das SHW-CT-Areal ist inzwischen an die Firma Rieger verkauft. Doch das SHW-Emblem samt dem großen gusseisernen Württemberger Wappen prangt unverändert an der Halle am Eck zwischen Wilhelm- und Stiewingstraße. "Das habe ich gegossen", erzählt Alfred Neukamm stolz. "Damals, in den 1980er Jahren, als diese neue Halle gebaut wurde."

Dass Alfred Neukamm nach der Hauptschule zu SHW geht, war selbstverständlich. "Da hat's damals nichts anderes gegeben", sagt der heute 75-Jährige. Zumal sich sein Vater Alois schon einen guten Ruf bei SHW erarbeitet hatte. "Als Werkzeugschmied hat er zum Beispiel Streiabägger (ein schwäbischer Ausdruck für Reisigbeil, Anm. d. Red.) gemacht oder kleine Beile, um damit Spächtele für Anfeuerholz zu schlagen."

Wo die Hüttenwerkler wohnten

Die Neukamms wohnten in den Steigäckern, wie viele andere "Hüttenwerkler". "Dort hat auch kein anderer eine Baugenehmigung bekommen", erinnert sich Alfred Neukamm.

Das laute Poltern des Hammers der Gesenkschmiede hat ihn oft in seinen Schlaf begleitet. Damals aber habe sich keiner beschwert über den Lärm. "Denn da hatte ja fast jeder seinen Arbeitsplatz im Hüttenwerk oder bei Alfing."

Mit 14 Jahren hat Alfred Neukamm als Maschinenschlosserlehrling bei SHW angefangen. Bei Wind und Wetter ist er zu Fuß ins Werk gelaufen, wie viele andere Kollegen. In großen Gruppen waren sie damals unterwegs. "Zu Glanzzeiten hatte SHW über 1000 Mitarbeiter in der Gießerei", weiß Neukamm. "Und alle waren wir stolz, Wasseralfinger zu sein und bei SHW oder Alfing arbeiten zu dürfen."

Berühmte Vorgänger

Aber eines hatte der junge Alfred wohl vielen anderen Kollegen voraus. Er konnte gut zeichnen. "Scho als kloiner Bua", sagt Neukamm in bestem Schwäbisch. Und so kam es, dass er 1971 als Kunstgießer und Modelleur bei SHW in die Fußstapfen seiner berühmten Vorgänger treten durfte; Conrad Weitbrecht und Christian Plock gehörten zu ihnen.

Wir Hüttenwerkler waren alle stolz, Wasseralfinger zu sein.

Alfred Neukamm Kunstgießer und Modelleur

Als SHW in den 1960er Jahren einen Nachfolger für Albert Weitmann suchte, der von 1955 bis 1971 in den Schwäbischen Hüttenwerken als Modelleur arbeitete, ergriff Alfred Neukamm die Chance. Er studierte sechs Semester an der staatlich höheren Fachschule in Schwäbisch Gmünd bei Professor Fritz Nuss, einem der bedeutendsten Bildhauer Süddeutschlands und lernte dass Kunstgusshandwerk von der Pike auf.

"Zuerst habe ich das Modell gezeichnet, dann mit Plastilin geformt, Böbbele für Böbbele." Danach wurde das Modell in der SHW-Gießerei in Sand eingeformt, bevor glühendes Gusseisen hineinfloss. Unzählige Familienwappen, Plaketten, Plastiken und Schrifttafeln tragen auf dieses Weise die Handschrift Alfred Neukamms, des letzten Modelleurs in Wasseralfingen. Nach dessen Wirken ging die fast 200-jährige Geschichte des Eisenkunstgusses in Wasseralfingen zu Ende.

Eine überregionale Bedeutung erhielt der Kunstguss der königlichen Hüttenwerke mit den Arbeiten von Conrad Weitbrecht, (ab 1823 Modelleur bei SHW) und dessen Schüler und Nachfolger Christian Plock (ab 1836 SHW-Modelleur). Vor allem, weil ihre Arbeiten vielfältig verwendet werden konnten – sowohl als Verzierung von Gebrauchsgegenständen wie Öfen und Sockeln, als auch als Silhouette für den Wandschmuck.

Nach der Insolvenz von SHW-CT und dem Verkauf des Firmengeländes war unsicher, was mit der Kunstgusssammlung im Modellhaus des früheren SHW-Firmengeländes passiert. Erst seit Sommer dieses Jahres ist klar: Das Land Baden-Württemberg hat die Zukunft dieser bedeutenden Dokumentation der Wasseralfinger und Ostwürttemberger Industriegeschichte gesichert.

Die in Wasseralfingen lagernde Sammlung von über 1000 Eisenkunstgusswerken besteht aus einer Vielzahl an metallenen Ofenplatten, Öfen und Gussformen aus den vergangenen Jahrhunderten des Eisenkunstgusses in der Region und veranschaulicht so die Entwicklung der Gusstechniken. Die Einzigartigkeit dieser Sammlung ist durch die Tatsache belegt, dass sie das Landesamt für Denkmalpflege als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch eintragen ließ und ein Verbringungsverbot der einzelnen Stücke auferlegt hat.

Darunter befinden sich auch etliche Stücke aus der Hand Alfred Neukamms. Und das wiederum macht den letzten Kunstgießer und Modelleur von SHW sehr stolz. Stolz, ein Wasseralfinger zu sein.

Den SchwäPo Jahreskalender gibt es ab sofort im SchwäPo-Shop und im Touristik-Service Aalen. Online-Bestellungen sind möglich. Das Formular finden Sie online auf www.schwaebische-post.de/aalen-kalender.

Eine telefonische Bestellung des Aalener Kalenders 2021 ist von Montag bis Freitag, 9 bis 16 Uhr, möglich unter der Rufnummer (07361) 594292. Preis: 17,95 Euro für Abonnenten, 19,95 Euro regulär.

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Alfred Neukamm, der letzte Kunstgießer und Modelleur bei SHW. Hier mit seiner Arbeit "Jungfrau mit Kind".

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