Wasseralfinger "Bäumle" schließt: Was sich die Stammgäste der Kneipe wünschen

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stammtisch im bäumle
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Nach fast 150 Jahren soll die beliebte Raucher-Bierkneipe im Unteren Dorf in Wasseralfingen geschlossen und abgerissen werden. Welchen Herzenswunsch die Stammtischler haben.

Aalen-Wasseralfingen

Trendgastronomien findet man inzwischen an jedem Eck. Aber alte Bierkneipen, die Geschichten und Geschichtchen vom Leben und Leiden vieler Generationen erzählen können, sind selten geworden.

Eine dieser Kneipen steht im Unteren Dorf in Wasseralfingen. Das „Bäumle“, wie die gebürtigen Wasseralfinger liebevoll ihre urige Raucher-Bierkneipe in der Schlossstraße nennen, ist im würdigen Greisenalter angekommen. In zwei Jahren, 2023, könnte hier der 150. Geburtstag der 1873 als „Grüner Baum“ eröffneten Gastwirtschaft gefeiert werden.

Doch das Ende der vor allem bei den bekennenden „Edelfans“ der Wasseralfinger Braukunst beliebten Kneipe scheint besiegelt. Die Fakten liegen auf dem Tisch: Hubert Vaas, seit knapp 20 Jahren Pächter der Traditionskneipe, hat aus Altersgründen zum Jahresende gekündigt. Und der Eigentümer, die Wasseralfinger Löwenbrauerei, will aufgrund des maroden Gebäudezustands nicht mehr neu verpachten. Sondern plant den Abriss.

Diese Kunde hat die Stammtischler schmerzhaft ins Herz getroffen. Denn für sie ist das „Bäumle“ nicht nur irgendeine Kneipe. Es ist Kult. Es ist Heimat. Zweites Wohnzimmer. Für viele sogar das erste. „Und darum“, sagen sie, „darf es nicht so einfach sterben.“ Ganz gleich ob Banker, Ingenieur oder Berufssoldat: Alle, die hier mehrfach die Woche ein und ausgehen, haben solide Jobs, stehen mit beiden Beinen im Leben. Hier treffen sich der Motorradclub „ImmerZu“, die Handballer des TSV Wasseralfingen und auch die Frauen der Motorradclub-Männer ordern hier regelmäßig ihre Prickelbrause „Fräschenäääää“.

Auf der Straße vor dem Haus, von den Altvorderen gerne „Marktplatz“ genannt, spielte früher die Musik. Es wurde zu Vieh- und Krämermärkten aufgetrieben. Und auch der Wochenmarkt war einst hier. „Da war im Unteren Dorf richtig was los“, erinnert sich Achim Riedmüller, der nur einige Meter entfernt wohnt.

Ursprünglicher Dorfcharakter

„Unsere Väter haben uns schon als Kinder hierher mitgenommen“, erzählt Uwe Zahner. Im „Bäumle“, wo man in den kleinen Gasträumen unter der niederen Decke eng zusammenrückt, ist der ursprüngliche Dorfcharakter noch spürbar. Der Zusammenhalt in guten wie in schlechten Zeiten. Eben so, wie in einer großen Familie. Weihnachten, Fasching, Oktoberfest oder Fußball-WM: Hier wird gemeinsam gefeiert, gelacht ... und ja, auch gemeinsam getrauert, geweint.

Jede Menge Patina

„Man weiß: Wenn man hierher ins Bäumle kommt, trifft man immer jemanden, mit dem man zwanglos ein Bier trinken und schwätzen kann“, erzählt Rolf Schiele am von Rauchschwaden umnebelten Stammtisch, an dem - wie auch an den Stühlen und Bänken - jede Menge Patina haftet. Von der Wand blicken Elvis und Marilyn in schwarz-weiß, wie zu ihren besten Zeiten.

„Wir wollen ja gar nicht, dass sich hier etwas verändert. Das gerade ist ja das Flair der Wirtschaft“, sagt der 51-jährige Uwe Zahner, der viele seiner Stammtischbrüder schon seit Kindheit kennt. „Wir sind alle im Unteren Dorf geboren, viele von uns sind zusammen zur Schule gegangen und haben gemeinsam bei der Viktoria gekickt.“

Seit die Kneipenbrüder wissen, dass zum 31. Dezember in der Schlossstraße 11 das Licht ausgehen soll, haben sie jede Menge Diskussionsstoff. Der Herzenswunsch aller ist es, die Kneipe bis zu deren Abriss ehrenamtlich, „etwa als Vereinsgaststätte“, eigenverantwortlich weiterbetreiben zu können. „Uns ist klar, dass der Abriss irgendwann ansteht“, sagt Schiele. Und er verstehe auch, dass der Eigentümer, die Wasseralfinger Löwenbrauerei, keine größere Summe mehr in das baufällige Gebäude investieren will. „Aber wir wären bereit, das, was gemacht werden muss, auf eigene Kosten zu stemmen“, wirft Stefan Abele ein. Schließlich habe das „Bäumle“ schon zwei Weltkriege überlebt und auch das Jahrhunderthochwasser des nahen Kochers 1990.

„Ein Event“, sagt Achim Riedmüller dann, „machen wir auf jeden Fall noch“: Den Christbaumverkauf am 11. Dezember. Von 9 bis 14 Uhr, wie immer vor dem „Bäumle“.

Gut zu wissen

Bürgermeisterwohnung: In der Wohnung über der Gastwirtschaft „Bäumle“ ist 1915 Johannes Hegele, der einzige Bürgermeister der Stadt Wasseralfingen, geboren worden. Bis 1952 soll er dort gewohnt haben.


Wie alles begann: Der Hüttenwerksarbeiter und gelernte Metzger Georg Emer hat 1873 als Inhaber des Gebäudes am Marktplatz Nr. 73a, heute Schlossstraße 11, die Genehmigung zum Ausschank von Bier, Wein, Obstmost und Branntwein beantragt. Ursprünglich soll das Gebäude des „Bäumle“ als Stadel und Scheuer für das danebenstehende frühere Amtshaus gedient haben. 1909 kaufte Franz Xaver Hegele, der Vater des späteren Bürgermeisters, die Gastwirtschaft von Georg Emer. Nach dessen Tod 1928 übernahm seine Frau Margaretha Hegele die Wirtschaft. Nachdem sie 1950 gestorben war, führten die Schwestern des Bürgermeisters Paula und Maria Hegele die Wirtschaft. 1979 ist das „Bäumle“ an die Stadt Aalen verkauft worden, die es wiederum an die Wasseralfinger Löwenbrauerei verkauft hat.

bäumle
Auch an den Wänden heftet Patina.
Die Stammtischler wünschen sich sehnlichst, dass der Abriss ihres "Bäumle" noch aufgeschoben wird.
Äußerlich und innerlich hat sich das einstige Wirtshaus „Grüner Baum“, heute „Bäumle“ seit 150 Jahren kaum verändert.

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