Warum Adam Vogt sterben musste

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Ein Stein für Adam Vogt wurde in Wasseralfingen gelegt.
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Der Schuhmacher blieb seiner Überzeugung treu - das wurde ihm zum Verhängnis.

Aalen-Wasseralfingen. Vor Kurzem sind vier Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus gelegt worden, drei in Treppach, einer in der Schloßstraße 42 in Wasseralfingen. An der Stelle, wo heute der Zugang zur Fußgängerunterführung Richtung Talschulzentrum liegt, stand einmal das Haus des Schuhmachers Adam Vogt. Lange wurde über das Schicksal der Familie im Ort nicht gesprochen, erst 60 Jahre später fand die Tochter von Adam und spätere Ordensfrau, Elisabeth Vogt, Kraft und Mut, über die Geschichte ihrer Familie zu reden. Auch unter dem Eindruck wieder aufflammender Übergriffe von Neonazis.

Adam Vogt ist 1904 in Adelmannsfelden geboren, er heiratete die Wasseralfingerin Theresia Opferkuch und gründete dort ein Schuhmachergeschäft. Er war aufgrund seines Könnens angesehen und wegen seines humorvollen Wesens beliebt bei seinen Mitmenschen.

Das Ehepaar lehnte die Nazis ab und machte auch keinen Hehl daraus. Die Tochter schreibt später: „Mein Vater, weniger meine Mutter, machte sich Sorgen wegen eventueller Konsequenzen, zumal er viele der 'neuen' Nazis gut kannte und mit manchen befreundet war.“ 1939 wurde ihm seine Offenheit zum Verhängnis. Da unterstützte er das jüdische Ehepaar Gustav und Emma Mayer, Besitzer einer Schuhfabrik in Schwäbisch Gmünd, dabei auszuwandern. Die Vogts waren gut mit dem Paar befreundet, so besorgte Adam Vogt ihnen Karten für die Schiffsreise. Zum Dank ließen sie ihm noch Material aus ihrer Fabrik zukommen, das er zwar nicht verwenden konnte, aber einlagerte.

Das wurde vom Ortsgruppenleiter der SA und früheren Freund, Wirt eines Gasthauses in der Wilhelmstraße, an die Gestapo verraten. Zudem hat ein bei der Familie eingeschleuster Spion, ein tschechischer Mann, das Hören „von Feindsendern“ an die Polizei denunziert. Am 28. November 1939 wurde Adam Vogt verhaftet. Seine schwangere Frau fragte abends auf dem Rathaus nach seinem Verbleiben, sie erhielt die Auskunft, dass er am Landgericht in Ellwangen sei. Zwei Tage später stürmte, wie die Tochter erzählt, ein Nazi-Mob das Haus, und forderte „Heraus mit der Judenware“. Theresia Vogt, schwanger mit ihrem Sohn, dem zweiten Kind, wurde aus dem Haus geworfen. Der Mob plünderte Wohnung und Geschäft. Der Sohn kam vier Monate später behindert zur Welt. Theresia erfuhr am nächsten Tag, dass ihr Mann „bereits verschickt“ sei. Kurz danach wurden Werkstatt und Schuhgeschäft beschlagnahmt.

Später wurde erforscht, dass Adam Vogt zunächst nach Stuttgart ins Gefängnis und dann bis 14. März 1940 ins KZ Welzheim kam, ein wegen der Brutalität berüchtigter Ort. Dann durfte er zunächst nach Hause. Einen Tag nach der Geburt des Sohnes wurde er in ein Baubataillon eingezogen und an die Ostfront geschickt. Dort wurde er im Januar 1943 als vermisst gemeldet, die Deutsche Kriegsgräbervorsorge nennt Rossosch im Gebiet Woronesh als Ort.

Theresia Vogt lebte in ärmlichen Verhältnissen mit ihren Kindern. Nach dem Krieg beantragte sie Wiedergutmachung und Unterstützung für den behinderten Sohn. 1946 und 1947 wurde beides genehmigt, aber 1949 wurde die Unterstützung von den Behörden wieder gestrichen. Sie könne nicht als Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft gelten, da ihr Mann als Kriegsopfer anzusehen ist. So geschah der Familie zum zweiten Mal Unrecht.

Elisabeth Vogt sagte später: „Wir waren traumatisiert durch das Geschrei und die Plünderung. Später wollten alle – Opfer und Täter, Nazis und Verfolgte – vergessen. Jetzt musste ich sprechen, um der Nachwelt etwas zu hinterlassen.“ Am vergangenen Samstag wurde Adam Vogt entsprechend gewürdigt.

An der Verlegung des Steines nahmen viele Bürgerinnen und Bürger teil.
Adam Vogt

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